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Zusammenhalt statt Generationen-Bashing

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„Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte.“ Dieser Spruch wurde auf einer sumerischen Tontafel gefunden, die geschätzt etwa 3000 Jahre alt ist. Beschwerden über die Charaktereigenschaften der jeweils nachrückenden jungen Generation haben also eine sehr lange Tradition.

In der aktuellen Arbeitsmarktdebatte richten sie sich gegen die „Generation Z“. Meist fasst dieser Begriff die zwischen 1995 und 2010 Geborenen zusammen. Aufgrund des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels sind sie sehr gefragt. Gleichzeitig ist ihre Einstellung zur Arbeit im Allgemeinen und zur Work-
Life-Balance im Besonderen immer wieder ein beliebtes Ziel für Spott.

Zuletzt taten sich der Fernsehmoderator Markus Lanz (Jahrgang 1969) und der Fernsehphilosoph und Buchautor Richard David Precht (1964) entsprechend hervor. Eine „Hafermilchgesellschaft“ seien wir geworden, die ständig auf der Suche nach der Work-Life-Balance sei, kritisierte Lanz. Precht sah wehmütig auf die Generation seiner Eltern zurück, die sich „die Sinnfrage gar nicht erst gestellt“ hätte. So ganz anders aber die jungen Menschen von heute, die frei nach dem Motto „Das Leben ist ein Wunschkonzert“ beim ersten Widerstand die Flinte ins Korn werfen würden.

Warum ausgerechnet diese beiden Herren auf einem Handwerkskongress eine Bühne für derartige Phrasen bekamen, ist die erste von vielen Fragen, die sich stellt. Denn ist es nicht gerade das Handwerk, das besonders über den Nachwuchsmangel klagt? Ob man durch Zielgruppenbeschimpfung die derzeit 40 000 fehlenden Azubis findet, darf zumindest hinterfragt werden.

Generationen sind gar nicht so verschieden

Dazu kommt: Die so gerne postulierten Generationenunterschiede sind wissenschaftlich umstritten. Und selbst wenn es sie gäbe: An der Einstellung zur Arbeit hat sich nicht wirklich etwas verändert. Dies beweisen Umfragen wie die des Meinungsforschungsinstitutes YouGov im Auftrag von Continental. Demnach ist den Gen-Z-Jahrgängen die Arbeit genauso wichtig wie anderen Altersgruppen.

Was sich hingegen sehr stark geändert hat, sind die Bedingungen, unter denen die jungen Menschen der heutigen Zeit in das Arbeitsleben eintreten. Das klassische Modell des Vaters, der mit einem Gehalt die Familie versorgt, hat schon lange ausgedient. Heute arbeiten laut Mikrozensus in 70 Prozent der Familien mit zwei Kindern beide Elternteile. „Für viele Menschen in der Familiengründungsphase ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf von zentraler Bedeutung für die Lebensqualität“, heißt es auf der Website des statistischen Bundesamts. Das gilt aber mindestens auch für die nächstältere Gruppe, in der Kinder vermutlich noch etwas häufiger zu finden sind.

Zudem rücken in der von Krisen geprägten Zeit und durch die von der Pandemie beschleunigte Digitalisierung Leitmotive wie nachhaltige Arbeitsinhalte und Remote-Arbeit stärker in den Vordergrund – und zwar über alle Generationen hinweg. Denn diese Veränderungen basieren auf einem gesamtgesellschaftlichen Wandel, mit dem unter anderem die Verbreitung von hybridem Arbeiten und einer verbesserten Flexibilität und Work-Life-Balance einhergeht. Diese Einstellung und noch dazu das Engagement für Nachhaltigkeit mit einem herablassenden Kommentar über Hafermilch als „gefühlig“ abzustempeln, ist angesichts des sehr realen Klimawandels reiner Hohn.

Eigentlich sollten sich Lanz und insbesondere Precht mit gesellschaftlichen Umbrüchen bestens auskennen. Beide sind Kinder der Generation ‘68, bekannt für ihr starkes Engagement und das Beharren auf gesellschaftlichem Wandel. Precht wuchs laut eigenen Angaben in einem sehr politischen Haushalt auf und verarbeitete diese Zeit auch in einem seiner Bücher. Er wurde groß mit Songs von Liedermachern voll von Kapitalismuskritik und Aufrufen an die jungen Leute, etwas zu ändern und die gesellschaftlichen Konventionen infrage zu stellen. Es ist genau diese kritische Einstellung (oder auch die Sinnfrage), die es jetzt braucht, statt sich über die nachrückende Generation zu echauffieren.

Angela Heider-Willms verantwortet die Berichterstattung zu den Themen Transformation, Change Management und Leadership. Zudem beschäftigt sie sich mit dem Thema Diversity.