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„Prozesse in der Personalabteilung sind auch Politik“

Sebastian Roloff (SPD)
Der Ex-Personaler Sebastian Roloff sitzt seit kurzem für die SPD im Bundestag. (Foto: privat)

Personalwirtschaft: Herr Roloff, herzlichen Glückwunsch
zum Einzug in den Bundestag. Herrscht dort eine andere Arbeitsweise als in der
Personalabteilung?
Sebastian Roloff:
Die Arbeitsweisen sind sich sehr
ähnlich. Prozesse in einem Unternehmen und vor allem in einer Personalabteilung
sind ja immer auch politische Prozesse. In HR wie auch in der Politik gibt es eine
gewisse Hierarchie, man muss sein Team mitnehmen, muss Leute überzeugen ohne
sie zu etwas zu nötigen, teilweise eine Linie vorgeben und auf das Engagement
des Teams hinwirken. Deshalb habe ich auch als Personalleiter immer gesagt:
Eigentlich bin ich den ganzen Tag über im diplomatischen Dienst, renne von A
nach B, und erkläre B warum C das auch gut findet und wie wir es D erklären. In
der Politik hat man nur ein paar mehr Stakeholder.

Bevor Sie nach der Wahl im September
Bundestagsabgeordneter geworden sind, waren Sie Personalleiter beim
Nutzfahrzeughersteller MAN Truck& Bus und selbstständiger Rechtsanwalt für
Arbeits- und Sozialrecht. Außerdem haben Sie in der Vergangenheit die
Rechtsstelle von IG Metall geleitet. Wie haben Sie die dort gemachten Erfahrungen
politisch geprägt?

In den vergangenen zehn Jahren habe ich mich von den verschiedensten
Seiten mit Arbeitsrecht beschäftigt – und auch in meiner politischen Rolle will
ich die entsprechenden Fragen beantworten: Wie schaffen wir ein modernes
Arbeitsrecht? Wie gelingt die Transformation der Arbeitswelt? Und wie
realisieren wir nötige Qualifikationen für die Zukunft?

Helfen Ihnen Ihre in HR gemachten Erfahrungen bei
der Beantwortung dieser Fragen?

Ja, natürlich. Für die Beantwortung dieser Fragen in den
Unternehmen selbst spielt HR eine ganz zentrale Rolle. Denn HR organisiert
diesen Wandlungsprozess. Und um diesen Kernfragen politisch nachzugehen, hilft
es mir, in dem Bereich gearbeitet zu haben. Man sagt ja immer, dass Politiker
und Politikerinnen wenig Fachexpertise haben. Wenn diese aber vorhanden ist,
sollte man sie nutzen. Das möchte ich tun.

Warum ist die Politik hinsichtlich der Transformation der
Arbeitswelt nicht schon früher aktiv geworden?

Dass die Arbeitswelt sich verändert und zwar rapide, stellen
wir schon seit einigen Jahren fest. Da kommen der Gesetzgeber und teilweise die
Unternehmen nicht hinterher. Das fällt mir an zwei Beispielen auf. Zum einen
bei der Mitbestimmung und dem Schutz der Mitarbeitenden. Und zum anderen beim
Thema Qualifikation.

Was liegt dort Ihrer Meinung nach im argen?
Berufsbilder ändern sich dramatisch. Wenn zum Beispiel kein
Auto mehr mit klassischem Verbrennungsmotor gebaut wird, sondern mit einem elektrischen,
dann ist völlig klar, dass die Mitarbeitenden für diese Herstellung andere
Kompetenzen brauchen. Wie diese Kompetenzen an den Mann und die Frau kommen,
ist die entscheidende Frage hierbei.

Wie kann die Politik dabei helfen, diese Frage zu
beantworten?

Die Politik muss jetzt die Rahmenbedingungen schaffen. Für
die neue Bundesregierung bedeutet dies, dass sie klare Ansagen dazu machen
muss, ab wann beispielsweise welche Produkte nicht mehr hergestellt werden sollen.
Um in der Automobilbranche zu bleiben: Hier braucht es ein Enddatum für die
Herstellung des Verbrennungsmotors. Den Unternehmen hilft es für ihre Planung
zu wissen, was wann passiert. Dann können sie sich überlegen, wie sie welche
Bedarfe decken können und einen Plan für entsprechende Weiterbildungen machen. Bei
ganzen Berufsbildern, die wegfallen, ist dann aber der Staat gefragt mit dem
Hinweis, wie man betroffene Menschen weiterbildet, damit diese weiter aktiv
arbeiten können.

