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Künstliche Intelligenz sozial verträglich integrieren

Portrait von Dr. Jens Baas
Foto: TK

Die Grundpfeiler unseres Sozialstaats müssen trotz Disruption und Digitalisierung erhalten bleiben. Eine “Robotersteuer” könnte Lücken bei den Sozialabgaben schließen.

Programmieren als Grundschulfach, autonomes Fahren auf deutschen Straßen und Fahrten im Lufttaxi – die neue Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, hat mit einigen ihrer Aussagen viel Aufsehen erregt. Auch wenn es bis zur Einführung des Lufttaxis noch ein weiter Weg ist und zuvor noch etliche infrastrukturelle Weichen gestellt werden müssen, Fakt ist: Der Wandel und die damit einhergehenden Umwälzungen werden umfassender sein als diejenigen, die aus der industriellen Revolution resultierten.

Sicher, durch die Digitalisierung von Prozessen werden künstliche Intelligenzen nicht nur in der Industrie, sondern auch zum Beispiel bei den Sozialversicherungen vermehrt Routineaufgaben erledigen – und das effizienter als von Menschenhand. Das heißt aber nicht zwingend, dass Arbeitsplätze wegfallen. Die dadurch frei werdenden Mitarbeiter können für andere Aufgaben eingesetzt werden, die künftig noch wichtiger werden, zum Beispiel im Service oder in der Entwicklung neuer Produkte und Leistungen. Dort, wo es nicht gelingt, neue Arbeitsplätze für frei werdende Arbeitnehmer zu finden, bekommen wir jedoch ein Problem – und zwar eines, das letzten Endes die gesamte Gesellschaft betrifft. Denn: Wenn die Beschäftigungsquote durch den rasant wachsenden Einsatz künstlicher Intelligenzen sinkt, gehen dem Staat Einkommensteuern und Sozialabgaben verloren. 

Eine mögliche Lösung könnte eine sogenannte “Robotersteuer” sein, um Lücken bei den Staatseinnahmen zu kompensieren, wie Bill Gates vorgeschlagen hat. Die Idee halte ich zumindest für diskussionswürdig, auch weil ich ein Verfechter des Solidargedankens bin:
Ein Teil des Ertrags, der durch den Einsatz
von Robotern erwirtschaftet wird, sollte
der Allgemeinheit zugutekommen und
nicht nur einzelnen Unternehmen. Denn
schließlich entstehen technischer Fortschritt
und die damit einhergehende
maschinengetriebene Wertschöpfung auch
aus Ressourcen der Gesellschaft insgesamt.
Besteuert werden sollten aber nicht der
reine Besitz und Betrieb von künstlicher
Intelligenz, sondern die Unternehmensgewinne,
die aus der Roboterarbeit resultieren.
Wichtig ist, dass die Steuer pro
Roboter Unternehmen nicht abschreckt,
in künstliche Intelligenz zu investieren.
Dennoch würde eine Besteuerung zunächst
den technischen Wandel etwas verlangsamen,
dafür hat die Gesellschaft wiederum
mehr Zeit, sich auf die neuen Herausforderungen
einzustellen, was die Akzeptanz
des Wandels erhöht.

Problematisch an der Idee finde ich allerdings die technische Frage, was überhaupt ein Roboter ist. Wo hört eine “normale” Maschine auf und wo fängt künstliche Intelligenz an? Es wird auch nicht einfach sein zu differenzieren, welcher Anteil am Gewinn allein vom Roboter stammt und welcher vom Menschen, mit dem er in Kooperation eng zusammenarbeiten wird.

Eine “Maschinenabgabe”, wie immer sie ausgestaltet sein mag, stellt eine überlegenswerte Option dar, wenn wir auf der einen Seite die enormen wirtschaftlichen Potenziale von künstlicher Intelligenz nutzen und auf der anderen Seite den Wandel sozial verträglich gestalten. Nur so können wir es schaffen, die Grundpfeiler unseres Sozialstaates trotz des disruptiven Charakters der Digitalisierung aufrechtzuerhalten.

Zur Person: Dr. Jens Baas ist seit 2012 Vorsitzender des Vorstands der TK (Techniker Krankenkasse). Der
Humanmediziner praktizierte als Arzt an verschiedenen Universitätskliniken, bevor er 1999
zur Boston Consulting Group wechselte, wo er als Partner und Geschäftsführer tätig war
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