Der Bedarf nach mentaler Unterstützung ist groß. Inzwischen ist jeder vierte Erwachsene im Laufe eines Jahres von psychischen Erkrankungen betroffen. Doch die Kapazitäten von Psychologen und Psychologinnen bleiben begrenzt. Nicht jeder und jede mit mentalen Problemen hat so die Möglichkeit, Unterstützung zu bekommen.
Das heißt für Betroffene auch, dass sie für längere Zeiträume ihrer Arbeit nicht so effizient oder sogar gar nicht nachgehen können. Fehltage durch mentale Probleme sind laut dem DAK Psychreport 2023 in den letzten zehn Jahren um fast 50 Prozent gestiegen. Ein Ausweg aus der Misere ist deshalb auch für den Arbeitgeber von wirtschaftlichem Vorteil. Bisherige Lösungen gehen allerdings kaum auf die individuellen Bedürfnisse jedes Mitarbeitenden ein oder bedeuten enorme Kosten für Unternehmen.
KI-basierte Unterstützung für die mentale Gesundheit scheint die perfekte Antwort auf die Frage zu sein „Wie kann man Mitarbeitende mit ihren individuellen Themen effektiv, aber auch zu tragbaren Kosten unterstützen?” Aber sind KI-Tools wirklich die Wunderlösung für die aktuellen Herausforderungen im Bereich mentale Gesundheit?
Die Chancen
Künstliche Intelligenz bedeutet mehr Gesundheitskompetenz
Wie Google nur mal zehn. So fühlt es sich für viele von uns an, KI-Anwendungen wie ChatGPT zu nutzen. Der Zugang zu Informationen, Tipps und Tools – auch zu solchen, die Menschen dabei helfen, ihre mentale Gesundheit zu verbessern oder zu erhalten – ist durch die KI einfacher geworden.
KI wird zudem vor allem dazu beitragen, unser Verständnis von mentaler Gesundheit durch verbesserte Forschung zu vertiefen und neue Behandlungsansätze zu entwickeln. Dadurch können wir weitere Erkenntnisse über die effektivsten Strategien zur Förderung der mentalen Gesundheit gewinnen. Das wiederum hilft auch politischen Entscheidungsträgern und Arbeitgebern, auf gesellschaftlicher Ebene bessere Lösungen zu implementieren.
KI vereinfacht den Zugang zu psychologischer Unterstützung
Ein weiterer Vorteil der KI: Sie wird von vielen als eine neutrale Instanz wahrgenommen. Viele Menschen schämen sich dafür, Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn es ihnen mental nicht gut geht. Und noch größer ist die Hemmschwelle, im zweiten Schritt einer anderen Person wirklich von den eigenen innersten Empfindungen zu erzählen. Da die meisten Menschen KI nicht als einen richtigen Menschen wahrnehmen, kann die Angst vor negativer Bewertung verringert und so eine Hürde genommen werden, um sich Unterstützung zu suchen.
Smarte Algorithmen verbessern Früherkennung und Diagnose
Wie eingangs erwähnt, können Betroffene KI-Tools auch direkt verwenden, ohne monatelang auf einen Termin bei einem Therapeuten oder einer Therapeutin zu warten. Anwendungen wie Chatbots können als erste Anlaufstelle für Krisensituationen Wartezeiten auf professionelle Hilfe überbrücken.
Eine weitere Chance von KI besteht darin, dass entsprechende Algorithmen Betroffene schneller und effektiver mit Psychologen oder Psychologinnen verbinden können – etwa durch Empfehlungsalgorithmen. Durch die Fähigkeit, Muster in großen Datenmengen zu erkennen, kann die KI zudem Vorhersagen über mögliche Erkrankungen und Risiken treffen und die Präzision von Diagnosen erhöhen. 2022 hat Google beispielsweise eine neue Funktion seiner Suchmaschine vorgestellt: Eine künstliche Intelligenz, die mentale Krisen bei Suchenden basierend auf deren Anfragen erkennt und entsprechend bessere Hilfe in den Suchergebnissen anbietet.
