Ausbildung: Feedback ist keine Einbahnstraße

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Das Thema Feedbackkultur ist seit Jahren ein wichtiges Thema in HR. In der Berufsausbildung ist Feedback allerdings meistens eine einseitige Angelegenheit: Rückmeldung geben die Ausbildenden in Richtung Azubis. Der sogenannte „Beurteilungsbogen“ in den Fachabteilungen ist dabei das meistgenutzte Instrument. Anhand dieses Beurteilungsbogens sollen die Schwächen und der Entwicklungsbedarf der Auszubildenden aufgedeckt werden.

Dieses Vorgehen hat seine Berechtigung, schließlich ist das Ziel der Ausbildung, junge Nachwuchskräfte für einen Job oder Tätigkeit zu befähigen und sie in der Ausbildung zu begleiten. Hier sollte jedoch aus meiner Sicht keine „Beurteilung“ erfolgen, die negativ konnotiert ist, denn das hat schnell den Beigeschmack, dass sich Auszubildende einem beurteilenden Blick unterziehen müssen und dann ihr unwiderrufliches Urteil erhalten. Der Fokus sollte jedoch mehr darauf liegen, wo die Stärken der Azubis liegen, wo sie sich noch entwickeln können und sollen und wo ihre Interessen liegen. Ziel sollte also weniger eine Beurteilung sein, sondern vielmehr ein „Entwicklungsdialog“, der einen strukturierten Bogen zur Grundlage hat.

Welche Perspektiven haben Azubis und Externe?

Wenn wir Feedback in der Ausbildung ernst nehmen, dann liegt auf der Hand, dass die Perspektive der Auszubildenden viel mehr als bisher vielfach üblich in den Fokus gestellt werden sollte. Im Entwicklungsdialog sollte es demnach auch eine Einschätzung und Feedback seitens der Auszubildenden zur Betreuung in der Fachabteilung, dem Verhalten und Vermittlungsfähigkeiten der Ausbildenden beziehungsweise der Ausbildungsbeauftragten geben.

Eine dritte Dimension ist die allgemeine Feedbackkultur.  Sie sollte alle Akteure in der Ausbildung und auch externen Personen wie Netzwerkpartnerinnen und -partnern sowie Bewerbende einbeziehen. Eine weiterer Aspekt ist. die Implementierung von Feedback im täglichen Miteinander.

Grundlagen einer guten Feedbackkultur

Regelmäßigkeit: Feedback sollte nicht nur sporadisch gegeben werden, sondern regelmäßig und kontinuierlich erfolgen. Dies kann in Form von regelmäßigen Feedbackgesprächen oder auch informellen Rückmeldungen im Arbeitsalltag geschehen. Geeignet sind hier auch agile Methoden wie Dailys und Retros.

Um eine gute und zielführende Feedbackkultur in der Ausbildung einzuführen, sollten folgende übergeordnete Punkte beachtet werden:

Verminderung von Wahrnehmungsfehlern und Unconscious Bias: In Feedbackgesprächen und auch in der allgemeinen Bewertung können sich Ausbildende als auch Auszubildende nicht völlig frei von Wahrnehmungsfehlern und Vorverurteilungen (Unconscious Bias) machen. Wird beispielsweise in den Feedbackgesprächen eine Auszubildende pauschal als sehr gut bewertet und nicht zwischen den Kompetenzbereichen unterschieden, kann das zu redundanten und wenig aussagekräftigen Rückmeldungen führen. In solche einem Fall liegt die Vermutung nahe, dass von Ausbilderseite eine Diskussion über strittige Punkte vermieden werden soll. Aber auch Wahrnehmungsfehler wie der so genannte Benjamin-Effekt („Welpenschutz“), der HALO-Effekt („Heiligenschein-Effekt“) oder Stereotype („Kennst du einen Azubi, kennst du alle“) sind weit verbreitet. Hier hilft es sich die Wahrnehmungsfehler und Vorverurteilungen durch Feedback von Auszubildenden, aber auch von Kolleginnen und Kollegen bewusst zu machen.

Konstruktiv und zielführend: Feedback sollte immer einen klaren Zweck verfolgen und auf konkrete Ziele hin ausgerichtet sein. Es ist wichtig, dass Auszubildende verstehen, warum sie bestimmte Rückmeldungen erhalten und wie sie diese umsetzen können. Auszubildende benötigen Beispiele, da sie nicht die nötige Erfahrung haben, um selbst Lösungen entwickeln zu können.

