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Angst vor der Büro-Rückkehr: Was kann HR tun?

Der Gedanke daran, wieder im Büro zu arbeiten, macht manchen Mitarbeitenden große Angst. (Foto: Tiko_Adobe Stock)
Der Gedanke daran, wieder im Büro zu arbeiten, macht manchen Mitarbeitenden große Angst. (Foto: Tiko_Adobe Stock)

Business-Männer, die von ihren Töchtern an der Hand ins Büro gebracht werden und von diesen ermutigt werden müssen, wieder mit Kolleginnen und Kollegen in einem Raum zu arbeiten: So extrem ist es wohl nur in jenem Comedy-Sketch der belgischen Fernsehsendung “De Ideale Wereld”. Lachen können viele Menschen darüber wohl auch, weil einige von ihnen sich mit den Männern identifizieren können. Bei manch einem hat sich sogar eine veritable Angst entwickelt, wieder in Präsenz vor Ort im Betrieb zu arbeiten.

Bei wie vielen dies der Fall ist, ist unklar. “Es gibt überall vereinzelt Mitarbeitende mit diesem Problem”, sagt Tabea Scheel, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Europa-Universität Flensburg. Dabei würden den Mitarbeitenden vor allem zwei Dinge Angst machen: sich bei den Kolleginnen und Kollegen mit dem Corona-Virus anzustecken und der soziale Kontakt und damit verbundene Herausforderungen.

“In der Pandemie haben einzelne Menschen Ängste und Phobien entwickelt, sich bei anderen Personen mit allen möglichen Krankheiten anzustecken. Dabei ist eine Ansteckung in dem ausgemalten Maße unrealistisch”, sagt Scheel. Auch habe die Zeit in der physischen Isolation bei einigen eine Scheu vor sozialem Kontakt verursacht. “Wenn wir mit anderen Menschen in einem Raum sind, werden wir wieder bewertet – und das vierdimensional von allen Seiten und nicht nur von vorne über den Bildschirm”, so die Professorin. Daran müsse man sich erst wieder gewöhnen. “Auch nehmen wir bei der Präsenzarbeit wieder viel mehr wahr und müssen so mehr Eindrücke verarbeiten. Das ist anstrengend.”

Neu gewonnene Freiheiten verlieren

Die Angst vor der Büro-Rückkehr haben auch Personalerinnen und Personaler bemerkt und eine weitere Ursache dafür identifiziert: “Die Mitarbeitenden haben Angst, ihre neu gewonnene Flexibilität und Arbeitsweise zu verlieren”, sagt Anthony Huyghebaert, Chief HR Officer beim belgischen Hersteller von Hardware-Display-Produkten und -Systemen Barco. Das Homeoffice ermögliche es den Beschäftigten, Beruf und Privatleben besser zu vereinbaren und auf mögliche Anstrengungen durch das Pendeln zu verzichten. Auch hätten einige Mitarbeitende erfahren, dass sie im Homeoffice produktiver arbeiten können. “Das vergangene Jahr hat gezeigt, wie ineffizient bestimmte Gewohnheiten der ‚alten Arbeitsweise‘ waren”, sagt Huyghebaert. “Einige Mitarbeitende befürchten nun, dass ein Workflow, der im Laufe der vergangenen Monate effizient geworden ist, wieder kompliziert wird.”

Das Gespräch suchen

Umfragen zufolge scheint es allerdings so, als müssten die betroffenen Personen sich ihren Ängsten stellen. Denn auf komplette remote Arbeit setzen nur wenige Arbeitgebende. Das stellt HR und die Führungskräfte vor die Aufgabe, Menschen, die Angst vor der Rückkehr ins Büro haben, zu beruhigen und zur Präsenzarbeit zu ermutigen. Auf Zwang sollte hierbei laut Huyghebaert nicht gesetzt werden. “Die Personalabteilung sollte betroffene Beschäftigte verstehen und versuchen, sie in der Arbeitsplanung so gut wie möglich zu berücksichtigen.”

Bei Barco gebe es deshalb regelmäßige Befragungen, mit denen die Bedürfnisse und Sorgen der Mitarbeitenden erfahren werden und herausgefunden werden könnte, wie sie sich bei der Rückkehr ins Büro fühlen. Das könne ich Form von anonymen Umfragen, Einzelgesprächen oder kleinen Diskussionsrunden geschehen. “Wichtig ist es, in einen offenen und vertrauensvollen Austausch mit den Mitarbeitenden zu gehen”, sagt Huyghebaert. “Dabei muss für die Arbeitnehmenden klar sein, dass sie keine negativen Konsequenzen fürchten müssen, wenn sie offen über mögliche Ängste vor der Büro-Rückkehr sprechen.”

Eingewöhnungsphase

Scheel empfiehlt, die Teil-Rückkehr zur Präsenzarbeit als eine Eingewöhnungsphase zu gestalten und kleine Schritte zurück in den oftmals gekürzten Büroalltag zu machen. “Es ist wichtig, einen weichen Anfang zu machen”, sagt die Professorin. So könne man sich zunächst im Team auf einen Kaffee in einer lockeren Atmosphäre treffen, dann mit einem Tag pro Woche Präsenzarbeit beginnen und die Tage im Büro langsam steigern. Auch könne es hilfreich sein, von Angst betroffenen Mitarbeitenden Einzelräume und stille Rückzugsorte im Betrieb zur Verfügung zu stellen.

Für Menschen, die Sorge haben, sich auf der Arbeit mit dem Corona-Virus zu infizieren, sei es wichtig, dass das Team die hygienischen Schutzmaßnahmen einhält. Kollegen und Kolleginnen der betroffenen Person sollten verstärkt darauf achten, genügend Abstand zu ihr zu halten, in ihrer Gegenwart einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen und regelmäßig zu lüften. “Wie viel Kontrolle kann ich als betroffene Person darauf haben, was im Büro geschieht? Die Antwort auf diese Frage ist ausschlaggebend, um die Angst der betroffenen Person zu mildern”, sagt Scheel.

Mehrwert von Präsenzarbeit zeigen

Sich komplett nach dem Mitarbeiter oder der Mitarbeiterin richten, der oder die Angst hat, sollte man als Arbeitgeber aber auch nicht. Denn wer sozial entwöhnt ist, sei sich laut der Professorin oftmals gar nicht darüber bewusst, was er oder sie als Mensch und damit soziales Wesen vermisse. Um das den Mitarbeitenden wieder ins Gedächtnis zu rufen, müsse der Mehrwert der Präsenzarbeit betont werden. Beim Mobilitätsanbieter Sixt planen Friederike Reichenberger, Executive Vice President Global People Management, und ihr Team, das Büro immer mehr zum Erlebnisort zu wandeln und so den Mitarbeitenden die Rückkehr zur Präsenzarbeit leichter zu machen.

“Wir haben den Excitement Day eingeführt”, sagt Reichenberger. “An diesem Tag ist jeder im Office und es gibt ein gemeinsames Frühstück oder Mittagessen im Team.” Im Sommer habe man zudem freitags gemeinsam gegrillt. Zur Zentrale werden auch regelmäßig Foodtrucks geordert und es finden Vorträge statt. Zu saisonalen Festen wie kürzlich Halloween wurde die Firmenzentrale dekoriert und ein “Gruselbuffet” angeboten. “Die Arbeit vor Ort soll Spaß machen, dadurch werden die Mitarbeitenden auch ausgeglichener und verbinden positive Dinge mit der Präsenzarbeit”, sagt Reichenberger.

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.

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