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Sorgt die Corona-Krise für eine Entfremdung von Mitarbeitern und HR?

Keine Unterstützung im Homeoffice
Jeder zweite Mitarbeiter fühlt sich in der Krise vom Arbeitgeber nicht ausreichend unterstützt. Foto: © InsideCreativeHouse-stock.adobe.com

Die Krise hat sich auf die Produktivität der Arbeitnehmer ausgewirkt – für einige nach eigener Einschätzung positiv, für einen geringeren Anteil negativ. Jeder zweite Angestellte hat vor, in den nächsten Monaten oder nach einer Erholung der Wirtschaft den Job zu wechseln. Personaler vermuten dafür zum Teil andere Gründe als jene, die ihre Mitarbeiter nennen.

45 Prozent der Mitarbeiter wollen sich einen neuen Job suchen

Für eine Studie im Auftrag des HR-Software-Anbieters Personio wurden im März dieses Jahres 2.000 Mitarbeiter und 500 HR-Entscheider aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu aktuellen Entwicklungen befragt. Daraus geht hervor, dass 45 Prozent der Angestellten planen, eine neue Arbeitsstelle zu suchen: 17 Prozent wollen abwarten, bis sich die Wirtschaft erholt hat, 15 Prozent haben vor, in den nächsten zwölf Monaten zu kündigen und 13 Prozent möchten innerhalb von sechs Monaten gehen. Von den befragten Personalern befürchten 39 Prozent, dass Mitarbeiter das Unternehmen verlassen, sobald sich der Arbeitsmarkt von der Krise erholt hat. 34 Prozent sagen, dass die Mitarbeiterbindung für sie in den kommenden zwölf Monaten hohe Priorität hat – zu wenige, so die Studie.

Kündigungsgründe: HR liegt nicht immer richtig

Was die Kündigungsgründe der Beschäftigten betrifft, so bilden fehlende Aufstiegsmöglichkeiten mit 30 Prozent das wichtigste Motiv. Mangelnde Wertschätzung für die eigene Arbeit steht mit 25 Prozent an zweiter Stelle, dicht gefolgt von einer unzureichenden Work Life Balance (24 Prozent). Schlechtes Management spielt für 18 Prozent eine Rolle, Kurzarbeit für 17 Prozent. Von den HR-Entscheidern glauben hingegen mit 27 Prozent die meisten, dass Entlassungen von Kollegen die Mitarbeiter zur Kündigung bewegen, und sie vermuten auch Gehaltskürzungen (20 Prozent) als Ursache. Etwas abweichende Antworten gab es bei Kurzarbeit (24 Prozent), einer schlechten Work-Life-Balance (23 Prozent) und mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten (21 Prozent).

Was ist schon ausreichende Unterstützung?

Dass HR nicht immer ganz richtig liegt hinsichtlich der Kündigungsgründe, könnte laut Studie das Anzeichen einer grundsätzlichen Entfremdung sein. Tatsächlich sind rund zwei Drittel der Personalverantwortlichen der Ansicht, ihre Mitarbeiter im letzten Jahr ausreichend unterstützt zu haben, während das von den Angestellten nur rund die Hälfte so sieht: Bezüglich der Karriereförderung finden 67 Prozent der Personalentscheider, sie hätten ihren Job gemacht, aber lediglich 48 der Mitarbeiter bestätigen dies. Etwa genauso sieht es beim mentalem und körperlichen Wohlbefinden aus (65 versus 48 Prozent) sowie bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben (63 gegenüber 50 Prozent). Ähnliche Differenzen zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung werden bei den Themen Ressourcenmanagement, interne Kommunikation und Unternehmenskultur deutlich.

HR sieht Produktivität der Belegschaft positiver als diese selbst

Auch wenn es um die Einschätzung der Produktivität im letzten Jahr geht, haben HR-Entscheider eine positivere Wahrnehmung als die Mitarbeiter. So sind 42 Prozent der Angestellten der Ansicht, dass sie in der Krise produktiver gearbeitet haben – von den Personalern glauben sogar 55 Prozent, einen Anstieg der Mitarbeiterproduktivität festgestellt zu haben. Dafür sind sich beide Seiten einig, was den Rückgang der Produktivität angeht: Jeweils 29 Prozent finden, dass die Produktivität eingebrochen ist. Auch über die Gründe dafür besteht weitgehend Konsens: 24 Prozent der Mitarbeiter und 22 Prozent der Arbeitgeber betrachten den schlechten psychischen und physischen Gesundheitszustand der Angestellten als Hauptfaktor. Als weitere Hindernisse machten 23 Prozent der Mitarbeiter und 21 Prozent der Personaler sinkende Motivation und Moral aus, außerdem ineffiziente Kommunikation mit Kollegen (20 versus 19 Prozent). Darüber hinaus spielt auch die Digitalisierung, die vor allem bei mittelständischen Unternehmen in rasanter Weise voranschritt, eine Rolle und führte zum Teil zu einer Überforderung der Arbeitnehmer: Fast jeder Zweite (48 Prozent) sagt, zu viele digitale Tools nutzen zu müssen. Gut jeder Dritte (36 Prozent) empfindet dies als störend und denkt, deshalb weniger produktiv zu sein.

Mitarbeiter erwarten mehr Wertschätzung und Unterstützung

Obwohl mehr Mitarbeiter und Personaler – trotz unterschiedlich hohen Anteils –einen Produktivitätszuwachs als einen -rückgang in der Krise festgestellt haben, spricht die Studie von einem Einbruch der Produktivität und warnt vor einer künftigen Verschlechterung. Um dieser – sowie auch “der drohenden Kündigungswelle” (wie hoch die Kündigungsbereitschaft vor Corona war, ist nicht Gegenstand der Studie) entgegenzuwirken und ein stärkeren Augenmerk auf die mentale und körperlichen Gesundheit der Belegschaft zu legen, müssten strategische Personalfragen mehr denn je oberste Priorität haben, so die Autoren. Das gelte vor allem vor dem Hintergrund, dass die Mitarbeiter laut Befragung mehr Wertschätzung, Unterstützung und Flexibilität in schwierigen Situationen erwarten.

Strategisches HR-Denken: zwischen Auftrieb und Rückfall

Derzeit hat die Strategie erst für die Hälfte der befragten Entscheider eine hohe Priorität. Für mehr als jeden Vierten (28 Prozent) hat die Krise aber offenbar bewirkt, dass strategische Fragen an Bedeutung gewinnen. Allerdings ist für etwa genauso viele (29 Prozent) das Gegenteil eingetroffen; sie gaben an, dass der Fokus ihrer Arbeit jetzt noch stärker auf Prozessen und administrativen Aufgaben liegt als vorher. Hier hat das letzte Jahr womöglich je nach bisherigem HR-Standing und vorhandenen Ressourcen zu einer unterschiedlichen Entwicklung geführt. Einige Personalabteilungen könnten aufgrund der neuen und vielerorts chaotischen Situation mit gänzlich neuen Herausforderungen überfordert gewesen sein. Auf jeden Fall wünscht sich jetzt jeder zweite Personalverantwortliche (51 Prozent), dass Einfluss und Reichweite von HR innerhalb des Unternehmens künftig zunehmen.

Die vollständige Studie “Kündigungswelle trifft Produktivitätsflaute” kann > hier zum Download angefordert werden.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.