Die Zahlen der aktuellen Studie des McKinsey Global Instituts zeigen eine rasante Entwicklung durch KI auf dem Arbeitsmarkt. Bis 2030 werden demnach rund 30 Prozent aller aktuellen Arbeitsstunden von der Technologie erledigt. In Deutschland wird es laut Studie bis zu drei Millionen Berufswechsel geben – das macht sieben Prozent der Gesamtbeschäftigung aus. Gleichzeitig werden weltweit wohl in allen Berufsbildern bis zu 27 Prozent der einzelnen Tätigkeiten automatisiert.
Vom großen KI-Umbruch betroffen sind laut der Analyse vor allem administrative Tätigkeiten, sowie Aufgaben im Kundenbereich, im Vertrieb und der Produktion. Das habe zur Folge, dass genau in diesen Bereichen die Arbeitsplätze künftig zurückgehen werden. Gleichzeitig geht das Forschungsteam des McKinsey Global Instituts davon aus, dass in MINT- und Gesundheitsberufen die Nachfrage in Europa nach Expertinnen und Experten um 25 Prozent bis 2030 steigen wird.
Aufholbedarf bei Nutzung und Weiterbildung
Damit all diese KI-getriebenen Veränderungen eintreten können, braucht es allerdings zwei Dinge: „Um diesen Umbruch verantwortungsvoll zu gestalten und vom beschleunigten Produktivitätswachstum zu profitieren, müssen Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik nicht nur den Einsatz von KI deutlich beschleunigen, sondern gleichzeitig mehr als bislang in Weiterbildung und Umschulung der Beschäftigten investieren“, sagt McKinsey-Partnerin Sandra Durth, die an der Studie mitgewirkt hat. Eine breite KI-Nutzung und entsprechende Weiterbildungen für Mitarbeitende sind allerdings aktuell keinesfalls selbstverständlich. Das zeigen andere Befragungen.
Wie viele Unternehmen KI aktuell nutzen, ist schwierig zu sagen, denn unterschiedliche Studien zeichnen dafür recht verschiedene Szenarien auf. Spricht die McKinsey-Studie davon, dass 85 Prozent der Unternehmen in Deutschland mindestens eine KI-Technologie eingeführt haben, heißt es vom Statistischen Bundesamt (Destatis) Ende 2023 noch: In 12 Prozent der Unternehmen wird KI genutzt, was zu Umfrageergebnissen des ifo Instituts vom vergangenen Sommer passt, wonach 13,3 Prozent der Unternehmen entsprechende Technologien verwenden. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass sich in den vergangenen Monaten viel getan hat. Dass die Nutzung von KI aber um 70 Prozent gestiegen ist, scheint unwahrscheinlich. Grund für die unterschiedlichen Studienergebnisse könnte auch sein, dass viele unter KI-Technologie andere Dinge verstehen.
Laut Destatis ist der häufigste Grund für den Nichtgebrauch von KI fehlendes Wissen. Eine Mercer-Studie von März 2024 impliziert einen weiteren Grund: Die Sorge, dass die Belegschaft nicht bereit ist, die Arbeitswelt und das eigene Verhalten entsprechend der Künstlichen Intelligenz zu verändern. Zahlreiche Personalverantwortliche wiederum befürchteten, dass neue Lösungen eingeführt werden, ohne bestehende Arbeitsweisen darauf abzustimmen.
Wissensmangel und Befürchtungen lassen sich oftmals durch Fortbildungen lösen. Doch davon scheint es bezüglich KI in Deutschland noch zu wenige zu geben. Laut einer Untersuchung des HR-Marktforschungsinstituts Trendence von Anfang 2024 bietet nur jeder fünfte Arbeitgeber seinen Beschäftigten eine entsprechende Fortbildung an. Das sind zu wenige, auch weil der Wunsch der Mitarbeitenden nach einer entsprechenden Weiterbildung weitaus größer ist. Eine solche wünschen sich gut 65 Prozent der Beschäftigten.
