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Berufsausbildung: Beneidet uns bald keiner mehr um das deutsche Modell?

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Jugendarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung – beides kann verringert werden, indem junge Menschen weltweit mit beruflichen Kompetenzen ausgestattet werden. Dafür wird am 15. Juli der „World Youth Skills Day“ zelebriert. 2014 hatte die Generalversammlung Vereinte Nationen die Initiative ins Leben gerufen. In diesem Jahr steht der Tag unter dem Motto: „Youth Skills for Peace and Development“.  

Hubert Romer ist Geschäftsführer von WorldSkills Germany – einer Plattform, die sich der Weiterentwicklung beruflicher Bildung verschrieben hat und innerhalb des globalen WorldSkills-Netzwerkes auf deutscher Seite seit 1953 für die Organisation internationaler Berufswettbewerbe zuständig ist.  

Hubert Romer, Geschäftsführer von WorldSkills Germany (Foto: WorldSkills _Germany)

Personalwirtschaft: Herr Romer, wie kam es zum „World Youth Skills Day“ und was hat Ihre Organisation damit zu tun? 
Hubert Romer: Die Beziehung zwischen der UN und WorldSkills entwickelte sich über viele Jahre hinweg kontinuierlich. Und spätestens nach den WorldSkills 2013 (den Berufsweltmeisterschaften, d. Red.) in Leipzig wurde das besondere Potenzial von WorldSkills als weltweite Organisation im Bereich der beruflichen Bildung erkannt.  2014 durften wir – auch auf Initiative der deutschen Vertretung bei den UN – mit einer Delegation von WorldSkills-Champions nach New York reisen, um dort an einer Konferenz des Generalsekretärs mit jungen Menschen aus aller Welt teilzunehmen. Dies war die Initialzündung zu diesem besonderen Tag.  

Was bewirkt dieser Tag? 
Die Wirkung in der breiten Öffentlichkeit mag noch begrenzt sein. Bei vielen Entscheidern und Verantwortlichen aber rückt der Tag die Notwendigkeit von Bildung und Stärkung der Kompetenzen junger Menschen weltweit in den Fokus. Gerade in Afrika wird dieser Tag stark wahrgenommen. 
Wenn man in die Zeit der Entstehung der WorldSkills-Bewegung vor mehr als 70 Jahren zurückschaut, dann sieht man, dass schon immer Einigkeit darüber herrschte, dass Bildung und die Entwicklung von Kompetenzen (auch im Bereich der Social Skills) Menschen voranbringen und sie miteinander verbinden. Sie erhalten dadurch Orientierung und Zukunftsperspektiven.

Gerade in Ländern des globalen Südens ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit ein gravierendes Problem. Gibt es dort Fortschritte beim Zugang von Jugendlichen zu Ausbildung und Bildung? 
Es tut sich in diesen Regionen gerade sehr viel. Die Afrikanische Union hat einige wegweisende Grundsatzpapiere auf den Weg gebracht. Viele Nationen haben sich der beruflichen Bildung als nationales Grundsatzprogramm verschrieben. Und wir sehen in unserer täglichen Zusammenarbeit mit unseren Partnerländern in Afrika seit Jahren sehr gute und deutliche Fortschritte. Der Weg ist noch lang, aber es sind schon jetzt einige Meilensteine erreicht.  

Wie wirkt sich die zunehmende Digitalisierung auch im Bildungsbereich aus? Ist sie eine Chance – oder eher ein Risko für ausbildungswillige Jugendliche in diesen Regionen? 
Sie ist definitiv eine Chance. Wenn wir beispielsweise Trainings und Schulungen in Afrika anbieten, dann können unsere Teilnehmenden aus allen Landesteilen mitmachen, egal, wie fern sie von einem möglichen Schulungsort sind. Wir versuchen hierbei hybride Lern- und Trainingssituationen zu schaffen. Auch die digitalen Berufe sind eine große Chance für alle Lernenden weltweit. Man kann sie unabhängig der Distanz von Lernorten und der sozialen Herkunft erlernen und darin arbeiten. Gerade in Afrika erleben wir gute Beispiele.  

In Deutschland ist Jugendarbeitslosigkeit zwar kein Massenphänomen, trotzdem gibt es auch hier Jugendliche, die Schwierigkeiten haben, ihren Weg ins Arbeitsleben beziehungsweise in die Ausbildung zu finden. Woran hapert es besonders?  
Es liegt sehr stark an der Orientierungsphase, also der Zeit, in der sich die Schülerinnen und Schüler für einen möglichen Beruf interessieren. Wenn sie aus dem Elternhaus oder aus ihrer Peer Group heraus keine Stimulierung erfahren, dann muss das über die Schule und andere Kanäle erfolgen. Hier aber haben wir oftmals nur befriedigende Lösungen. Wir haben zu hohe Abbrecherzahlen, was unter anderem darauf basiert.  

Was müsste sich ändern, damit sich hier mehr Jugendliche für eine Ausbildung interessieren?  
Wir empfehlen, dass erst einmal in neutraler Weise die Kompetenzen, Neigungen und Talente ermittelt werden. Dann erst sollte ein Praktikum erfolgen, welches schließlich zur beruflichen Bildung führt (Studium inklusive). Wenn alle Institutionen und Organisationen in Deutschland zusammenarbeiten würden, könnten wir deutlich zielorientierter und sachorientierter vorgehen, im Sinne der jungen Menschen. Wichtig ist auch, dass Lehrende geschult werden.  

Wozu genau? 
Zur beruflichen Bildung generell. Wir sind oft erstaunt, wie wenig Wissen in weiten Teilen darüber vorhanden ist. Auch, welche Potenziale und Chancen die berufliche Bildung als Sprungbrett in die Karriere bietet. Hier braucht es klare Schulungen. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.  

