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Ein Fall Relotius oder ein Fall Spiegel-Organisation?

Spiegel-Gebäude Ericusspitze
Tatort Ericusspitze: Die Fälschungen Claas Relotius’ wurden auch durch organisatorische Bedingungen beim Spiegel begünstigt. (Foto: jjfarq – stock.adobe.com)

“Wahrscheinlich die allerwenigsten”, sagt Claas Relotius darüber, wieviele seiner Texte korrekt gewesen seien. Sein Interview mit dem schweizerischen Magazin Reportagen, zweieinhalb Jahre nach der von ihm ausgelösten Krise beim Spiegel, zeichnet einen kranken Mann, der sich mit ausgedachten Geschichten seinen inneren Dämonen stellt. Dabei hat ihn auch der Verlag im Stich gelassen.

Seinen Beruf habe er von Anfang missbraucht, gesteht Relotius im Interview mit dem Magazin, das selbst auf mehrere seiner Fälschungen hereingefallen ist. Psychisch schwer krank sei er gewesen. Stimmen hätte er gehört und eines nachts sogar im Gegenverkehr auf der Zoobrücke in Köln gestanden und nicht gewusst, warum. In einem Waldstück bei Hamburg will er nach einem Störsender gesucht haben, der seine Gedanken blockiert. Das Schreiben, sagt er heute, habe ihm dabei geholfen, Zustände zu bewältigen, in denen er den Bezug zur Realität verloren hatte – schon lange vor dem Journalismus.

Modernes Ganovenstück

Wer diese Vorlage verfilmt, dem dürfte es leicht fallen, daraus einen Thriller zu machen. Tagsüber der angesehene Journalist, nachts der schillernde Psychopath, der sprachlich gekonnt reale mit fiktiven Fäden verwebt und damit alle reinlegt – und Juan Moreno, der Held, der als einziger das sinistre Spiel durchschaut. Die Dreharbeiten in Bayern laufen schon. Jonas Ney und Elyas M’Barek spielen die beiden Hauptrollen. Netflix will daraus gar eine ganze Serie machen. Ich wünsche mir, dass in diesen TV-Adaptionen jemand die Organisationsbrille aufsetzt und nicht nur fragt, warum Relotius handelte, wie er gehandelt hat, sondern auch, in welcher Organisation das überhaupt möglich war.

Dann würde der Zuschauer sicher merken, dass der langsam fallende Held keine feinsinnigen Pläne schmieden und kein ausgeklügeltes System überlisten musste. Denn genau dieses System hat ihn mit offenen Armen empfangen, mit Preisen überhäuft und sich selbst ausgeschaltet, wo es eigentlich längst hätte Alarm schlagen müssen. Eine Rolle spielten dabei wohl auch zwei Führungskräfte des Spiegel, die gerade selbst zum großen Sprung in ihren Karrieren ansetzten.

Claas Relotius ist in meinen Augen deshalb kein einsamer Strippenzieher, seine Geschichte darum auch kein Thriller, sondern ein modernes Stück fahrlässiger Verstrickungen im System. Sein Erfolg perpetuiert sich, wenn alle oder zumindest viele um ihn herum aus ganz eigenen Motiven aufhören, genau hinzusehen – weil nicht sein kann, was nicht sein darf (Morgenstern). Über die damit verbundenen Widerstände schreibt Juan Moreno detailliert in seinem Buch “Tausend Zeilen Lüge”, auf dem der Film und wohl auch die Serie basiert. Der Untertitel verweist dabei ausdrücklich sowohl auf das “System Relotius” als auch den “deutschen Journalismus” – und verzichtet damit wohlwollend auf einen Hinweis zum “System Spiegel“.

