Der US-amerikanische Automatisierungsanbieter Zapier hat ein internes Dashboard eingeführt, das den Token-Verbrauch jedes Mitarbeiters oder jeder Mitarbeiterin erfasst. Token sind die Einheit, in der KI-Sprachmodelle Text verarbeiten und abrechnen. Je mehr ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin mit Künstlicher Intelligenz arbeitet, desto mehr Token verbraucht er oder sie – und muss anschließend erklären, warum. Stelle sich heraus, dass die Token nach Einschätzung der Unternehmensleitung ohne guten Grund verbraucht wurden, könne das durchaus disziplinarische Konsequenzen haben, erklärt Brandon Sammut, Chief AI Transformation Officer bei Zapier.
Zapier ist beim KI-Monitoring kein Einzelfall. Allerdings setzen andere Unternehmen andere Prioritäten: Das Beratungshaus Accenture knüpft die Beförderung von Führungskräften inzwischen direkt daran, ob sie firmeneigene KI-Tools überhaupt nutzen.
KI-Nutzung in Unternehmen: Qualität vor Quantität
Token-Tracking oder das Tracking von Log-ins wird in immer mehr Unternehmen angewandt. Die Generierung von 750 Wörtern kostet etwa 1.000 Token – bei Code, Agenten-Aufgaben oder komplexen Analysen deutlich mehr. Am Tracking ist zunächst einmal nichts Schlechtes: Wer die KI-Nutzung seiner Belegschaft misst, behält auch die Kosten im Blick. Das ist legitim. Doch wer glaubt, mit so einem Verbrauchs-Dashboard auch die Nutzungsqualität zu steuern, verwechselt das Instrument mit dem Ziel.
Denn das Token-Tracking sieht nicht, was dahinter passiert. Eine Recruiterin etwa, die jeden Stellenanzeigenentwurf ungeprüft aus dem Chatfenster übernimmt, erzeugt dieselbe Statistik wie eine Kollegin, die bei gleicher Token-Nutzung die KI als Sparringspartner nutzt und deren Vorschläge kritisch überarbeitet. Im Dashboard sehen beide gleich aus.
Droht die KI-Zombie-Apokalypse?
Schlimmer noch: Wer weiß, dass nur der Verbrauch gemessen wird, hat keinen Grund, mehr nachzudenken als nötig und kritische Nachfragen an die KI zu stellen oder den Agenten neu zu bauen, weil die Ergebnisse nicht zufriedenstellend waren. Token-Tracking setzt damit ungewollt einen Anreiz in die falsche Richtung – weg vom Urteilsvermögen, hin zum Output. Das Beratungsunternehmen Hogan Assessments benennt Menschen, die so mit KI arbeiten „KI-Zombies“.
Der Begriff ist bewusst reißerisch. Das Phänomen dahinter ist es nicht: 75 Prozent der Wissensarbeitenden nutzen laut Hogan Assessments bereits KI-Tools, aber 60 Prozent der Arbeitgeber weltweit sehen kritisches Denken gleichzeitig als zentrale Kompetenzlücke. Je mehr KI genutzt wird, ohne dass das Urteilsvermögen gezielt trainiert wird, desto größer wird diese Lücke.
KI-Transformation: Schulungen sind essenziell
Dabei gibt es durchaus Möglichkeiten, wie man die Nutzung von KI im eigenen Unternehmen sinnvoll steuert und die Mitarbeitenden im Umgang mit der neuen Technik schult – ohne gleich mit spitzem Stift den KI-Verbrauch der Mitarbeitenden nachzuhalten.
Wie das funktionieren könnte, zeigt das Beispiel Amadeus Fire. Der Personaldienstleister hat nicht nur seine Mitarbeitenden in KI-Schulungen geschickt, sondern konsequent bei der Führung angefangen: CEO Robert von Wülfing, COO Monika Wiederhold und zahlreiche weitere Führungskräfte haben gemeinsam das „AI Pioneers“-Programm der TU München durchlaufen und das auch intern sichtbar gemacht.
Wiederhold engagiert sich zudem in der „Allianz der Chancen“, einem Unternehmensnetzwerk, das KI-Qualifizierung als nationale Aufgabe begreift. „Nicht die beste KI entscheidet, sondern die beste Befähigung der Mitarbeitenden“, sagt sie im Interview mit der Personalwirtschaft, das am 25. März 2026 erscheint.
Token-Budgets lassen sich managen. Urteilsvermögen lässt sich nicht einkaufen, es muss trainiert werden, und über alle Hierarchien hinweg. Wer das begriffen hat, steuert die KI-Transformation im Unternehmen. Wer nur zählt, schaut zu, wie die Risiken der KI Realität werden.
Sven Frost betreut das Thema HR-Tech, zu dem unter anderem die Bereiche Digitalisierung, HR-Software, Zeit und Zutritt, SAP und Outsourcing gehören. Zudem schreibt er über Recruiting und Employer Branding. Er verantwortet weiterhin die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.

