Wann ruft er an? Schreibt sie mir noch? Warum melden sie sich nicht? Mit solchen Fragen plagen sich Menschen nicht nur im Dating-Dschungel. Auch im Bewerbungsprozess warten Kandidatinnen und Kandidaten oft vergeblich auf Antwort von der anderen Seite. Der plötzliche und nicht erklärte Kontaktabbruch, neudeutsch Ghosting genannt, ist ein Verhaltensmuster, das insbesondere jungen Menschen oft unterstellt wird. Tatsächlich sind sie jedoch immer wieder Opfer solcher Verhaltensweisen, wie eine neue Untersuchung der Hochschul-Karriereplattform Jobteaser zeigt.
Die Studie „Candidate Experience: Gen Z & HR in der Gegenüberstellung“ beschäftigt sich mit den Erfahrungen der nach 1995 geborenen Menschen bei ihrem Eintritt ins Arbeitsleben. Dafür wurden mehr als 10.000 Studierende beziehungsweise Berufsanfänger und Personalverantwortliche in ganz Europa, in Deutschland 1.220 Studierende und Berufsanfänger sowie 726 Personalverantwortliche, befragt.
HR-Verantwortliche brechen Kontakt ab
Mit Ghosting haben demnach drei von vier der GenZ-Angehörigen bereits Erfahrungen gemacht: 74 Prozent gaben an, schon einmal von Personalverantwortlichen geghostet worden zu sein. Diese Wahrnehmung ist sicher nicht aus der Luft gegriffen – denn wiederum gut die Hälfte der Personalverantwortlichen gab in der Umfrage zu, den Kontakt zu Kandidatinnen und Kandidatinnen abgebrochen zu haben. Solche Nichtbeachtung hat negative Auswirkungen auf die Arbeitgebermarke: Sieben von zehn jungen Menschen, die eine schlechte Bewerbungserfahrung gemacht haben, geben an, dass dies für sie das Image vom Unternehmen verschlechtert hat.
Gute Aussichten für den Nachwuchs
Unternehmen sollten sich gut überlegen, wie sie mit dem Nachwuchs umgehen. Denn auch wenn der derzeitige Arbeitsmarkt schwächelt, sind die beruflichen Aussichten der jungen Menschen grundsätzlich ausgezeichnet: Die Arbeitslosenquote der 15- bis 25-Jährigen liegt aktuell in Deutschland bei 4,9 Prozent – das ist annähernd Vollbeschäftigung. Gleichzeitig wird der Einstellung von Juniorprofilen im Vergleich zu 2023 von einem guten Drittel der Unternehmen eine höhere Priorität eingeräumt, knapp die Häfte der Unternehmen agiert wie im Vorjahr – die Konkurrenz ist also groß. Und schon heute ist die Rekrutierung junger Menschen eine Herausforderung: Mehr als die Hälfte der Recruiterinnen und Recruiter beklagen einen Mangel an qualifizierten Nachwuchskräften.
Ghosting ist keine Einbahnstrasse
Dass die eigentlich so begehrten Nachwuchskräfte von den Personalverantwortlichen gar nicht selten auf die Recruiting-Geisterbahn geschickt werden, ist angesichts solcher Grundvoraussetzungen einigermaßen überraschend. Gerade auch, weil HR selbst geghostet wird und unter den negativen Konsequenzen leidet. Personalerinnen und Personaler beklagen schon seit längerem, kommentarlos von Talenten ignoriert zu werden: In einer Indeed-Umfrage gaben bereits 2019 mehr als die Hälfte der Recruiterinnen und Recruiter an, dass sich das Ghosting durch die Bewerberschaft verschärft habe, fast ein Drittel erlebte einmal im Monat solches Verhalten, ein Viertel einmal wöchentlich – und knapp acht Prozent gar einmal am Tag. Insgesamt wurden 90 Prozent der Personaler und Personalerinnen schon mal geghostet.