Gescheiterte Integration

Was diesen deutschen Journalismus angeht, müssen wir schon fragen, wer da alles in den vielen Jurys saß. Wer Relotius zu immer höheren Weihen verhalf. Das System hat sich von sich selbst entfernt. Übrigens kennen wir dieses Procedere schon, weil es sich auch an anderer Stelle ständig wiederholt: Immer wieder stehen Politiker – über die auch der Spiegel gerne berichtet – wegen echter oder vermeintlicher Plagiate in ihren Doktorarbeiten am Pranger. Das entschuldigt zwar kein individuelles Fehlverhalten, doch auch hier müssen wir fragen: Da gab es doch einen Doktorvater oder eine Doktormutter, eine Zweitgutachterin oder einen Zweitgutachter. Warum fällt selbst an den renommiertesten Hochschulen niemandem auf, dass da etwas nicht stimmt?

Die externe Kommission, die den Vorfall im Spiegel untersucht hat, schreibt ausdrücklich, sie habe “keine Hinweise darauf gefunden, dass jemand im Haus von den Fälschungen des Claas Relotius gewusst hat, an ihnen beteiligt war oder diese verheimlicht hätte.” Aus Sicht der Verantwortlichen ist ein solcher “Persilschein” wünschenswert, aus Organisationssicht wäre eher zu fragen gewesen, ob sie es nicht hätten wissen müssen.

Wer sich die Entstehungsgeschichte des Gesellschaftsressorts, für das auch Relotius eingestellt war, anschaut, stellt fest, dass schon sehr früh die Weichen für diesen Skandal gestellt worden sind – und zwar strukturell, nicht allein durch einzelne Personen bedingt.

Anfang der 2000er Jahre ist der Spiegel-Verlag mit seinem eigenen Reporter-Magazin gescheitert. Auf die “Edelfedern” – die Reportage gilt journalistisch als besonders wertvoll – will aber keiner verzichten. Also entscheidet man, sie als neues Ressort “Gesellschaft” in die Redaktion zu integrieren. Das Problem: Drei von vier solcher Integrationsvorhaben scheitern. Beispiele gibt es zuhauf, nachzulesen auch im Spiegel: Im Sommer 2000 verschenkt BMW seine einst teuer bezahlten Rover-Anteile für symbolische zehn Pfund an ein Manager-Konsortium. Kurz darauf trennen sich Daimler und Chrysler nach kurzer Zeit wieder voneinander, Eine Pleite nach Lehrbuch, so die Süddeutsche Zeitung. Und auch Chemieriese Bayer gilt nach dem Monsanto-Kauf vor zwei Jahren heute selbst als Übernahmekandidat, weil auch hier die Integration gescheitert ist.

Fünf organisatorische Fehler

Die Gründe, warum es gemeinsam oft nicht klappt, liegen meist in der Organisation mit ihren Prozessen, Strukturen und Kulturen. Fünf organisatorische Fehler stechen dabei besonders ins Auge:

1. Unvollständige Due Diligence

Wer professionell fusionieren will, führt eine finanzielle, rechtliche und auf das wirtschaftliche Umfeld bezogene Due Diligence durch, fragt also, ob es passt und ob es sich lohnt. So gut wie nie spielt dabei eine Rolle, ob es auch kulturell aufgeht, wie die Abläufe organisiert sind, was die Mitarbeiter von ihrer Führung gewohnt sind. Die Organizational Due Diligence bleibt oft aus.

2. Diffundierende Verantwortlichkeit

Manchmal fühlen sich einzelne Führungskräfte nur unzureichend oder gar nicht verantwortlich für die wichtigsten Assets des eigenen Hauses. Im Falle eines Hauses, das sich den Qualitätsjournalismus auf die Fahne schreibt, ist das Haupt-Asset die Qualität. Die zu gewährleisten, obliegt der – absolut hervorragenden! – Dokumentation des Verlags. Mit der Integration des Ressorts Gesellschaft wurden dort aber nur rechnerisch 1,5 Planstellen für das gesamte Ressort installiert. Und jeder konnte wissen, dass das eben nicht reichen würde.

