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Wie Rechte die Grenzen des Sagbaren verschieben

Notitzbuch mit Aufschrift
Foto: christianchan / iStock

“Gesellschaftliche Konventionen darüber, was im öffentlichen Diskurs akzeptabel ist, werden von gesellschaftlichen Gruppen unentwegt neu verhandelt”, schreibt die Amadeu-Antonio-Stiftung in ihrer neuen Studie “Alternative Wirklichkeiten. Monitoring rechts-alternativer Medienstrategien”. Rechte Akteure versuchen, den Diskurs in ihrem Sinne zu beeinflussen, indem sie Grenzen des Sagbaren stetig weiter verschieben. So gehen sie dabei vor:

Provokation

Um nicht zu brachial vorzugehen und damit anzuecken, treffen rechte Akteure Aussagen, die in der Grauzone liegen, also zwischen dem, was die meisten Menschen als in Ordnung empfinden und dem, was zuverlässig große Empörung auslöst. Dabei wird zudem versucht, seriös und höflich rüberzukommen. Reagiert das Gegenüber ungehalten, blamiert es sich eventuell selbst. Rechte wiederum können sich nach entschiedenen Antworten auf ihre Provokationen als Opfer stilisieren.


Dog Whistling

Durch die Benutzung von Worten und Inhalten, die nur Eingeweihten einleuchten, werden menschenverachtende Symbole platziert, die ohne ihren Kontext harmlos wirken. Als Beispiel führt die Amadeu-Antonio-Stiftung eine Rede von Björn Höcke aus dem Jahr 2018 an. Höcke spricht von Schafen und Wölfen. Klingt erst mal harmlos. Da der Geschichtslehrer Höcke sich aber bereits häufiger nationalsozialistischer Sprache bedient hatte, dürfte ihm dieselbe Formulierung von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels aus einem bekannten Text geläufig sein. Das unbedarfte Ohr hört also eine Tiermetapher – NS-Anhänger eine NS-Analogie.


Framing

Jedes Wort hat einen Deutungsrahmen, also bestimmte Assoziationen, die es auslöst. Durch ständige Wiederholungen bestimmter Wortverbindungen versuchen Rechte, etwa die Worte “Flüchtling” und “kriminell” dauerhaft miteinander zu verknüpfen. Erzählen sie die Geschichte eines Einbrechers aus dem Nahen Osten, die später widerlegt wird, erfüllt sie dennoch ihren Zweck: Alle haben die fraglichen Begriffe im gemeinsamen Kontext gehört, die Verbindung festigt sich.


Abwertender Humor

Eine der häufigsten Strategien sowohl rechter Politiker als auch von Alltagsrassisten. Durch in Scherze verpackte Angriffe lassen sich Sachen sagen, die sonst viel zu radikal wären. Regt sich dennoch jemand über den “Scherz” auf, kann er problemlos als humorloser Geselle hingestellt werden.


Umwertung von Begriffen

Wörter wie “Lügenpresse” oder “Überfremdung” sind durch ihre NS-Vergangenheit eigentlich kontaminiert, werden durch häufige Benutzung durch Rechte aber wieder salonfähig gemacht. Als
Retorsion bezeichnen Sprachwissenschaftler die Umdeutung von Begriffen des politischen Gegners zu eigenen Gunsten. So meinen Rechte mit dem historisch eher links besetzten Wort “Unterdrückung” eine angebliche Unterdrückung Deutscher in ihrem eigenen Land.