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Qualifizierte Bewerber wollen herausgefordert werden

Drei Firmenvertreter und Bewerberin, einer gibt ihr die Hand (Jobzusage)
Qualifizierte Kandidaten geben eher den Zuschlag, wenn sie es im Bewerbungsgespräch nicht allzu leicht hatten. Foto: © Drobot Dean/StockAdobe

Laut einer aktuellen Analyse der Job- und Recruitingplattform > Glassdoor wurden 2018 und 2019 in Deutschland durchschnittlich 21,7 Prozent aller Job-Angebote, die Bewerbern gemacht wurden, abgelehnt. Damit steht Deutschland, verglichen mit anderen Ländern, auf Platz eins. Auf den Folgeplätzen rangieren die USA mit 17,3 Absagen, Frankreich mit 16,5 Prozent, Kanada mit 16,2 Prozent und Großbritannien mit 15,7 Prozent. Für die Auswertung wurden mehr als 800 000 Bewertungen von Bewerbungsprozessen berücksichtigt, die zwischen Januar 2008 und November 2019 von Berufstätigen auf der Plattform abgegeben wurden, davon rund 10 000 in Deutschland.

Der im globalen Vergleich hohe Anteil an Absagen in Deutschland belegt laut Glassdoor, dass es Arbeitgeber hier zunehmend schwerer haben, Fachkräfte zu rekrutieren. Dass bereits seit 2011 eine steigende Tendenz vermehrter Absagen zu beobachten ist, deute darauf hin, dass die Zahl der Ablehnungen in den nächsten Jahren noch weiter ansteigt.

Anspruchsvollere Bewerbungsprozesse erhöhen die Zusagequote

Ein für Arbeitgeber interessantes Ergebnis der Studie: Ist der Bewerbungsprozess für Kandidaten etwas schwieriger, fällt die Quote der Absagen niedriger aus. Das gilt vor allem in Branchen, in denen viele Wissensarbeiter tätig sind. Ablesen lässt sich das anhand der Fünf-Punkte-Bewertungsskala von Glassdoor: Ist der Schwierigkeitsgrad des Bewerbungsprozesses in diesen Branchen einen Punkt höher, steigt der Anteil der angenommenen Jobangebote in Deutschland um 3,1 Prozent. Dieser Zusammenhang ist in allen untersuchten Ländern zu beobachten, am stärksten ausgeprägt ist er in Großbritannien: Dort nimmt die Quote der angenommenen Stellen um vier Prozent zu. In Frankreich steigt sie mit 3,9 Prozent fast genauso viel.

In den USA hätten es vor allem jüngere Wissensarbeiter gern etwas schwerer

Eine Untersuchung nach Altersgruppen in den USA ergab zudem, dass insbesondere die jüngsten Berufstätigen, die Millennials und die Generation Z, nach erfolgreich absolvierten herausfordernden Bewerbungsgesprächen eher eine Zusage geben. In Branchen mit einem hohen Anteil an Wissensarbeitern steigt bei der Generation Z der Anteil der angenommenen Jobs um 2,8 Prozent und bei Millennials um 3,1 Prozent. Bei den 35- bis 44-Jährigen beträgt der Zuwachs noch 1,4 Prozent, bei den 45- bis 54-Jährigen liegt er nur noch bei 0,5 Prozent und bei den Älteren führen schwierige Bewerbungsprozesse sogar zu einer Abnahme der Zusagen. In den sonstigen Branchen zeigt sich diese Korrelation nicht: Lediglich bei Jobsuchenden im Alter von 25 bis 44 Jahren nimmt die Quote der Zuschläge minimal um 0,3 Prozent zu, in allen anderen Altersgruppen, auch bei der Generation Z, geht sie zurück.

Zu einfache Bewerbungsverfahren schrecken Kandidaten ab

Als Ursache für den positiven Effekt herausfordernder Bewerbungsprozesse in Branchen mit vielen Wissensarbeitern vermutet Glassdoor, dass ein einfacher Bewerbungsprozess Kandidaten den Eindruck vermitteln könne, ihre spätere Tätigkeit werde auch weniger anspruchsvoll sein. Karrierebewusste Bewerber, die sich eine herausfordernde Arbeit für ihre Weiterentwicklung wünschen, könne dies abschrecken. Auch könnten Kandidaten bei zu einfachen Verfahren anzweifeln, ob sie von den neuen Kollegen und Vorgesetzten viel lernen werden. Dagegen hätten sie nach einem schwierigeren Bewerbungsprozesse das Gefühl, für ihre Leistung ausgezeichnet zu werden – das erhöhe die Motivation und die Wahrscheinlichkeit, das unterschriftsreife Angebot anzunehmen.

Angesichts der Ergebnisse der Auswertung raten die Arbeitsmarktexperten von Glassdoor Unternehmen, ihre Bewerbungsprozesse anzupassen und schwieriger zu gestalten.

Vorstellungsgespräche sind nicht nur eine Gelegenheit, qualifizierte Kandidaten zu identifizieren, sondern auch der Moment, Top-Talente zu beeindrucken und zu begeistern,

sagt Daniel Zhao, Senior Economist bei Glassdoor. Arbeitgeber, die in einen anspruchsvollen und herausfordernden Bewerbungsprozess investieren, würden mit einem Wettbewerbsvorteil belohnt.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.