Ghosting ist ein Männer-Thema
Mit den Gründen, warum Bewerber und Bewerberinnen sich plötzlich unsichtbar machen, hat sich kürzlich auch eine Umfrage von HeyJobs beschäftigt. Demnach sind schlechte Kommunikation, fehlende Eingangsbestätigung und ein schlechter Gesamteindruck des Unternehmens die wichtigsten Gründe für den vorzeitigen Absprung. Nach dieser Untersuchung ist Ghosting vor allem ein Männer-Thema: Über zwei Drittel der Professionals und mehr als die Hälfte der Fachkräfte, die angaben, schon einmal geghostet zu haben, sind männlich.
Warum brechen junge Menschen Bewerbungsprozesse ab?
Aber zurück zur Generation Z: Für sie ist die Nichtbeachtung durch die Personalverantwortlichen im Bewerbungsprozess ein sicheres Mittel, um sie nachhaltig abzuschrecken. Wenn die jungen Menschen wiederum vorzeitig aus einem Bewerbungsprozess aussteigen, gehören laut der Jobteaser-Studie die fehlende Nähe zum Recruiting-Team und mangelnde Transparenz bei der Vergütung zu den Hauptfaktoren für den Bewerbungsabbruch.
Ein anderer Faktor sind langwierige Entscheidungsprozesse bei den Unternehmen. 21 Tage sind demnach die Grenze, jenseits derer der Einstellungsprozess für junge Bewerberinnen und Bewerber zu lang wird – allerdings wird bei einem Viertel der Einstellungen diese Frist überschritten. Deutschlandweit sehen 41 Prozent der Studierenden und Berufseinsteigerinnen sowie Berufseinsteiger in zu langwierigen Entscheidungsprozessen einen Hauptgrund für den Abbruch des Bewerbungsprozesses. In Berlin ist sogar für fast die Hälfte der jungen Leute fehlende Geschwindigkeit das Hauptproblem – dafür wird in der Hauptstadt weniger Wert auf die Nähe zu den Personalverantwortlichen gelegt.
Ist die GenZ wirklich anders?
Über die Gen Z gibt es jede Menge Meinungen und Vorurteile. Auch und gerade im Berufsleben. Lebhaft wird diskutiert, ob es tatsächlich Verhaltensunterschiede zwischen den mehr oder weniger willkürlich benannten Generationen gibt – oder ob sich etwaige Unterschiede vor allem aus Faktoren wie Bildung und Lebensumständen ergeben. Der Jugendforscher Simon Schnetzer beschäftigt sich im Rahmen der jährlichen Trendstudie „Jugend in Deutschland“ seit langem wissenschaftlich mit den Ansichten und Lebenswirklichkeiten junger Menschen.
Zusammenfassend bescheinigte Schnetzer 2023 der GenZ: Sie sei „immer online. Das Real Life ist mit dem digitalen verschmolzen“. Außerdem habe die GenZ „große Schwierigkeiten Entscheidungen zu treffen. Es gibt zu viele Möglichkeiten, zu viel Information und zu wenig Zeit, um in Ruhe über die Entscheidung nachzudenken“. Zudem seien die jungen Leute maximal unverbindlich, „egal ob es um eine Verabredung oder einen neuen Job geht, eine Entscheidung ist nur ein Zwischenstand, bis etwas besseres kommt“.
Konsequenzen für HR
Auch wenn Studien und Umfragen notwendigerweise Pauschalisierungen über bestimmte Gruppen Vorschub leisten, lassen sich doch für den Umgang mit jungen Menschen im Recruiting einige Rückschlüsse ziehen. Laut der Jobteaser-Studie sind die wichtigsten Kriterien, um sich im Wettbewerb um junge Bewerberinnen und Bewerber von anderen Unternehmen abzusetzen, Angaben zum Gehalt und ein schneller Bewerbungs- und klarer Einstellungsprozess. An der Aufgabe, eine Candidate-Experience zu schaffen, die solche Bedürfnisse und Wünsche der GenZ berücksichtigt, wird in Zukunft wohl kaum ein HR-Team vorbeikommen.
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Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Forschung & Lehre sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.

