Den Namen Luis Rubiales kannten bis vor Kurzem wohl nur Menschen mit einem ausgeprägten Interesse an internationalem Fußball. Seine Karriere begann er als Spieler in der zweiten spanischen Liga. Später stand er der spanischen Spielergewerkschaft vor und wurde 2018 zum Präsidenten des spanischen Fußballverbandes RFEF gewählt. Eine klassische Funktionärskarriere.
Zu seiner Bekanntheit führte ein kurzer, aber signifikanter Moment bei der Siegerehrung des spanischen Nationalteams der Frauen, das in diesem Sommer die Weltmeisterschaft gewann. Rubiales gratulierte den Spielerinnen mit Umarmungen und Küssen auf die Wange, vor laufender Kamera. Als Jennifer Hermoso, beste Torschützin der Nationalmannschaft, an der Reihe war, hielt er ihren Kopf nach einer Umarmung in beiden Händen fest und presste ihr einen Kuss auf den Mund. Hermoso gab später an, dass dies gegen ihr Einverständnis geschehen sei und sie sich als „Opfer eines Übergriffs“ gefühlt habe.
Selten ist die Weltöffentlichkeit live zugeschaltet, wenn sich ein Mann in einer Machtposition einer Frau gegenüber übergriffig verhält. In den meisten Fällen geschieht so ein Vorfall unter Zweien und Streitpunkt ist, was überhaupt geschehen ist. In diesem Fall ist die Tat unstrittig.
Fehlerkultur Fehlanzeige
Für Rubiales hätte es viele Möglichkeiten gegeben, hierauf zu reagieren. Eine öffentliche Entschuldigung. Ein Versuch, den Fauxpas wieder gutzumachen. Ein Rücktritt, wie ihn nun einige Sportlerinnen und Sportler fordern. Rubiales wählte die wohl ungünstigste Variante: die Flucht nach vorn. Er stritt den Vorfall ab, behauptete er sei in „gegenseitiger Zuneigung“ geschehen und bezeichnete die zahlreichen kritischen Stimmen auch aus den Reihen der RFEF als „Blödsinn“. Gleich fünfmal sagte Rubiales auf einer einberufenen außerordentlichen Generalversammlung, dass er nicht zurücktreten werde. Die FIFA schaltete sich ein und suspendierte ihn in seinem Amt als Präsident für 90 Tage. Eine Beschwerde wurde beim nationalen Sportsgerichtshof eingereicht, es könnte zu einem Verfahren kommen. Doch Rubiales klebt weiterhin an seinem Stuhl.
CEOs mit Sitzfleisch
Es ist nicht das erste Mal, dass der Chefsessel geradezu magnetische Kräfte auf die Person ausübt, die auf ihm sitzt. Beispiele von Führungskräften, die trotz kräftigem Gegenwind ihre Machtposition nicht aufgeben, gibt es viele. Hier nur einige aus der jüngsten Zeit:
- Timothy J. Sloan, ehemaliger CEO des Finanzdienstleistungsunternehmens Wells Fargo. Er hielt noch zweieinhalb Jahre an seinem Posten fest, obwohl Skandale über Scheinkonten ans Licht kamen. 2019 trat er schließlich zurück.
- Clemens Tönnies, Geschäftsführer der Tönnies Holding. Weder Steuerhinterziehungsverfahren, Cum-Ex-Verwicklung, rassistische Aussagen, der Skandal um Hygienebedingungen im Tönnies-Stammwerk und russische Staatskredite können an seinem Posten als Geschäftsführer des gleichnamigen Fleischkonzerns rütteln.
- Bobby Kotick, CEO von Activision. Er vertuschte sexuelle Übergriffe im Unternehmen. Seit mehreren Jahren werden wiederholt Forderungen von Mitarbeitenden und Shareholdern nach seinem Rücktritt laut. Dennoch gibt er den Posten, den er seit 30 Jahren innehält, nicht auf. Erst im Juni dieses Jahres sprach er in einem Interview von „böswilligen Verzerrungen“ und einem „hetzerischen Narrativ“ gegen ihn.
- Elon Musk, unter anderem CEO von Tesla und des sozialen Netzwerks namens „X“ (vormals Twitter). Nach einer Reihe von Eklats seit der Übernahme hat er zwar seinen Rücktritt als CEO zum Ende des Jahres angekündigt. Dennoch trifft er weiterhin bei der Userbase und Geschäftskunden unbeliebte Entscheidungen, von denen die Umbenennung des Netzwerks nur die jüngste ist.
Augen zu und durch: Das scheint bei diesem Führungsstil die Devise zu sein. Doch der vielzitierte Chefsessel ist nicht der Thron eines Monarchen, auf den es ein gottgegebenes Recht gibt. Wer dort sitzt, trägt Verantwortung für das Wohlergehen der gesamten Organisation, egal ob Unternehmen oder Fußballverband. Und dies bedeutet auch einzusehen, wann die Zeit für jemand Neuen gekommen ist. Wer sich dagegen so anhaltend wehrt wie die Obengenannten, dem ist wohl der eigene Machtanspruch wichtiger als alles andere.
Angela Heider-Willms verantwortet die Berichterstattung zu den Themen Transformation, Change Management und Leadership. Zudem beschäftigt sie sich mit dem Thema Diversity.