Und wenn das nicht ausreicht und Unternehmen – auch
aufgrund des demografischen Wandels – trotz  Weiterbildungsmaßnahmen nicht genug Fachkräfte
haben, um die anfallenden unternehmensinternen Aufgaben zu bewältigen?

Dann müssen wir mit gezielter Zuwanderung von Fachkräften
arbeiten. In der Ampelkoalition wir hierzu ein Punktesystem diskutiert, das
darstellt, wie viele Fachkräfte ich wo brauche. Der Bedarf wird von den
Unternehmen aber auch der Bundesagentur für Arbeit gemeldet. Die Politik muss
dann die Rahmenbedingungen schaffen, damit dieser Bedarf an ausländischen
Fachkräften bestmöglich gedeckt werden kann. Das kann durch eine Anpassung des Einwanderungsgesetzes
geschehen. Bei der Verteilung von Visa und Arbeitserlaubnis können wir darauf
achten, dass Leute bevorzugt werden, die die gesuchte Qualifikation mitbringen.
Menschen auf Punkte und Qualifikationen zu reduzieren, macht mich zwar nur halb
glücklich, aber aus wirtschaftlicher Sicht, ergibt das Sinn, so konkret
vorzugehen. Nichts desto weniger sollten wir an dieser Stelle die
wirtschaftlichen Anforderungen nicht gegen menschliche Fragen aufwiegen – und
plötzlich nur noch Einreise-, Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse an diejenigen
vergeben, die in einem Punktesystem bestehen.

Welche Rahmenbedingungen müssen noch von der Politik geändert
werden, damit die Transformation der Arbeitswelt erfolgreich gestaltet wird?

Wir brauchen ein modernisiertes Arbeitsrecht, das auch in
der Praxis gut anwendbar ist. Hier denke ich vor allem an ein flexibleres
Teilzeitrecht. Die derzeitige Arbeitszeitgestaltung ist noch zu starr. Individuelle
Wünsche von Mitarbeitenden, die beispielsweise jeden Freitagnachmittag frei haben
möchten, überfordern den Arbeitgeber teilweise. Wenn das Arbeitsrecht hier
klare Vorgaben macht, was in den einzelnen Fällen zu tun ist, könnte das dem
Arbeitgeber Orientierung und Sicherheit geben. Ich wünsche mir auch einen
Rechtsanspruch für Angestellte darauf, einen Teil der Arbeitszeit im Homeoffice
zu verbringen. Der müsste dann auch per Gesetz definiert sein.

Was würden Sie sich als Neu-Politiker und Ex-Personaler
von Ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen wünschen?

Grundsätzlich wäre mehr Offenheit hilfreich und kein
scheinbar selbstverständliches Misstrauen gegenüber der Politik. Politikerinnen
und Politiker würden es leichter haben, wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften
nicht als Kontrahenten Dinge sagen wie “So ist es. Und wer das nicht mitgeht,
verrät die Wirtschaft”, sondern man zusammen nach Lösungen sucht.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Meiner Meinung nach braucht es die Arbeitszeitflexibilisierung
nicht, die derzeit in der Diskussion ist. Denn ich sehe schlichtweg keinen
Bedarf dafür. Ich hätte aber nichts dagegen, einen Runden Tisch zu machen aus
Bundesregierung, Gewerkschaften und Arbeitgebern sowie HR. In diesem Rahmen können
alle Parteien sagen, wo genau der Schmerz mit dem Acht- beziehungsweise Zehn-
Stunden-Tag und wo das Bedürfnis für eine entsprechende Flexibilisierung ist.
Diese Art von Austausch bringt uns weiter.

Sebastian Roloff ist Bundestagsabgeordneter (SPD) für den
Süden Münchens. Der Jurist war vor seinem Einzug in den Bundestag Personalleiter
bei MAN Truck & Bus und arbeitete als selbstständiger Rechtsanwalt mit dem
Schwerpunkt Arbeits- und Sozialrecht. Roloff war zudem einst Leiter der
Rechtsstelle bei der IG Metall München und ehrenamtlicher Richter am
Landesarbeitsgericht München.

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.