Viele Ausbildungsbetriebe in Deutschland finden wiederum nicht genügend Azubis? Was empfehlen sie denen, um für Schulabgänger attraktiv zu sein?  
Ich bin unentwegt in den Unternehmen und in Ausbildungsabteilungen, wie auch Berufsschulen, berufsbildenden Schulen oder überbetrieblichen Ausbildungsstätten unterwegs. Hier ist schon seit Jahren eine starke Dynamik und Entwicklung zu beobachten. Das sehe ich grundsätzlich positiv. Mangelhaft ist oftmals die Art der Kommunikation. Die Botschaften der Betriebe erreichen ihre Zielgruppen oft nicht in der richtigen Weise. Berufsbilder und deren Inhalte haben sich in den vergangenen Jahren deutlich positiv verändert. Sie bieten so viel Potenzial. Das muss die Zielgruppe erreichen. 

In diversen Ländern werden praxisbezogene Ausbildungselemente bereits in den Schulen unterrichtet, vom Haareschneiden bis zu Holzarbeiten – sind solche Ansätze auch für Deutschland interessant? 
Wir sehen in Deutschland unterschiedliche Strömungen. Den Wunsch, den Praxisbezug in die Schulen zu bringen, erleben wir in vielfältiger Weise. Kooperationen der verschiedenen Lernorte sind ein gutes Beispiel. Auf der anderen Seite werden Werkräume geschlossen. Der Flickenteppich in Deutschland, hervorgerufen durch den Föderalismus, ist ein Sinnbild für unser Bildungssystem. 

WorldSkills Germany ist der hiesige Ansprechpartner für die internationalen Berufswettbewerbe.  Welche Rolle spielen solche berufsbezogenen Welt- und Europameisterschaften?  
WorldSkills ist eine Organisation, die weltweit einheitliche Standards definiert und mindestens alle zwei Jahre überprüft. Neue Entwicklungen, wie Additive Manufacturing, digital Construction, CyberSecurity, Industry 4.0, Robot System Integration – um nur einige zu nennen – haben in diesem Umfeld in den letzten Jahren eine starke Entwicklung und Konkretisierung erfahren. Die Wettbewerbe sind neben der herausragenden Leistung der einzelnen Teilnehmenden auch ein gutes Testfeld. Viele Länder nutzen die Standards aus der internationalen Ebene, um mit ihnen Benchmark für die nationale Ebene zu betreiben. In Deutschland sehen wir, dass dies mehr und mehr geschieht. Aber der Schatz ist noch lange nicht vollumfänglich gehoben, den diese globale Bewegung bietet.    

Die Vorbereitungen für die Berufsweltmeisterschaften 2024 in Lyon laufen bereits auf Hochtouren. (Foto: WorldSkills_Germany)

Was bringen solche Wettbewerbe für die Ausbildungsbetriebe? Und wie profitieren die Teilnehmenden davon? 
Es gibt zahlreiche Vorteile, hier ein paar Beispiele: Die jungen Fachkräfte erhalten einen Kompetenz-Booster über alle Ebenen – auch die fachlichen – hinweg. Dies belegen zahlreiche Interviews, die wir seit 18 Jahren regelmäßig durchführen. Außerdem beeinflussen die Teilnehmenden andere junge Fachkräfte und jüngere Auszubildenden durch ihre Teilnahme und durch gemeinsame Vorbereitungstrainings. Zahlreiche Firmen nutzen die eigenen WorldSkills-Champions zudem für die Fachkräftegewinnung. Die Ausbildenden selbst erfahren durch die überbetrieblichen Kontakte, Trainings und Wettbewerbe außerdem ein starkes Benchmark und eine eigene Weiterbildung. Firmen machen mit den Champions und ihren Erfolgen Werbung und die Personalabteilungen nutzen die WorldSkills-Ergebnisse als Assessment, bei dem künftige Führungskräfte identifiziert werden. 

Noch einmal zurück zum diesjährigen Motto des internationalen Youth Skills-Tages: Da geht es um Fähigkeiten zum „Development“, zur Entwicklung. Ist die berufliche Ausbildung in Deutschland zukunftstauglich aufgestellt – werden relevante Skills vermittelt, um etwa mit Klimawandel und Digitalisierung umzugehen? 
Wir dürfen nach wie vor auf eines der erfolgreichsten Ausbildungsmodelle der Welt blicken. Da bin ich recht positiv eingestellt. Darauf dürfen wir uns jedoch nicht ausruhen. Wir sind vielleicht zu selbstzufrieden und loben uns zu oft selbst. Der Spruch „die ganze Welt beneidet uns um unser System“ ist bald überholt. Denn andere Länder haben einen entscheidenden Vorteil: Dynamik und keine Altlasten im Sinne von „Erbhöfen“, die bewahrt sein wollen.  

Warum genau ist das ein Vorteil? 
Sie können sich schneller auf die Belange neuer Berufe einstellen und auf die Kompetenzen, wie auch die Art der Kompetenzvermittlung, die diese erfordern. Ergo: Wir sollten offener sein und auch mal über den Tellerrand hinaus in andere Länder blicken. WorldSkills ist so eine Plattform, um globales Benchmark zu betreiben.  
Vielen Berufsschullehrerinnen und -lehrern und den Ausbildenden ist auch das Thema Nachhaltigkeit wichtig. Wir dürfen hier einige Projekte begleiten, die helfen sollen, Bewusstsein zu schaffen und die Vereinbarkeit von Arbeitsleben und Nachhaltigkeit zu vermitteln. Hier muss es konsequent weitergehen.  

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Forschung & Lehre sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.