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„Man sollte Lernmethoden kritisch überprüfen“

Portrait Nikil Mukerji
Foto: Jan Greune

Personalwirtschaft: Herr Mukerji, in Ihrer Keynote auf der Learntec sprechen Sie von “Lernen mit gesundem Menschenverstand”. Was verstehen Sie darunter?
Nikil Mukerji:Darunter fällt Verschiedenes. Wer mit gesundem Menschenverstand lernt, verlässt sich zum Beispiel nicht auf Mythen, die in Lehrerkreisen und Weiterbildungsorganisationen populär sind – etwa Edu-Kinestetik/Brain-Gym oder dass wir nur zehn Prozent unseres Gehirns nutzen. Vieles davon hat keine wissenschaftliche Grundlage – ebenso wenig wie die Existenz von Lerntypen.

Sie glauben also nicht, dass Menschen unterschiedlich lernen?

Doch. Manche lernen schneller, andere langsamer. Und wer bereits Vorkenntnisse in einem Bereich besitzt, erwirbt weitere Kenntnisse vermutlich leichter. Die Theorie der Lerntypen besagt aber, dass manche Menschen besser lernen, wenn sie hören, sehen, anfassen oder ein Thema abstrakt und intellektuell angehen. Doch wurde diese Hypothese jemals wissenschaftlich überprüft? Ein Forscherteam um den amerikanischen Psychologen Harold Pashler hat herausgefunden, dass die existierenden Studien zu Lerntypen praktisch ohne Aussagekraft sind oder sogar negative Befunde liefern. Wie man am besten lernt, hängt nicht vom Lernenden ab, sondern von der Sache. Radfahren lernt man nicht abstrakt, Mathematik nicht haptisch. Trotzdem hält sich die Lerntypen-Theorie hartnäckig.

Wie sollte man in Unternehmen unterschiedliche Themen vermitteln?
Ein entscheidender Faktor ist aus meiner Sicht die Motivation. Man muss verstehen, warum ein Thema wichtig ist. Dann will man sich damit auch befassen. Denn Menschen folgen grundsätzlich Anreizen. Allerdings kann das auch nach hinten losgehen. Bei intrinsisch motivierten Mitarbeitern können Anreize den Lernerfolg sogar mindern, denn wenn sie wegfallen, ändert sich das Verhalten in eine problematische Richtung.

Aber wie mache ich langweilige Pflichtübungen wie etwa Compliance-Schulungen zu meinem Eigeninteresse?
Diese Schulungen sichern den Arbeitsplatz. Deswegen haben Mitarbeiter, die in relevanten Bereichen arbeiten, automatisch ein Eigeninteresse daran. Allerdings sollte man auch die intrinsische Motivation einbinden. Das tut man am besten, indem man von vornherein die richtigen Mitarbeiter auf die richtigen Stellen setzt. Wer sich für seine berufliche Tätigkeit wirklich interessiert, wird auch unterstützende Schulungen motivierter angehen.

Wie lernt man auf kluge Weise?
Indem man Methoden verwendet, die erwiesenermaßen funktionieren, und keine Zeit mit Dingen verschwendet, die vermutlich nicht funktionieren.

Das ist eine Binsenweisheit. Könnten Sie bitte konkreter werden?
Das dritte Gebot in meinem Buch besagt, dass man von glaubwürdigen Annahmen ausgehen soll (siehe Kasten). Wer sich auf die Lerntypen-Theorie stützt, verletzt dieses Gebot. Entsprechend ist die Annahme, dass man Lernen optimieren kann, indem man nach Lerntypen unterscheidet, unglaubwürdig.

Apropos “Gebot”. Ist das nicht ziemlich anmaßend? Hätten nicht auch “Regeln” gereicht?

Das habe ich bewusst provokant formuliert. Man kann sie nennen, wie man will – “Regeln”, “Prinzipien” oder Ähnliches. In meinen Augen vermittelt jedoch das Wort “Gebot” den Verbindlichkeitscharakter besser: Jeder vernünftige Mensch muss sich daran halten. Sie können das selbst nachvollziehen, indem Sie Ihre eigene Vernunft befragen und versuchen, eine plausible Alterative zu einem der Gebote zu finden. Statt dem ersten Gebot könnten Sie sagen: “Denken Sie chaotisch.” Statt dem zweiten Gebot: “Überspringen Sie wichtige Schritte in Ihrem Denken.” Wenn Sie das versuchen, werden Sie sehen, dass die zehn Gebote des gesunden Menschenverstands unkontrovers sind.

Welche “unklugen” Lernmethoden sind Ihnen schon begegnet – und warum sind sie unklug?
Problematisch ist es, wenn sich Menschen bereits mit den eigenen Ansichten verheiratet haben. Das stellen wir in vielen Bereichen fest, etwa wenn es um Gender-Themen, Alternativmedizin, Politik oder Ähnliches geht. Sie sind mit Herzblut bei der Sache und bleiben bei ihrer Überzeugung, auch wenn man sie auf Fakten hinweist, die sie widerlegen. Das kann man sogar bei hochgebildeten, intelligenten Menschen feststellen.

