Die Handwerkskammer (HWK) Dortmund warnt in einer aktuellen Presseinformation vor sich häufenden Fälschungen bei Meisterbriefen. Auch gefakte Arbeitszeugnisse und Lehrgangszertifikate wurden der Kammer bereits eingereicht, so Vivien Gravenstein vom Justiziariats-Team der HWK.
Den eigenen Lebenslauf zumindest leicht zu verfälschen, scheint als Kavaliersdelikt angesehen zu werden. Das kam bei einer Umfrage des Anbieters CVapp, dessen Software Lebensläufe und Anschreiben generieren kann, im Jahr 2023 ans Licht. Rund zwei Drittel der etwa 3.000 Befragten gaben an, schon einmal im Lebenslauf gelogen zu haben. Die höchste Schummelquote mit 70 Prozent hatten dabei die Bremerinnen und Bremer. Am ehrlichsten gab man sich in Sachsen mit rund 55 Prozent.
Lügen können teuer werden
Abgefragt wurde zudem, in welchem Bereich die Befragten es mit der Wahrheit nicht so genau genommen hatten. Rund 79 Prozent logen hinsichtlich ihrer Fähigkeiten, 74 Prozent bei dem Gehalt, 59 Prozent beim Lebenslauf. Etwa die Hälfte gab zu, bei Ausbildung und persönlichen Referenzen gemogelt zu haben. Mit rund 76 Prozent fand sich in der Umfrage von CVApp die höchste Lügenquote in der Kreativbranche.
Christian Morgenweck ist Experte für Körpersprache und bietet Coachings zum besseren Erkennen von Lügen an. Die Angaben in der Umfrage decken sich mit seinen Erfahrungen – ein Umstand, der Unternehmen viel Geld kosten kann: „Bis man feststellt, dass jemand eingestellt wurde, der dem Anforderungsprofil nicht entspricht, ist es meistens schon zu spät. Man hat viel Geld und Arbeitszeit investiert und somit hohe Kosten verursacht. Im Schnitt sind das etwa 30.000 Euro pro Bewerber an falscher Position.“
Kleine Lügen im Lebenslauf sind höchstens peinlich, deckt der neue Arbeitgeber sie auf. Strafrechtlich relevant wird es, wenn Qualifikationen für einen Beruf erfunden werden – und lebensgefährlich, je nach Job. „Nicht nur das Vertrauen von Kunden oder des Arbeitgebers steht auf dem Spiel“, heißt es in der Mitteilung der Handelskammer Dortmund. Kaum auszudenken, welche Gefahren etwa die unsachgemäße Verkabelung eines ganzen Hauses anrichten kann – oder was geschieht, wenn sich Menschen, die dafür nicht qualifiziert sind, im Gesundheitswesen bewerben.
Charme statt Qualifikationen
Ein berühmtes Beispiel gab es hierzulande – ausgerechnet in Bremen, wo ja anscheinend die Tendenz zum Lügen im Lebenslauf am höchsten ist. Der Postbote Gert Postel arbeitete seit den späten 1980er-Jahren mehrfach ohne Medizinstudium und Approbation als Psychiater – trotz Geld- und Freiheitsstrafen. Was ist die Intention von Menschen, die zu solch drastischen Schritten greifen wie Referenzen und Qualifikationen fälschen? „Eine neue Anstellung mit einem besseren Gehalt ist ein großer Motivator. Außerdem erreicht man durch höhere Positionen auch mehr Status, was gerade bei Männern ebenfalls ein ausschlaggebender Punkt ist,“ sagt Christian Morgenweck.

Auch in den Reihen der Journalisten gab es einen prominenten Betrüger. Claas Relotius täuschte Leserinnen und Leser wie Kolleginnen und Kollegen jahrelang. Statt auf Dienstreise zu recherchieren, erfand er seine Berichte für den „Spiegel“ am Laptop im Hotelzimmer. Er stand kurz vor einer Beförderung, als er aufflog. Seine Vorgesetzten glaubten bis kurz zuletzt an seine Integrität.
Doch wie kommen Hochstapler so lange durch? „Grundsätzlich möchten wir an das Gute im Menschen glauben,“ sagt Christian Morgenweck. „Mit einer selbstsicheren und kontrollierten Körpersprache und kompetentem Auftreten gibt es für uns keinen Grund, eine Autoritätsperson zu hinterfragen.“
Abweichungen sind verräterisch
Dennoch weist Christian Morgenweck darauf hin, dass Misstrauen keine gute Grundeinstellung ist: „Ich bin kein Freund des Satzes ‚Vertraue niemanden‘, aber gegen eine gesunde Skepsis ist nie etwas einzuwenden. Es ist wichtig zu unterscheiden, ob es sich hierbei um bewusste Manipulation handelt jemanden oder etwas gezielt zu schaden, oder ob es sich um eine kleine Lappalie handelt.“ Bei letzterem, so Morgenweck, sollten Vorgesetzte, die eine Lüge bemerken, ein Auge zudrücken, „denn beim Lügen erwischt zu werden, ist für den Mitarbeiter natürlich ein sehr unangenehmes Gefühl.“
Und wie erkennt man Lügnerinnen und Lügner im Vorstellungsgespräch? „In erster Linie geht es um Veränderungen zum Normalverhalten,“ sag der Coach. „Das lässt sich am besten beim Smalltalk feststellen. Sieht man Abweichungen, geht es darum die richtigen Fragen zu stellen, und das Verhalten dabei zu beobachten.“ Um Lügen zu erkennen, so Morgenweck, solle man dabei auf Körpersprache, der Inhalt des Gesprochenen, Mimik und Stimme achten.
Angela Heider-Willms verantwortet die Berichterstattung zu den Themen Transformation, Change Management und Leadership. Zudem beschäftigt sie sich mit dem Thema Diversity.