Auf diese Future Skills kommt es jetzt an
Doch was genau müssen Mitarbeitende jetzt lernen, um für den Einsatz von KI in Unternehmen vorbereitet zu sein? Die McKinsey-Studienverfasserinnen und -verfasser prognostizieren, dass einerseits technische Fähigkeiten wichtiger werden, zum anderen soziale und emotionale. Dem schließt sich Yasmin Weiß an. Die BWL-Professorin forscht zu KI und der Arbeitswelt der Zukunft und ist Aufsichtsrätin. Sie schreibt in einem Blogeintrag: „Menschen, die Technologie sicher anwenden können, werden sukzessive Menschen ersetzen, die dies nicht tun.“ Und Menschen, die menschlich agieren, würden schwerer durch Technologie ersetzt. Menschlich agieren würden Personen, wenn sie folgende acht „Deep Human Skills“ besitzen:
- Die Fähigkeit, Liebe und Wertschätzung zu vermitteln und zu empfinden
- Vertrauen zu empfinden und aufzubauen
- Empathie für sich selbst und andere zu haben
- Intuitiv zu sein (Sie definiert dies als „Fähigkeit, komplexe entscheidungsrelevante Informationen in einer Situation zu erspüren, auch wenn sie subtil und nicht logisch sind.“)
- Multisensorale Kommunikation
- Adaptive Resilienz: Die fortlaufende Anpassung an eine Umgebung auf mehrere Dimensionen (mentale, körperliche und qualifikatorische Widerstandskraft)
- Selbstreflexion
- Ethisches Denken und Handeln
Um diese Skills zu entwickeln oder zu perfektionieren, bräuchten Menschen ebenfalls ein Training. „Vieles in unserem alltäglichen Sozialverhalten führt derzeit zu einer fortschreitenden Degeneration dessen“, so Weiß. Auf welche technischen Fähigkeiten kommt es jetzt an? Die McKinsey-Studie spricht diesbezüglich von „digitalen Grundkenntnissen, Kenntnissen in Technologiedesign, -entwicklung, und -wartung, oder fortgeschrittene IT-Fähigkeiten oder Programmierkenntnissen”.
So kann HR Erstkontakt zu KI schaffen
Jens Leucke, General Manager und Head of DACH bei der Ausgabenmanagementplattform Pleo, beschäftigt sich mit dem Einfluss von KI auf Arbeitsprozesse. Er rät Unternehmen: Mitarbeitende sollten zunächst den Umgang mit ChatGPT oder Google Bard lernen und ihre Prompting-Fähigkeiten ausbauen. Denn beide Systeme seien die Grundlage zahlreicher KI-Tools. Dabei sollten Arbeitgeber den „Entdeckergeist“ der Beschäftigten fördern. „Das Beste, was Unternehmen tun können, um KI in ihrem Unternehmen organisch wachsen zu lassen, ist Menschen zu finden, die sich von Natur aus zu ihr hingezogen fühlen“, sagt Leucke. Diese Mitarbeitenden sollten dann schrittweise mit KI auf der Arbeit experimentieren dürfen. Auf Skeptiker und -Skeptikerinnen müssten Arbeitgeber nicht zu viel Zeit aufwenden. „Sobald Skeptiker sehen, dass KI-gestützte Kollegen schneller bessere Ergebnisse liefern, wird ihr Interesse automatisch steigen.“
Doch was, wenn es in Unternehmen skeptische Menschen in den Führungsebenen gibt? Pleo veröffentlicht jedes Jahr ein „CFO Playbook“. Bei der Befragung 2024 zeigte sich: Viele Chief Financial Officer glauben nicht an den Nutzen von KI für ihre Profession. Leucke vermutet, dass dies an „dem vertraulichen Charakter ihres Sektors“ liegen könnte oder auch an einer Sorge, gleich viel Geld für ein neues Tool, mit dem sie sich noch wenig auskennen, in die Hand nehmen zu müssen. Für letztere Sorge hat der General Manager einen Tipp: „Geben Sie allen Mitarbeitenden Zugang zu einem kostenlosen KI-Tool. Es gibt viele sichere KI-Spielplätze, auf denen Ihre Teams üben und sich einarbeiten können.“
Lena Onderka ist redaktionell verantwortlich für den Bereich Employee Experience & Retention – wozu zum Beispiel auch die Themen BGM und Mitarbeiterbefragung gehören. Auch Themen aus den Bereichen Recruiting, Employer Branding und Diversity betreut sie. Zudem ist sie redaktionelle Ansprechpartnerin für den Deutschen Human Resources Summit.