Wo ziehen Sie die Grenzen zwischen Intelligenz, Bildung und gesundem Menschenverstand?
Man unterscheidet kristalline und fluide Intelligenz. Letztere besteht beispielsweise in der Fähigkeit, Muster zu erkennen, räumlich zu denken, Mathematikaufgaben zu lösen oder Progressionsreihen weiterzuführen. Intelligenz in diesem Sinne ist quasi die Rechenleistung des Gehirns. Wer einen hohen IQ hat, lernt schnell und merkt sich das meiste leichter. Die kristalline Intelligenz ist das, was nach der Denkleistung übrig bleibt. Menschen, die viel gelernt und verstanden haben, verfügen über viel Wissen. Das wird oft mit Bildung gleichgesetzt. Aber es gibt auch substanziellere Bildungsbegriffe, die Aspekte wie Persönlichkeit, Charakter und Urteilskraft einschließen. Ein solches breites Bildungsverständnis überlappt mit dem, was ich “gesunden Menschenverstand” nenne.

Lernen wird oft als Aneignung von Wissen und Können definiert. Wie lautet Ihre Definition?
Im Duden gibt es verschiedene Definitionen, beispielsweise die Aneignung von Wissen – wobei “Wissen” ein technischer Ausdruck ist. Wer Wissen in diesem Sinne erwer-ben will, muss einiges leisten: Er muss etwas verstanden haben, es glauben, eine Rechtfertigung haben und es muss wahr sein. Ein alternativer Begriff des Lernens bezieht sich auf die Aneignung von Fähigkeiten. Wissen und Fähigkeiten sind unterschiedliche Dinge. Ich kann etwas wissen, ohne es zu können – und umgekehrt.

Was haben Ihre Gebote mit E-Learning zu tun?
Man sollte Lernmethoden kritisch überprüfen und sich dabei nicht auf Dogmen verlassen. Heute gibt es die Überzeugung, Digital Natives seien besonders gut im Multitasking, weil sie verschiedene Kanäle nutzen – hören, sehen, schreiben und chatten. Nach allem, was wir wissen, reduziert Multitasking jedoch die kognitive Leistungsfähigkeit. Das gilt auch im Bereich des Lernens. Denn wir können nicht wirklich zwei Dinge parallel tun. Das funktioniert nur bei automatischen Prozessen. Man kann zum Beispiel spazieren gehen und sich dabei unterhalten, denn das sind eine unbewusste und eine bewusste Handlung. Man kann aber nicht gleichzeitig ein Bild malen und eine Rechenaufgabe lösen, denn das sind zwei bewusste Handlungen. Wenn Jugendliche mit dem Smartphone lernen, springen sie schnell zwischen zwei kognitiven Aufgaben hin und her. Das ist schädlich für den Lernprozess.

Das erste Gebot lautet: “Bringen Sie Ordnung in Ihr Denken.” Wie schafft man das bei all den vielen Ablenkungen wie Internet, Werbung, Smartphone-Apps, Spiele, Fernsehen et cetera?
Die Antwort steckt schon in der Frage. Es gibt zahlreiche Ablenkungen: Man macht den Computer an, will eine bestimmte Sache erledigen, schaut aber zunächst nach den Mails, nach den neuesten Posts auf Facebook, dann springen Fenster mit Werbung auf und so weiter. Das Grundübel ist, dass man diese Ablenkungen zulässt. Man sollte sein Umfeld so einrichten, dass man nicht abgelenkt wird. Chefs oder Chefinnen werden oft von Mitarbeitern unterbrochen, die dringend etwas brauchen. Diese Unterbrechungen kann man reduzieren, indem man beispielsweise montags um acht Uhr ins Büro kommt. Dann hat man in der Regel seine Ruhe und kann einiges wegarbeiten. Dann stellt man das Smartphone auf lautlos, schaltet das Mailprogramm aus, macht sich einen Tagesplan und hält sich strikt daran. Außer natürlich, es passiert etwas Unvorhergesehenes. Wenn etwa der Computer streikt, muss man sich natürlich sofort darum kümmern.

Wie sollte ein solcher Tagesplan aussehen?
Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine, die ich favorisiere, ist die Pomodoro-Technik: Man teilt seinen Tag in Blöcke ein und konzentriert sich in jedem Block nur auf eine Aufgabe beziehungsweise eine Art von Aufgabe. Ein Block dauert 25 Minuten. Nach jedem Block gibt es fünf Minuten Pause. Nach vier Blöcken gibt es eine längere Pause von 30 Minuten. Hören Sie eine Sekunde vor 25 Minuten auf, dürfen Sie sich diesen Block nicht anrechnen. Das ist gut für die Selbstdisziplin. Täglich sollte man mindestens zwölf Einheiten schaffen, dann arbeitet man wirklich produktiv.
Für die Selbstorganisation gibt es noch weitere hilfreiche Methoden. Aufgaben, die weniger als zwei Minuten in Anspruch nehmen, sollten Sie nicht aufschieben, sondern immer gleich erledigen, und im Mittagstief sollten Sie Ihre Mails beantworten, weil Sie dazu normalerweise nicht besonders fit sein müssen. Außerdem gilt: 98 Prozent aller E-Mails kann man ein paar Stunden verschieben. Wenn man für Mails ständig seine Arbeit unterbricht, erhöht man die Rüstkosten. Denn wenn man unterbrochen wird, muss man bereits geschriebene Absätze neu lesen, bevor man weiterarbeiten kann.

