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Die Krise bremst Absolventen aus

Junge Menschen halten Zettel mit Fragezeichen vors Gesicht
Die derzeitige Krise bringt für Studenten viel Unsicherheit mit sich, was die Jobaussichten betrifft.
Foto: © Rido-stock.adobe.com

Gegenwärtig denken 42 Prozent der Studenten in Deutschland, dass sich ihre Berufsaussichten aufgrund der Krise verschlechtert haben. Angehende Mediziner hingegen sind optimistisch: Von ihnen sind zwei Drittel (67 Prozent) davon überzeugt, dass sie nach dem Studienabschluss zügig eine Stelle finden. Und fast die Hälfte (49 Prozent) sieht für sich wegen Corona sogar bessere Perspektiven bei der Jobsuche. Die Medizinstudenten erwarten mit durchschnittlich 54 700 Euro brutto auch das höchste Jahresgehalt. Mit der zweithöchsten Vergütung in Höhe von 45 200 Euro rechnen Juristen, gefolgt von Ingenieuren und Informatikern, die von 43 300 Euro ausgehen. Kulturwissenschaftler und Geisteswissenschaftler erwarten mit rund 31 000 Euro das geringste Anfangsgehalt. Das sind Ergebnisse einer Studie der von > EY (Ernst & Young), für die gut 2000 Studenten befragt wurden.

Gut jeder vierte Student hat seine Berufspläne geändert

Aufgrund der insgesamt deutlich eingetrübten Aussichten hat mehr als jeder vierte Student (27 Prozent) seine Berufspläne geändert. Jeder Fünfte (20 Prozent) hat entschieden, erst einmal länger zu studieren oder die Zeit bis zum Start ins Erwerbsleben anderweitig zu überbrücken. Weitere fünf Prozent, die sich nach dem Studium selbstständig machen wollten, sind von diesem Plan abgerückt.

Sicherheit ist das wichtigste Kriterium bei der Arbeitgeberwahl

Auch die Kriterien bei der Wahl des Arbeitgebers haben sich verschoben. Höchste Priorität hat momentan die Jobsicherheit; zwei Drittel der Studienteilnehmer (67 Prozent) geben dies an. An zweiter Stelle steht das Gehalt mit 55 Prozent, gefolgt von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit 39 Prozent.

Gefahr, dass 2020 ein verlorenes Jahr für die angehenden Berufseinsteiger wird

Oliver Simon, Leiter der Personalabteilung DACH von EY, appelliert an die Berufsberater der Universitäten und die Personalabteilungen von Unternehmen, die Studenten, die dieses Jahr auf den Arbeitsmarkt streben, nicht allein zu lassen, sondern Orientierungshilfen zu geben. Und die Politik müsse die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, damit Unternehmen auch in der Krise einstellen. Es dürfe nicht dazu kommen, dass 2020 ein verlorenes Jahr für die Studierenden wird.

Karriere wird unwichtiger zugunsten von Familie und Freunden

Das Private wird insgesamt wichtiger für die künftigen Absolventen. So messen 70 Prozent der Befragten der Familie höchste Bedeutung zu. Für 62 Prozent sind Freunde und das soziale Umfeld wichtig. Dagegen legt weniger als ein Drittel Wert auf beruflichen Aufstieg (31 Prozent) und einen hohen Lebensstandard (30 Prozent). Vor allem bei den Männern haben sich die Prioritäten geändert: Während in der letzten Studie noch 62 Prozent angaben, die Familie habe eine sehr große Bedeutung, sind es jetzt 67 Prozent. Und auch der berufliche Aufstieg hat nur noch für 33 Prozent eine hohe Relevanz im Vergleich zu 45 Prozent bei der vorigen Erhebung. Dass der berufliche Aufstieg nicht mehr so weit oben auf der Prioritätenliste steht, zeigt sich auch bei den Frauen. Schon zuletzt hatte die Karriere lediglich für 38 Prozent eine hohe Bedeutung, doch dieser Anteil ist jetzt auf nur 28 Prozent zurückgegangen.

Wir beobachten bei den Studierenden schon länger
eine Rückbesinnung aufs Private. Es ist davon auszugehen, dass Corona
diese Entwicklung noch verstärkt hat. Für Arbeitgeber bedeutet dies
ebenfalls ein Umdenken: Karriere und Familie dürfen sich nicht mehr
gegenseitig ausschließen,

sagt Oliver Simon. Eine
kluge Personalplanung, flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und eine
Unternehmenskultur, die Zeit für die Familie zulässt und fördert, würden
immer wichtiger.

Stimmung in der Studentenschaft hat sich verschlechtert

Die Krise wirkt sich außerdem auf die Stimmung aus: Zwar geben gut drei Viertel der Befragten (79 Prozent) an, dass sie aktuell mit ihrer persönlichen Situation zufrieden sind und davon sind 18 Prozent sogar sehr zufrieden, aber bei der Befragung von 2018 war noch ein Drittel (34 Prozent) sehr zufrieden. Ein Fünftel (21 Prozent) sagt, derzeit unzufrieden zu sein – so viele wie noch nie, seit die Studie durchgeführt wird.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.