Bei der Medien- und Vermarktungsgruppe Ströer hat es in den vergangenen Tagen Unruhen gegeben. Daran war nicht nur der angekündigte Abschied von Co-CEO Christian Schmalzl Schuld, sondern auch die Einführung einer neuen Büropflicht für die Ströer-Mitarbeitenden.
Die neue Regelung zur Anwesenheit im Büro führte zu einer kontroversen Debatte über Führungskultur, Mitarbeiterbindung und die Zukunft des modernen Arbeitens. In der HR-Szene sorgte der Fall aber nicht unbedingt wegen der Bürorückkehr für Aufsehen, sondern vor allem wegen des Umgangs des Unternehmens mit dem Thema Back to Office.
Die neue Präsenzpflicht: Ein klarer Schritt zurück?
Was war passiert? Ab dem 1. April 2026 verpflichtet Ströer seine Mitarbeitenden zu einer mindestens viermal wöchentlichen Büropräsenz. Zuvor galt eine 50/50-Regelung für Homeoffice-Tage. Der Homeoffice-Tag muss zudem aber über ein internes Buchungssystem beantragt werden, wie Mitarbeitende auf der Arbeitgeberbewertungsplattform Kununu berichteten. Führungskräfte, die laut Ströer-CEO Udo Müller eine „besondere Verantwortung“ tragen, sollen gänzlich auf Homeoffice verzichten. Mit der neuen Regelung wird auch die Möglichkeit zur „Workation“, bei der Mitarbeitende vorübergehend aus dem Ausland arbeiten, abgeschafft, wie Medieninsider berichtet. Ströer folgt damit der Bewegung, bei der Unternehmen zu einem strikteren Präsenzmodell zurückkehren – ein Schritt, den auch andere Medienunternehmen wie Axel Springer vollzogen haben. Ströer wollte sich auf Anfrage unserer Redaktion nicht zu den Änderungen äußern.
Für Müller stellt die Präsenzpflicht ein notwendiges Mittel dar, um das Unternehmen wieder auf den richtigen Kurs zu bringen, wie er gegenüber Medieninsider sagte. Schließlich befinde man sich in einer instabilen Weltlage und müsse die KI-Transformation sowie „disruptive Regulierungsmaßnahmen“ bewältigen. In einer internen Nachricht erklärt er, dass das Vertrauen in die Mitarbeitenden weiterhin besteht, aber die Verantwortung gegenüber dem Unternehmen nun über allem stehe. Der Geschäftsführer fordert die Belegschaft dazu auf, sich „auf uns zu konzentrieren“ und gemeinsam als Team stärker zu werden, wie Medieninsider berichtet.
Kritik und Misstrauen aus der Belegschaft
Die Reaktionen auf die neue Regelung fallen überwiegend negativ aus. Viele Mitarbeitende empfinden die Maßnahme als Misstrauen und als Eingriff auf ihre zuvor genossene Flexibilität, wie sie auf Kununu berichten. Gerade die Entscheidung, auf Homeoffice weitestgehend zu verzichten, trifft viele hart, zumal Ströer in der Vergangenheit durch flexible Arbeitszeiten und das Vertrauen in die Selbstorganisation der Mitarbeitenden punkten konnte. Diese Flexibilität war für viele ein wichtiger Bestandteil ihres Lebensmodells geworden.
Der Frust innerhalb der Belegschaft wird auf der Bewertungsplattform Kununu sichtbar, wo Ströer in den letzten Tagen verstärkt mit negativen Bewertungen konfrontiert wurde. In nur wenigen Tagen ist die Weiterempfehlungsrate von 65 Prozent auf 42 Prozent gesunken. Es gab im Januar 140 Bewertungen mit durchschnittlich 1,8 von 5 Sternen. Das sind fast so viele Bewertungen, wie im ganzen Jahr 2025. Die zentrale Kritik dreht sich vor allem um die Kommunikation der neuen Regelung. Viele Mitarbeitenden bemängeln, dass die Entscheidung aus der Führungsetage ohne ausreichende Erklärung getroffen wurde und sie nun mit der Unsicherheit über die Zukunft und steigenden Belastungen konfrontiert sind.
Negative Auswirkungen auf das Employer Branding
Michael Benz, Senior Employer Branding Stratege bei der HR-Agentur Yea HR, fasst die Situation in einem LinkedIn-Beitrag zusammen: „Ein kleiner Employer-Branding-Krimi.“ Benz zeigt sich enttäuscht über die Kommunikationsstrategie von Ströer und hebt hervor, dass das Unternehmen die Kontrolle über das eigene Arbeitgeberimage verloren habe. Besonders auffällig sei die Diskrepanz zwischen den aktuellen Stellenanzeigen, die weiterhin mit flexiblen Arbeitsmodellen werben, und der neuen Büroregelung. Die mangelnde Reaktion von Ströer auf die negative Resonanz auf Kununu verstärke das Problem zusätzlich. Benz erklärt, dass in der Welt des Employer Branding die Kommunikation entscheidend sei und das Unternehmen die Chance verpasst habe, proaktiv zu handeln.
Negativbewertungen auf Kununu haben laut Stefan Scheller, HR-Berater, direkte Auswirkungen auf das Employer Branding eines Unternehmens. Besonders in Zeiten, in denen Suchmaschinenoptimierung (SEO) und Künstliche Intelligenz zunehmend auf Bewertungen reagieren, werde die Wirkung solcher negativen Rückmeldungen unmittelbar spürbar. Das wird für Unternehmen problematisch werden.
KI-Zusammenfassungen zum Arbeitgeber verschlechtert
Schon jetzt hat sich die KI-Zusammenfassung der Kununu-Bewertungen von Ströer verändert und die Neuregelung aufgegriffen: „Der Kollegenzusammenhalt wird positiv bewertet und stellt für viele Mitarbeiter:innen einen wesentlichen Halt im Unternehmensalltag dar. Allerdings spiegeln die Bewertungen eine zunehmende Unzufriedenheit wider, insbesondere durch die geplante Einschränkung der flexiblen Arbeitsmodelle ab April 2026, welche eine Anwesenheitspflicht von vier bis fünf Tagen im Büro vorsieht und die bisherigen Flexwork- und Workation-Möglichkeiten drastisch reduziert.“ Auch ChatGPT greift die Bewertungen sofort auf. Von einer Userin testweise gefragt, wie gut Ströer als Arbeitgeber sei, kam zurück: Präsenzpflicht als Rückschritt.
Justin Geschwill ist Volontär der Personalwirtschaft.