Hilfreiche Fähigkeiten: Um Feedback geben zu können, brauchen die Akteure   gute Kommunikationsfähigkeiten, Selbstreflexion und Empathie. Regelmäßige Schulungen helfen, diese Fähigkeiten zu entwickeln und auszubauen. Auch hier gilt: Übung macht den Meister. Wer regelmäßig Feedback gibt, die eigene Arbeit und das Verhalten aller Ausbildungsbeteiligten reflektiert, wird auch dabei immer besser.    Sowohl die Ausbildenden wie auch die Azubis benötigen aber Unterstützung, um zu lernen, wie sie hilfreiches Feedback geben können. Ganz wichtig ist es, den Auszubildenden zu verdeutlichen, dass Feedback nicht nur erlaubt, sondern erwünscht ist – sowohl gegenüber den Ausbildenden und Ausbildungsbeauftragten wie auch gegenüber den anderen Azubis.

Implementierung

Eine Kultur zu schaffen, in der Feedback ein essenzielles Mittel beidseitigen Lernens und der stetigen Weiterentwicklung der Ausbildung ist, ist gar nicht so einfach.

Als Herausforderung werden häufig folgende Punkte genannt:

Zeitmangel und Personalmangel: Oft fehlt im Arbeitsalltag die Zeit für ausführliche Feedbackgespräche. Eine Lösung könnte sein, feste Zeiten für Feedback zu etablieren, beispielsweise wöchentliche oder monatliche Meetings. Als auch tägliche Dailys und Retros, die auch von Auszubildenden untereinander geleitet werden.

Unternehmenskultur: Die Feedbackkultur in der Ausbildung wird maßgeblich beeinflusst durch die gelebte Feedbackkultur im ganzen Unternehmen. Hier kann Ausbildung jedoch auch als Katalysator für die Entwicklung der gesamten Organisation dienen.

Kulturelle Hintergründe: Junge Nachwuchskräfte wünschen sich konstruktives Feedback, gleichzeitig können kulturelle Unterschiede etwa im Hinblick auf Herkunft, Religion oder auch der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Generationen bei Auszubildenden und Ausbildenden zu Missverständnissen führen. Hier hilft es, sich über die verschiedenen Hintergründe zu informieren und Sensibilität zu entwickeln.

Angst vor Kritik:  Die Furcht vor Fehlern und Schwächen führt dazu, dass viele Mitarbeitende Angst vor negativer Kritik haben. Hier kann es helfen, die positiven Aspekte des Feedbacks stärker zu betonen und eine konstruktive und lösungsorientierte Herangehensweise zu wählen. Das gezielte Vorleben durch tägliches Reflektieren und Feedbackgeben führt mittelfristig zu mehr Vertrauen bei den Beschäftigte, selbst ebenfalls Feedback geben zu dürfen.

Konkrete Beispiele aus der Ausbildungswelt

Ein Unternehmen im Bereich Medizin- und Sicherheitstechnik führt von Beginn an in der Ausbildungswerkstatt Dailys und Retros ein, die sukzessive von den Auszubildenden selbst moderiert werden.

Im Entwicklungsbogen eines Energieunternehmens wird konkret nach dem Feedback der Auszubildenden zur Fachabteilung und der Begleitung durch das Ausbildungspersonal gefragt.

In einem städtischen Ausbildungsbetrieb erhalten Ausbildungspersonal und Auszubildende regelmäßig Workshops zu „Feedbackgeben und die damit verbundenen Herausforderungen“. Dazu gibt es regelmäßige Austauschrunden, um die Reflexionsfähigkeit zu erhöhen und systemische Hindernisse zu offenbaren.

Fazit: Ausbildung braucht Bereitschaft zur kontinuierlichen Verbesserung

Eine gut etablierte Feedbackkultur ist wesentlicher Bestandteil einer erfolgreichen Ausbildung. Sie fördert die persönliche und berufliche Entwicklung der Auszubildenden, stärkt die Bindung an das Unternehmen und trägt insgesamt zu einer positiven Arbeitsatmosphäre bei. Unternehmen, die in eine solche Kultur investieren, profitieren langfristig von motivierten, kompetenten und loyalen Mitarbeitern.

Die Implementierung einer Feedbackkultur erfordert jedoch Engagement und die Bereitschaft zur kontinuierlichen Verbesserung. Durch regelmäßiges, ehrliches und respektvolles Feedback können Ausbilder und Unternehmen sicherstellen, dass Auszubildende ihr volles Potenzial entfalten und erfolgreich in ihre berufliche Zukunft starten.

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