Die Gesellschaft altert immer mehr, das hat auch Folgen für die Verteilung von Pflegeaufgaben. Denn längst nicht alle alten oder kranken Menschen, die Hilfe benötigen, bekommen professionelle Unterstützung. In den weitaus meisten Fällen sind es Angehörige, die ihren Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten oder Geschwistern unter die Arme greifen. Im letzten Jahr haben 23 Prozent der 43- bis 65-Jährigen hierzulande regelmäßig eine oder mehrere Personen aufgrund von Gesundheitsproblemen unterstützt oder gepflegt – das sind fast 5,5 Millionen Menschen. 1,4 Millionen haben Pflegeaufgaben übernommen und 4,2 Millionen Unterstützungsaufgaben, beispielsweise Hilfe im Haushalt, Betreuung oder Begleitung. Das zeigt eine aktuelle Veröffentlichung des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) auf Basis des Deutsche Alterssurveys (DEAS), eine repräsentative Befragung von Menschen in der zweiten Lebenshälfte.
So menschlich wertvoll diese Hilfe ist, stellt sie doch für Berufstätige eine Doppelbelastung da. Langfristig kann sie sich beruflich und finanziell negativ auswirken, auch wenn die Pflegenden Maßnahmen zur Unterstützung in Anspruch nehmen.
Geringverdienende können sich die Pflege von Angehörigen weniger leisten
Eine Erkenntnis der Studie ist wenig überraschend: Vollzeiterwerbstätige pflegen Angehörige deutlich seltener als Teilzeitbeschäftige oder nicht Berufstätige. Pflegeaufgaben lassen sich offensichtlich schlecht mit einem Vollzeitjob vereinbaren. Dass Frauen häufiger Unterstützung und Pflege für andere übernehmen als Männer, wurde in dieser Untersuchung nicht statistisch abgesichert. Unterschiede zeigten sich je nach Einkommenssituation: Menschen mit mittleren Einkommen übernahmen Unterstützungs- und Pflegeaufgaben signifikant häufiger (27 Prozent) als armutsgefährdete Personen (15 Prozent) und Menschen mit höheren Einkommen (17 Prozent). Der Grund: Wer über ein niedriges Einkommen verfügt, kann nur schwerlich Abstriche machen und wer viel verdient, kann sich externe Betreuung leisten.
Nur vier Prozent nutzen Angebote zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf
Das Problem ist grundsätzlich hinlänglich bekannt – und es gibt auch verschiedene gesetzlich geregelte Möglichkeiten, die die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf verbessern sollen. Allerdings nehmen nur vier Prozent der Berechtigten Maßnahmen wie kurzzeitige Arbeitsverhinderung, Pflegezeit, Familienpflegezeit oder Freistellung zur Begleitung in der letzten Lebensphase in Anspruch. Gefragt nach den Gründen dafür, warum sie auf die Maßnahmen verzichten, antworteten rund 62 Prozent und damit die Mehrheit, dass sie die Angebote nicht benötigen. Gut ein Fünftel (22 Prozent) gab an, die Angebote seien nicht bekannt. Ein Sechstel (16 Prozent) gab an, keinen Anspruch auf die Leistungen zu haben. Knapp jeder zehnte Befragte befürchtet den bürokratischen Aufwand. Immerhin acht Prozent haben Angst vor beruflichen Nachteilen und sieben Prozent sind die finanziellen Einbußen zu hoch.
Zum meist genannten Grund für die Nichtinanspruchnahme sagt Dr. Ulrike Ehrlich, wissenschaftliche Ansprechpartnerin für die Studie, dass sich die Frage stelle, ob tatsächlich keine Unterstützung gewünscht ist oder ob die Maßnahmen die tatsächlichen Bedürfnisse der Pflegenden zu wenig berücksichtigen. Möglicherweise nähmen pflegende Angehörige Arbeitszeitanpassungen nicht im Rahmen des Pflegezeitgesetzes oder des Familienpflegezeitgesetzes vor, sondern zum Beispiel durch innerbetriebliche Aushandlungen. Oder die finanziellen Vorteile seien gegenüber anderen Regelungen gering, da das Darlehen im Rahmen dieser Gesetze den Verdienstausfall nur zur Hälfte ausgleiche und nach der Freistellung zurückgezahlt werden muss.
Berufliche und finanzielle Situation von Pflegenden verschlechtert sich
Tatsächlich erhöht die familiäre Pflege laut Studie das Risiko, dass Betroffene ihre Erwerbstätigkeit (zeitweise) aufgeben. Das wiederum verschlechtert oft die berufliche und finanzielle Situation dauerhaft, auch im Hinblick auf die eigene Alterssicherung, denn nach der Unterstützungs- und Pflegephase kehren pflegende Angehörige nur selten in ihren ursprüngliche Erwerbsarbeit zurück oder erhöhen ihre Arbeitszeit.
Es gibt Handlungsbedarf
Angesichts der Nachteile der Pflege von Angehörigen und der in der Studie benannten Gründe für die Nichtinanspruchnahme der Leistungen sprechen sich die Studienautoren für verschiedene Maßnahmen aus: Zunächst müssten die bestehenden Unterstützungsangebote überhaupt bekannter gemacht werden. Was die finanziellen Nachteile betrifft, sollte eine Abkehr vom zinslosen Darlehen im Rahmen der Pflegezeit, der Familienpflegezeit und der Begleitung in der letzten Lebensphase erfolgen und eine Entgeltersatzleistung eingeführt werden. Berufliche Nachteile könnten dadurch reduziert werden, dass die Anspruchsdauer den Pflegerealitäten angepasst werden. Insbesondere für pflegende Angehörige aus unteren Einkommensgruppen seien Maßnahmen notwendig, die Einkommenseinbußen und Renteneinbußen entgegenwirken, zum Beispiel mittels einer Lohnersatzleistung und weitreichenderen kompensierenden Rentenversicherungsbeiträgen.
Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.