Als Hundehalterin interessiere ich mich natürlich für Ihr achtes Gebot. Wie ist man schlauer als ein junger Jagdhund?
Das ist nur eine Metapher. Jungen Jagdhunden sagt man nach, sie ließen sich leicht von der Fährte abbringen, weil sie allen möglichen Gerüchen nachjagen, die sie auf dem Weg antreffen. Die Buddhisten kennen dieses Phänomen schon lange und sprechen in diesem Zusammenhang vom “monkey mind”. Ihre Empfehlung: Meditationsübungen. Es gibt mittlerweile neurowissenschaftliche Befunde, die nahelegen, dass Meditation unsere Konzentrationsfähigkeit verbessern kann. Allerdings reicht das nicht. Sie müssen außerdem in der Lage sein, zu erkennen, was eine Ablenkung darstellt, wann Sie von der Fährte abkommen. Um das zu tun, müssen Sie wiederum eine klare Fragestellung haben, die Ihr Denken reguliert. Die bekommen sie nicht von Ihrem Zen-Lehrer. Dafür braucht es gesunden Menschenverstand.

Aber wie ist man nun schlauer als ein junger Jagdhund?
Diese Frage haben Sie sich gerade selbst beantwortet.

Inwiefern?
Na, Sie haben gerade gezeigt, wie man vermeidet, von der Fragestellung abgelenkt zu werden. Sie haben daran erinnert, was Ihre Frage war und noch einmal bekräftigt, dass Sie gerne eine Antwort darauf hätten. Das ist der erste und wichtigste Schritt, den Sie tun müssen, um schlauer zu sein als ein junger Jagdhund.

Wie sehen die weiteren Schritte aus?
Sie sollten sich mit typischen Beispielen abschweifenden Denkens vertraut machen, damit Sie diese in Ihrer Praxis zuverlässig erkennen. Nehmen wir an, wir diskutieren über eine Frage. Sie bringen Ihre Argumente vor, ich bringe meine Argumente vor. Nehmen wir an, Sie haben bessere Argumente als ich und bringen mich ein wenig in die Bredouille. Deswegen setze ich zum Gegenangriff an und sage plötzlich: “Woher wollen Sie das denn wissen? Sie haben doch gar nicht die Qualifikation, um das beurteilen zu können!” Wenn Sie auf diesen rhetorischen Trick hereinfallen und beginnen, mir Ihre Qualifikationen zu schildern, verhalten Sie sich wie ein junger Jagdhund. Sie folgen einer falschen Fährte und beginnen, mit mir über eine Frage zu diskutieren, um die es gar nicht ging – nämlich die Frage nach Ihrer Qualifikation. Diese Frage müssen Sie aber gar nicht beantworten, solange Ihre Argumente transparent und stichhaltig sind.

Kann man gesunden Menschenverstand lernen oder ist er angeboren?
Angeboren ist die Fähigkeit, aber man muss sie entwickeln, wenn sie einem wichtig ist. In dieser Hinsicht ist der gesunde Menschenverstand genau wie jede andere Fähigkeit auch. Wer etwa kein körperliches Handicap hat, besitzt die Fähigkeit zu laufen. Aber manche können schneller laufen als andere, weil sie es trainiert haben.

Hat seit der Aufklärung der gesunde Menschenverstand eher zu- oder abgenommen?
Das lässt sich pauschal nicht beantworten, aber generell bin ich optimistisch. Allerdings gibt es temporäre Rückschläge. Immer wenn wir es mit emotional aufgeladenen Debatten zu tun haben, steigt die Gefahr, dass die Menschen unvernünftig werden und beginnen, allen möglichen Unsinn zu glauben. Das konnte man zuletzt bei den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen und der Debatte um den Brexit beobachten.

Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands
Erstes Gebot: Bringen Sie Ordnung in Ihr Denken.
Zweites Gebot: Denken Sie lückenlos.
Drittes Gebot: Treffen Sie glaubwürdige Annahmen.
Viertes Gebot: Fragen Sie nach der Beweislast.
Fünftes Gebot: Denken Sie klar und präzise.
Sechstes Gebot: Bleiben Sie logisch sauber.
Siebtes Gebot: Tappen Sie nicht in die Sprachfalle.
Achtes Gebot: Seien Sie schlauer als ein junger Jagdhund.
Neuntes Gebot: Schauen Sie mit beiden Augen hin (wenn Sie müssen).
Zehntes Gebot: Lassen Sie sich keinen Bären aufbinden.