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Corona-Krise: dramatische Einbußen für Azubis

Azubi im Homeoffice
Vielen Azubis steht im Homeoffice nicht immer ein Ausbilder zur Verfügunng. Foto: © Viorel-stock.adobe.com

Zahlreiche Azubis erleben in der Krise, dass ihre ausbildenden Unternehmen die Mindeststandards für die Berufsausbildung nicht einhielten. So mussten die jungen Menschen unter anderem Einbußen bei der Vergütung hinnehmen und häufiger ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten.

Die Corona-Ausbildungsstudie 2021 des Jugendverbandes DGB-Jugend hat die Auswirkungen der Corona-Krise auf die duale Berufsausbildung unter die Lupe genommen. In die Auswertung flossen die Angaben von 1.035 Azubis ein. Die repräsentative Befragung wurde im Februar und März dieses Jahres vom Institut für sozialpädagogische Forschung Mainz (ISM) durchgeführt.

Fehlende Betreuung und Unzufriedenheit mit Distanzunterricht

2020 wurden hierzulande erstmals seit über 40 Jahren weniger als 500.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. 60 Prozent der Azubis haben zumindest Teile der Ausbildung im Homeoffice absolviert. Nur jeder dritte Befragte sagte, dass ihm dabei immer ein Ausbilder zur Verfügung stand – dabei schreibt das Berufsbildungsgesetz eine fortlaufende Betreuung vor. Was den Unterricht in den Berufsschulen betrifft, so waren fast alle Auszubildenden von Homeschooling oder Distanzunterricht betroffen. Mehr als die Hälfte der jungen Menschen gab an, mit der Qualität des Unterrichts in diesen Phasen unzufrieden gewesen zu sein. Fast ein Drittel der Azubis (30.1 Prozent) stellte fest, dass sich die fachliche Qualität des Berufsschulunterrichts im Zuge der Krise verschlechtert hat. Zum Vergleich: Jeder Sechste (16,1 Prozent) fand, dass sich die Qualität verbessert hat. Darüber hinaus beklagte gut jeder zweite Studienteilnehmer (52,7 Prozent), dass die Berufsschulen digital schlecht aufgestellt waren. Nur ein Drittel (32,4 Prozent) konnte konstatieren, dass sich diese Situation im Laufe des Jahres verbessert hat. Gut jeder Achte (13,3 Prozent) fand sogar, dass sich die Bedingungen verschlechtert haben. Erschwerend für das Arbeiten und Lernen zu Hause kommt hinzu, dass lediglich 35 Prozent der Befragten alle Materialien und Geräte zur Verfügung gestellt bekommen. 20 Prozent erhielten überhaupt keine Arbeits- und Lernmittel.

Mehr ausbildungsfremde Tätigkeiten und Überstunden

Dazu kommt, dass fast jeder vierte Auszubildende häufig oder sogar immer Tätigkeiten erledigen musste, die in der Ausbildung nicht vorgesehen sind – das sind doppelt soviele wie vor Corona. Und obwohl es bei der Berufsausbildung um ein Lernverhältnis und nicht um ein klassisches Arbeitsverhältnis geht, wurden fast sechs von zehn befragten Azubis (57.6 Prozent) häufig oder immer entgegen der Bestimmungen als volle Arbeitskraft eingesetzt. Überdies musste ein Drittel der Befragten (32,6 Prozent) häufig oder immer Überstunden machen. 80 Prozent von ihnen leisteten bis zu fünf Stunden Mehrarbeit pro Woche, aber auch über 20 Stunden kamen vor.

Für DGB-Jugendreferent Joscha Wagner sind das “alarmierende Ergebnisse”. Die Arbeitgeber stünden auch in der Corona-Krise in der Pflicht, für eine gute Ausbildungsqualität zu sorgen und geltende Gesetze einzuhalten, so Wagner. Er spricht sich für mehr effektive und regelmäßige Kontrollen in den Ausbildungsbetrieben aus, sonst gehe die Entwicklung immer stärker zulasten der Azubis.

Gehaltskürzungen und weniger Urlaub

Als weitere bedenkliche Folge der Krise zeigt die Studie, dass die Auszubildenden auch immer weniger Geld in der Tasche haben. Knapp jeder Vierte (24,3 Prozent) erlebte krisenbedingte Kürzungen, obwohl es dafür keine Rechtsgrundlage gibt. In kleinen Betrieben bis fünf bis zehn Mitarbeitern gaben dies sogar 37,9 Prozent der Befragten an. Die Auszubildenden wurden nicht nur schlechter bezahlt, sondern bekamen trotz häufiger Überstunden auch weniger Urlaub zugebilligt: Nicht viel weniger als jeder Fünfte (18,7 Prozent) berichtete, ihm sei seit Beginn der Krise mindestens einmal der Urlaub gekürzt worden – auch das ist rechtlich nicht erlaubt. Die meisten der davon Betroffenen (61,6 Prozent) mussten auf bis zu fünf Urlaubstage verzichten.

Krisenauswirkungen auf die Ausbildung belasten gut jeden Zweiten

Die Studie macht deutlich, dass auch und besonders die Auszubildenden zu den Verlierern der Krise gehören. Insgesamt zwei Drittel der männlichen (67,8 Prozent) und sogar drei Viertel der weiblichen Azubis (74,7 Prozent) berichten von einer starken oder sehr starken allgemeinen Belastung. Über die Hälfte der Befragten gab an, dass die Auswirkungen auf die Ausbildung sie sehr stark (20,1 Prozent) oder stark (34,8 Prozent) belasten. Mehr als jeder dritte Befragte (34,6 Prozent) macht sich große oder sehr große Sorgen, die Ausbildung nicht erfolgreich abschließen zu können, weil die Ausbildungsinhalte nur teilweise vermittelt wurden. Weniger als jeder zweite Azubi im dritten Lehrjahr fühlt sich sehr gut oder gut über Prüfungstermine und -ablauf informiert und ist mit der Prüfungsvorbereitung in Betrieb und Berufsschule zufrieden oder sehr zufrieden.

Angesichts der derzeitigen Ausbildungslage, die sich durch die Krise dramatisch verschärft hat, aber vorher schon angespannt war, fordert die DGB-Jugend eine > gesetzliche Ausbildungsgarantie mit umlagefinanziertem Zukunftsfonds, um Ausbildung für alle zu ermöglichen. Die vollständigen Studienergebnisse können unter der E-Mail jugend@dgb.de angefordert werden.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.