Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Unter der Lupe: Integrität und Compliance in der Krise

Manager zeigt auf virtuellen Screen mit Wort
In der Krise, vor allem in Homeoffice-Zeiten, geraten Integrität und Compliance noch mehr ins Blickfeld.
Foto: © Funtap-stock.adobe.com

Führungskräfte erwarten von ihren Arbeitgebern zunehmend, sich für Werte zu engagieren. 61 Prozent verlangen einen stärkeren Einsatz für ökologische Werte wie Klima-, Ressourcen- und Umweltschutz. 56 Prozent der Manager wünschen sich mehr Engagement für rechtliche Werte: Integrität, Transparenz und Fairness im Wettbewerb. Außerdem denken 52 Prozent, dass sich ihr Unternehmen vermehrt für soziale Werte wie Chancengleichheit und Menschenrechte stark machen sollte. Das zeigt die Studie “Compliance und Integrität in der Krise” der Kommunikationsagentur > A&B One und des Zentrums für Wirtschaftsethik (> ZfW). Für die Studie wurden im letzten November 303 Führungskräfte aller Ebenen aus Unternehmen ab 1000 Mitarbeitern befragt.

Ethisches Geschäftsgebaren wichtiger als Nachhaltigkeit

Die Studienteilnehmer sollten auch Auskunft darüber geben, welche Kriterien für die Bindung an ihren Arbeitgeber wichtig sind. Oberste Priorität haben hervorragende Produkte des Unternehmens (85 Prozent), selbstbestimmtes Arbeiten und eine gute Work Life Balance (je 83 Prozent) sowie der wirtschaftliche Erfolg der Firma (75 Prozent). Gleich danach auf der Rangskala folgen ein ethisches Geschäftsgebaren (73 Prozent) und integres Handeln (71 Prozent). Einen etwas geringeren Stellenwert haben Diversität/Chancengleichheit (68 Prozent), Schutz von Menschenrechten (67 Prozent), soziales Engagement (65 Prozent) und Nachhaltigkeit sowie Umwelt- und Klimaschutz (64 Prozent).

Für die Unternehmensleitung haben Diversität und Klimaschutz Vorrang vor Integrität

Ethisches Geschäftsgebaren und Integrität bewegen die Führungskräfte also mehr als soziale und ökologische Ziele, Diversität und Menschenrechte. so die Studienautoren. Das Thema Nachhaltigkeit bleibe zwar wichtig, dürfe aber mit Blick auf die Gewinnung und Bindung von Mitarbeiter nicht überschätzt werden. Allerdings hat Integrität aus Sicht der Führungskräfte für ihre Arbeitgeber nicht immer oberste Priorität. Nur 48 Prozent der Befragten denken, dass ihr Unternehmen integerem Handeln eine hohe Bedeutung beimisst. Dagegen ist Diversität nach Einschätzung der Befragten für 59 Prozent und Nachhaltigkeit für 56 Prozent der Arbeitgeber sehr wichtig. Lediglich jede zweite Führungskraft ist der Ansicht, ihr Unternehmen lege auch dann viel Wert auf integeres Handeln, wenn sich das “nicht rechnet”. 53 Prozent denken, dass Fehlverhalten in der Wirtschaft heute häufiger vorkommt als vor zehn Jahren.

Es gilt noch mehr als bisher, integres Handeln aktiv zum Thema zu machen. Bei der krisenbedingten Umstellung auf Remote Work hatte Compliance nicht immer oberste Priorität,

folgert Hartwin Möhrle, Senior Advisor und Experte für Compliance-Kommunikation bei A&B One, aus den Befragungsergebnissen. Dezentrales Arbeiten erfordere jedoch in besonderem Maße eine klare Wertehaltung und die Bereitschaft zur individuellen Verantwortungsübernahme.

Arbeit im Homeoffice bringt Unsicherheit im Umgang mit Regeln mit sich

Die Einhaltung von Regeln könne im Homeoffive weniger gut kontrolliert werden, so die Studie. Von den befragten Führungskräften nutzen knapp zwei Drittel seit Beginn der Corona-Krise das Homeoffice. Fast drei Viertel der Befragten (71 Prozent) berichten von neuen Unsicherheiten im Umgang mit Regeln. 61 Prozent sind der Meinung, dass die Unternehmen schlechter kontrollieren können, ob Richtlinien und Prozessvorgaben eingehalten werden. Gut jeder Zweite (54 Prozent) geht davon aus, dass Regeln bei Remote Work schneller vergessen werden. Mehr als ein Drittel der Befragten (37 Prozent) will sogar nicht ausschließen, dass es im Homeoffice mehr bewusste Regelverstöße gibt. Nach Einschätzung von 44 Prozent der Studienteilnehmer sind Regeln und Werte oft auch zu wenig präsent, was Fehlverhalten begünstige. Außerdem finden 39 Prozent, dass die Führungsspitze Werte und Regeln zu wenig vorlebt. Fast ebensoviele (35 Prozent) sagen, im Unternehmen werde zu wenig darüber gesprochen wird, was Integrität konkret bedeutet.

Eine Compliance-Abteilung allein reicht nicht aus

Immerhin gibt es nach Aussage der Befragten bei zwei Drittel der Unternehmen eine eigene Abteilung für Compliance und auch entsprechende Schulungen. Durch eine solche Abteilung verbessert sich der Informationsstand laut Studie zwar deutlich, in der Praxis werde aber zu wenig Wert auf persönlichen Austausch, Beratung und Diskussionsangebote gelegt. Um das Regelbewusstsein vor allem auch bei der Arbeit im Homeoffice zu verbessern, sollten Fragen zu Compliance und Integrität auch in den Team-Meetings besprochen werden, so die Empfehlung der Studie.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.