1991: Personalarbeit nach der Wende

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Viele Unternehmen meldeten 1991 einen „eklatanten Mangel an Führungskräften in allen Hierarchie-Ebenen“. Besonders in Marketing und Vertrieb bleiben die Chefsessel leer und oft sind diejenigen, die dort sitzen, älter als 45. „Jetzt plädieren Personalchefs für ausgewogene Altersmixturen und nicht zuletzt Frauen auf Führungspositionen,“ berichtet die Personalwirtschaft in ihrer ersten Ausgabe des Jahres.

Im zweiten Jahr nach der Wende beschäftigt sich die Arbeitswelt zudem mit dem nicht abreißenden Zuwanderungsstrom aus den alten Bundesländern. „Die Arbeitsämter rechnen allein mit drei Millionen Arbeitslosen und Kurzarbeitern in den neuen Bundesländern“, heißt es im Magazin. Das Zusammenwachsen von Ost und West ist auch ein wichtiges Thema beim 2. Personalleitertag der Gesellschaft für Personalmanagement (GMP) und den Magdeburgern Gesprächen der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP). Teilweise kam es bei den dort angebotenen Seminaren zu Missverständnissen, „wenn der Dozent keinerlei DDR-Erfahrungen hatte“. Weitere Artikel im Heft plädieren dafür, diesen Übergang als Chance für die Wirtschaft zu sehen. Dringend nötig seien „neue entpolitisierte Führungskonzepte anstelle von (pseudowissenschaftlichen) sozialistischen Leitungsprinzipien.“

Die Technik schreitet voran. Kurz vorgestellt wird in der Februar-Ausgabe ein neues Computermodell. Mit einer 800-Megabyte-Festplatte – heutzutage hat jedes Smartphone ein Vielfaches an Speicherkapazität – genügt er „den höchsten Ansprüchen an industrielle Rechnerleistung“.

Vorbeugen für die Krise

Computer benötigt man zunehmend auch für datengetriebene Personalarbeit. „Ein Kennzahlensystem stellt ein wichtiges betriebswirtschaftliches Instrumentarium zur Kontrolle, Planung und Berichterstattung über die Personaldaten dar“, schreiben unsere Vorgänger. Und auch die Bewerberverwaltung wurde bereits teils elektronisch gemacht. „Ein Höchstmaß an Benutzerfreundlichkeit ist grundlegende Voraussetzung, um Zeit, Mühen und Kosten zu sparen.“ Als Kuriosum dagegen kann ein in der März-Ausgabe vorgestelltes Gerät bewertet werden, das durch „negative Ionen“ das angeblich schädliche Kraftfeld von Computerbildschirmen neutralisiert. Und in der April-Ausgabe ist tatsächlich bereits das Wort „Künstliche Intelligenz“ zu lesen. Keine „Spinnerei“, sondern „wissensbasierte Systeme“, die in der Lage sind „komplexe Zusammenhänge und vielfältige Begriffswelten abzubilden und zu verarbeiten.“

„Die Zukunft muss kein Zufall bleiben“, titelt eine Strecke in derselben Ausgabe, die sich mit ökonomischem, demografischem und politischem Wandel beschäftigt. Der Schlüssel: Bildung. „Die einseitige Orientierung nach Leistungssteigerung muß den Weg frei machen für eine umfassendere Bildungsarbeit, welche in der Überwindung von veralteten Normen und in der gesellschaftlichen Integration ebenbürtige Aufgaben sehen.“

Doch das ist oft gar nicht so einfach – die „Bildungsoffensive“ in den neuen Bundesländern hat einige Hürden zu bewältigen. „Viele Arbeitnehmer können sich nur schwer von jahrzehntelang geprägten Vorstellungen lösen, daß letztlich der Staat für ihre Beschäftigung politisch und sozial die Verantwortung trage“, berichtet die „Personalwirtschaft“ in der Mai-Ausgabe.

Führungszeugnis mit gelbem Schein

„Absentismus“ – Mythos oder tatsächliches Problem? Ein Artikel in der Juli-Ausgabe beschäftigt sich mit den häufigsten Vorurteilen zum Thema Krankschreibung auf, zum Beispiel dass bei guter Konjunktur häufiger krankgefeiert wird: „Hinter dieser These verbirgt sich die Annahme, daß die Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes in Krisenzeiten zu einer Besserung der Arbeitsmoral führt.“ Ein vermehrtes „Blaumachen“ sei im Übrigen kein Zeichen mangelnder Motivation, sondern schlechter Führung, eine „Abstimmung per Krankenschein“.

Ein „relativ junges Instrument“ wird in der Ausgabe Novemberausgabe beleuchtet: Die Wiedereinstellungsgarantie. Dies betrifft vor allem die schätzungsweise 320.000 Frauen, die in den frühen 90er-Jahren jährlich nach einer „Familienphase“ wieder berufstätig werden. Und ein Artikel über Frauenförderung in den Vereinten Nationen stellt die Frage: „Warum hat man das 30 % Ziel nicht erreicht und warum sind auf der obersten Führungsebene weniger als 10 % Frauen tätig?“ Diese Thematik greift auch der Brief einer Leserin in der Dezemberausgabe auf: „Berufliche Gleichstellung zu proklamieren, ohne gleichzeitig die gesellschaftlichen Lösungen vorzubereiten, genügt nicht mehr!“

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Auszeichnung des Jahres

Den Titel „Öko-Manager des Jahres“, verliehen von der WWF und dem Magazin Capital, gewinnt 1991 Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub, der „mit seinem Verkaufsstop für Schildkrötensuppen und Froschschenkel sein Umweltengagement deutlich gemacht“ habe. Viel bedeutender: Die Tengelmann-Handelskette nimmt als erste phosphathaltige Vollwaschmittel aus ihren Supermarktregalen.

Zahl des Jahres

Betriebssport erhöht die Wirtschaftlichkeit. Die Anzahl der Arbeitsausfalltage sank laut einer Langzeitstudie, die sich mit einem Fitnessprogramm in einem amerikanischen Unternehmen beschäftigt, um rund 37 Prozent, berichtet die Personalwirtschaft in der Mai-Ausgabe 1991. Allerdings: „Physische Gesundheit darf im Unternehmen nicht isoliert als ökonomischer Faktor betrachtet werden, sondern ist als ein Baustein zu bewerten.“

Tipp des Jahres

Wie sieht erfolgreiches Personalmarketing aus? „Verwenden Sie keine abgedroschenen Phrasen, sondern nutzen Sie positive Attribute wie innovativ, sicher, attraktiv, modern, sauber“, so der Rat in Ausgabe 5.

Warnung des Jahres

Die „Digital Natives“ rücken an: „Inzwischen werfen Hochschulen und Universitäten jedes Jahr Scharen junger Leute auf den Arbeitsmarkt, die spielerisch mit PCs umzugehen gelernt haben.“ In Ausgabe 10/1991 wird vor ihnen als „ständig wachsendes Risiko“ gewarnt, zum Beispiel wenn nach der Beschäftigung eines Werkstudierenden eine „durchgreifende Virenverseuchung“ festgestellt werden muss.

Angela Heider-Willms verantwortet die Berichterstattung zu den Themen Transformation, Change Management und Leadership. Zudem beschäftigt sie sich mit dem Thema Diversity.