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„Verschiedenheit als Normalität begreifen”

Noch immer ist Inklusion am Arbeitsplatz in vielen Unternehmen nicht da, wo es sich viele wünschen würden. Wir haben mit Aktion Mensch-Vorstand Armin von Buttlar über die Rolle der Personaler bei der Inklusion gesprochen. 

Portrait von Armin von Buttlar
Aktion Mensch-Vorstand Armin von Buttlar. / Foto: Aktion Mensch

Personalwirtschaft: “Illusion Inklusion” lautet das Titelthema der Personalwirtschaft im Oktober. Eine treffende Beschreibung für die Situation in deutschen Unternehmen aus Ihrer Sicht?
Armin von Buttlar: Die Inklusion am Arbeitsmarkt schreitet seit Jahren mit kleinen Schritten voran. Die Zahl der Arbeitslosen mit Behinderung sinkt Jahr für Jahr und lag zuletzt bei rund 178.800 Menschen. Aber ihre Arbeitslosenquote ist mit rund 13,4 Prozent immer noch fast doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Behinderung. Mit anderen Worten: Die positiven Veränderungen am allgemeinen Arbeitsmarkt wirken sich nicht automatisch auch für Menschen mit Behinderung positiv aus.

Ist zu wenig Inklusion auch ein konkretes Versäumnis der HR-Abteilungen?
Ich könnte mir vorstellen, dass auch viele Personalentscheider zunächst nur das vermeintliche Defizit, nicht aber die Fähigkeiten der Bewerber mit Behinderung sehen. Dabei sind diese nach Studien der Aktion Mensch oft überdurchschnittlich gut ausgebildet. Gleichzeitig suchen die Unternehmen in einigen Branchen seit Jahren händeringend nach Fachkräften – dort ist ein Mangel überall sichtbar. In der Gruppe der Menschen mit Behinderung schauen sich aber nur wenige um – aus meiner Sicht ein Fehler. Und nur 62 Prozent der Chefs kleiner Unternehmen wissen, dass sie staatliche Förderung bekommen können. Wiederum nur die Hälfte der informierten Betriebe nutzt dann diese Förderung überhaupt. Dabei spielen auch bürokratische Hürden eine Rolle. Vor allem kleine Unternehmen haben nicht die Zeit, sich auf kompliziertem Weg und über verschiedene Antragstellen eine Finanzspritze zu holen. Sinnvoll wäre, wenn die Förderung aus einer Hand käme und den Firmen schneller zuflösse.

Welche Impulse sollten speziell aus den Personalabteilungen der Unternehmen kommen, um mehr Inklusion zu ermöglichen?
Hier geht es vor allem um eine andere Unternehmenskultur. Verschiedenheit als Normalität zu begreifen – das ist der vielversprechende Weg. Im Idealfall begegnen sich Arbeitnehmer mit und ohne Behinderung dabei auf Augenhöhe und bauen dadurch Berührungsängste ab. Eine inklusive Unternehmenskultur braucht vor allem diese Art der Begegnung und ein selbstverständlicheres

Miteinander. Das muss heute vielfach erst noch gelernt werden. Aus meiner Sicht sind hier die Arbeitgeber gefragt, diese Unternehmenskultur vorzuleben und anzustoßen.

Ein Blick zum Recruiting: Wird der Inklusionsgedanke hier ausreichend berücksichtigt? Gibt es Verbesserungspotenzial?
Recruiting sollte barrierefrei sein. Eine Karrierewebsite sollte beispielsweise auch für blinde und sehbehinderte Menschen nutzbar sein. Außerdem können Unternehmen im Recruiting auf die spezielle Erfahrung der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung für schwerbehinderte Akademiker zurückgreifen. Der › Arbeitgeber-Service für schwerbehinderte Akademiker der ZAV unterstützt bei der passgenauen Besetzung von Stellen mit schwerbehinderten Menschen. Auch auf Bewerberseite bedarf es der Unterstützung. Zum Teil sind die Arbeitssuchenden mit Behinderung noch nicht so selbstbewusst wie das in einem solchen Verfahren notwendig ist. Helfen könnte in diesem Zusammenhang auch, dass Unternehmen in ihren Ausschreibungen deutlich machen, dass sie offen für Bewerber mit Behinderung sind.

Zum Recruiting-Prozess gehört dann am Ende natürlich auch, dass die Bewerber mit Behinderung Zugang zum Unternehmen haben.

Abgesehen von gesetzlichen Vorgaben oder finanziellen Anreizen: Welche weiteren Vorteile hat eine hohe Inklusionsquote noch für Unternehmen?
Mehr als 80 Prozent der Arbeitgeber, die Menschen mit Behinderung beschäftigen, stellen keine Leistungsunterschiede zwischen ihren Angestellten mit und ohne Behinderung fest. Firmen mit einer hohen Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderung berichten von positiven Effekten auf die Unternehmenskultur. Die gemischten Teams fördern Kreativität und Offenheit. Das Klima in diesen Unternehmen sei insgesamt menschlicher und positiver, haben verschiedene Studien der Aktion Mensch herausgefunden. Die Arbeitgeber berichteten bei Menschen mit Behinderung von einer überdurchschnittlich hohen Motivation und Leistungsbereitschaft. Und sie stellten eine starke Identifikation mit dem Unternehmen fest. Bei hochqualifizierten Mitarbeitern mit Behinderung bezeichneten sie die Arbeitsergebnisse als gleichwertig im Vergleich zu Mitarbeitern ohne Behinderung. Natürlich gibt es auch Herausforderungen. Je nach Behinderungsart kann es im Einzelfall natürlich auch zu längeren Abwesenheiten durch Krankheit kommen. Die genannten Vorteile überwiegen aber ganz eindeutig.

Zur Person: Armin von Buttlar ist gelernter Bankkaufmann und Wirtschaftswissenschaftler. Seit 2013 führt er als Vorstand die Geschäfte der Aktion Mensch. Davor bekleidete Armin von Buttlar verschiedene Vorstands- und Geschäftsführungspositionen, unter anderem bei der Leybold Vacuum GmbH und der Merz-Gruppe. 

Anregungen, wo Hilfe bei Inklusion zu finden, sowie unsere Checkliste, wie Inklusion gelingen kann, finden Sie › hier.

In der Ausgabe 10/2017 war die Inklusion am Arbeitsplatz unser Titelthema. Sie finden die Ausgabe in unserem › Archiv.