3. Organisationaler Zynismus

Organisationen neigen dazu, ihren besten Pferden im Stall manch eine Marotte durchgehen zu lassen. Laut Insider Moreno beispielsweise war das Spiegel-Statut mehr als einmal “das Papier nicht wert, auf dem es stand.” Die Folge: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fühlten sich nicht mehr für die Organisation als Ganzes verantwortlich. Denn wenn der Kollege sich nicht an die Regeln halten muss, warum soll ich das dann?

4. Kulturelle Silos

Wer neu in ein Unternehmen kommt, lernt meist als erstes, wie dort der Hase läuft. Bei Fusionen wird auf ein entsprechendes kulturelles Onboading komischerweise häufig verzichtet, wenn sich die als neue Einheit hinzustoßenden Mitarbeiter untereinander schon kennen. Ein Fehler, gerade bei einem Querschnittsressort wie “Gesellschaft”, das mit anderen Fachredaktionen wie Politik, Wirtschaft oder Sport interagieren müsste und deshalb auch nach den gleichen Regeln spielen.

5. Fehlende Selbstreflexion

Viele “Stars” neigen dazu, sich gegen die sie kontrollierenden Systeme zu immunisieren. Relotius selbst bekennt, sein “Druck, nicht scheitern zu dürfen, wurde immer größer, je erfolgreicher ich wurde” – das nächste große Ding musste her. Im VW-Prozess zeichnet sich, was dieses Symptom angeht, ein ähnliches Bild ab. Der zuständige Richter wies deshalb darauf hin, dass es nicht auf die Aufdeckungswahrscheinlichkeit des Dieselskandals ankomme, wonach Betroffene zu informieren gewesen wären, sondern allein auf den Umstand der Täuschung der Kunden und Behörden.

Den letzten Punkt halte für besonders wichtig, denn die Presse ist ja überhaupt und gerade dafür da, als Korrektiv zu fungieren, als Spiegel der Mächtigen. Nicht zuletzt deshalb, weil das Magazin die gleichen Fragen als erstes stellen würde, gäbe es vergleichbare Vorfälle etwa in einem Ministerium oder einem öffentlichen Unternehmen. Darauf angesprochen, ob nicht an dem Vorwurf etwas dran sei, hinter den Fälschungen hätte System gestanden, reagiert Relotius ausweichend – und lobt erst seine Vorgesetzten und dann seine Kollegen.

Enttäuschende Empfehlungen

Die unabhängige Kommission bleibt in ihrem Bericht ebenfalls hinter dem zurück, was sich eine Organisatorin oder ein Organisator wünscht. Gerade beim kritischen Gesellschaftsressort fehlen inhaltlich bedeutsame Empfehlungen, stattdessen mahnen die Autoren an, jahrelang wiederholten Worten Taten folgen zu lassen. In Beratungskreisen kursiert ein Sprichwort: “If you can’t sell substance, sell the process.” So fühlt es sich auch hier an. Zudem adressiert der Bericht weder die Leserinnen und Leser noch die Anzeigenkundinnen und -kunden als die eigentlichen Opfer des Betrugs. Das enttäuscht, obwohl die im Januar 2020 verabschiedeten Spiegel-Standards bereits einen sehr wichtigen Grundstein legen.

Aus Organisationssicht wünsche ich mir, dass der Verlag auch den Mut findet, eine eigenständige Organisationsentwicklung einzuführen, die diesen Namen verdient und die in der Lage ist, alle im Haus – wieder – auf die gemeinsamen Grundwerte zu verpflichten. Was gerade größeren Unternehmen guttut, ist auch eine interne Revision, die unabhängig handelt und über eigene Ermittlungskompetenzen verfügt.

Vor etwas mehr als zwei Jahren haben die Verantwortlichen in den Abgrund geschaut. Ich wünsche ihnen und uns allen, dass niemand von uns das je erleben muss.

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