Im Unternehmenskontext wäre folgendes Szenario denkbar: Die KI könnte Arbeitgebern eine Chance bieten, basierend auf dem Nutzungsverhalten der technischen Tools psychisch bedingte Krankheitsfälle und Kündigungen frühzeitig vorherzusagen. Dadurch könnten HR und Führungskräfte effektive präventive Maßnahmen rechtzeitig einführen.
Personalisierte Unterstützung wird zur Realität
Die Fähigkeit der KI, große Datenmengen zu verarbeiten und Schlussfolgerungen abzuleiten, bietet zudem eine große Chance, personalisierte Unterstützung im Bereich mentale Gesundheit anzubieten. So erhalten Nutzer und Nutzerinnen beispielsweise basierend auf einem Assessment und angegebenen Präferenzen Empfehlungen dafür, ob ihnen ein Einzelgespräch, ein Gruppen- oder ein anderes Format am besten helfen kann. In anderen Worten: Die KI kann Betroffenen individuelle Behandlungspläne oder maßgeschneiderte Pläne für die persönliche Weiterentwicklung erstellen.
Die Risiken
Mitarbeitenden Zugang zu KI-Tools zur Förderung der mentalen Gesundheit anzubieten, hat also eine Reihe von Vorteilen, die zu einer schnelleren und effektiveren Unterstützung führen:
- geringere Wartezeiten bis Mitarbeitende Unterstützung erhalten
- Verringerung von Eintrittshürden durch anonymisierten Zugang und smarte Empfehlungen
- Personalisierte und präzise Hilfestellung
- Verbessertes Nutzererlebnis durch das zuschneiden auf individuelle Bedürfnisse und Präferenzen
Doch bei der Verwendung von KI-Tools sollte auch beachtet werden, dass sie nur ihre Leistung erbringen, wenn persönliche Daten erfasst und verarbeitet werden können. Wenn diese Daten nicht angemessen geschützt werden, besteht das Risiko von Datenschutzverletzungen, wenn sie beispielsweise an Versicherer weitergegeben werden oder an den Arbeitgeber ohne die Erlaubnis des oder der Betroffenen. Es muss folglich sichergestellt werden, dass die Daten in ihrer personenbezogenen Form nicht an Führungskraft, HR oder andere Kolleginnen und Kollegen im Unternehmen gelangen.
Ethische Aspekte müssen sorgfältig berücksichtigt werden
KI-Algorithmen hängen stark von den Trainingsdaten ab. Oftmals werden sie mit Daten trainiert, die Vorurteile und Diskriminierung widerspiegeln oder nur einen Teil der Bevölkerung repräsentieren. Wenn diese „Biases“ nicht erkannt und korrigiert werden, könnten beispielsweise schlechtere Diagnosen für marginalisierte Gruppen entstehen. Bei der Auswahl von Lösungsanbietern sollten Arbeitgeber also darauf achten, ob die Themen Diversität und Inklusion vom jeweiligen Mental Health Partner mitgedacht werden.
Sind wir bereit, uns einer KI anzuvertrauen?
Zum Schluss ist es wichtig zu bedenken, dass die wahrgenommene Neutralität der KI nicht nur Vorteile mit sich bringt. Denn um unser mentales Wohlbefinden zu fördern und notwendige Veränderungen anzustoßen, sind persönliche Beziehungen und Vertrauen von großer Bedeutung. Die Frage, die wir uns also stellen müssen, ist: „Fühlen wir uns wohl genug, mit einer künstlichen Intelligenz zu sprechen, wenn es um unsere tiefsten und persönlichsten Gefühle geht?” Diese wichtigen zwischenmenschlichen Komponenten durch KI zu ersetzen, wird auch in Zukunft eine Herausforderung bleiben.
Fazit
Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass sich Arbeitgeber genauer mit KI-basierten Tools auseinandersetzen. Entsprechende Lösungen für die mentale Gesundheit von Mitarbeitenden bieten vielversprechende Chancen, wie einfacheren Zugang zu Unterstützung, verbesserte Früherkennung und personalisierte Hilfe. Gemeinsam mit Tool-Anbietern sollten jedoch auch Risiken und Herausforderungen wie Datenschutz, ethische Aspekte und Akzeptanz von KI-Tools unter Mitarbeitenden besprochen werden. So kann KI für alle Beteiligten zu einer Win-win-Situation werden.
