Stellen Sie sich vor, Ihre Firma hat einen „Chief Kindness Officer“. Was hat „Kindness“ – Freundlichkeit in einem erweiterten Sinn – mit einer Firma, HR oder überhaupt die Wirtschaft zu tun? Freundlichkeit als Triebfeder einer neuen Ökonomie? Auf den ersten Blick scheinen das Begriffe zu sein, die sich schwer vereinbaren lassen, sich fast schon ausschließen. Warum glaube ich daran, dass sich die Kindness Economy – und ein neuer Offizierstitel für innovative Unternehmen – dennoch verbreiten wird, und warum gerade jetzt?
Narrativ des Miteinanders
In turbulenten Zeiten auf dem Arbeitsmarkt brauchen wir nicht nur neue Strategien, sondern auch neue Prioritäten für Wirtschaft und Gesellschaft. Eine Ökonomie der Freundlichkeit, in deren Kern eine neue Menschen-, Umwelt- und Kundenbeziehung steht. People, Planet, Profit – in diese Reihenfolge, und nicht umgekehrt. Die Kindness Economy pflegt eine Firmenkultur der aufrechten Zugewandtheit, des gegenseitigen Respekts – eine Denkweise, mit der weiterhin ökonomisches Wachstum möglich ist und wir unserem natürlichen Hang zur Geldvermehrung frönen können. Dabei aber mehr auf die Umwelt und die Gesellschaft achten.
Umfragen der letzten Jahre belegen, dass insbesondere in den Generationen Y und Z das Bewusstsein für Unternehmensethik wächst. Firmen, die Gewinnmaximierung priorisieren – dazu gehören auch viele Start-ups – vernachlässigen Aspekte wie den „Deep Purpose“ – einen tieferen Sinn, der über das Geschäftsmodell hinausgeht. Umfragen zeigen, dass mindestens 50 Prozent der Mitarbeiter in allen Firmengrößen über sinnlose Arbeit klagen. Phänomene wie das „Quiet Quitting“ in Amerika, in denen Millionen Menschen ihre alten Arbeitsplätze kündigen, zeigen, dass die das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit umkehrt. Heute sind es die „Arbeitnehmer“, die die Bedingungen der Arbeitsverhältnisse bestimmen.
Brauchen wir einen Chief Kindness Officer?
In der Ökonomie der Freundlichkeit geht es darum, Mitarbeitenden, Kundinnen und Kunden mehr Respekt und Wertschätzung entgegenzubringen. Firmen werden sich mehr auf den humanen Teil der HR fokussieren anstatt auf Arbeitskraft als Ressource. Dafür brauchen wir Strategien, um auch diejenigen zu erreichen, die sich aus dem traditionellen Arbeitsmarkt verabschiedet haben und nach Alternativen zur klassischen Erwerbswelt suchen. Zertifizierungen wie BCorp oder die Kriterien der ESGs waren der Anfang. Wie wäre es mit einem neuen Label für Freundlichkeit. Statt Key Performance Indicators, eine neue KPI: – Kindness Performance Indicators. Eine Art Währung, die in der Zukunft für unterschiedliche Zwecke und Ziele umgetauscht und eingesetzt werden kann. Beispiele aus aller Welt reichen von innovativem Bürodesign über Hybrid Working, Barista-Training, Hundetagen bis zur Unterstützung von Workations und einer konsequenten Entwicklung von Work Life Blending. Dazu gehört eben jener Chief Kindness Officer, der ein neues Narrativ in eine Firma bringt und verbreitet. Das Narrativ des Miteinander.
Je mehr wir in der Welt der Digitalisierung eintauchen, desto mehr brauchen wir einen Ausgleich, ein „humanes Analog“. Freundlichkeit kann man nicht faken, sie ist eine Frage der unmittelbaren Erfahrung. „Kindwashing“ entlarvt sich schnell. Das Prinzip „Kindness“ kann nicht nur die Lebensqualität verbessern, sondern auch ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein. Freundlichkeit, die aus dem inneren Sinn eines Unternehmens kommt, kann dessen Erfolg massiv steigern. Sie ist Teil unserer wirtschaftlichen Entwicklung von der alten Industriegesellschaft zur postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Es geht um mehr als um einen moralischen Appell. Es geht um das Denken der Zukunft. Weg von der Wertschöpfungskette, hin zum Wertschöpfungskreis.
Info
Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 11/2023 der Personalwirtschaft. Hier geht es zum E-Paper!
Autor
OONA HORX STRATHERN ist Trendforscherin, Keynote Speaker, Beraterin und Autorin. Sie ist des Weiteren Expertin für die Entwicklung von Städten und Lebensstilen sowie neue Regeln der Arbeitswelt. Ihr neues Buch „Kindness Economy“ ist im September im GABAL Verlag erschienen.
