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Erfolgsfaktoren einer attraktiven Berufsausbildung

Qualitätsreport Ausbildung 2020
Foto: © goodluz / stock.adobe.com

Ein wichtiger Gesamtindikator, der Aufschluss gibt über die Qualität der Ausbildung, ist die persönliche Zufriedenheit der Azubis. Laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) sinkt diese seit Jahren und hat im Jahr 2019 mit 69,9 Prozent einen neuen Tiefstand erreicht (vgl. DGB-Bundesvorstand, Ausbildungsreport 2019, S. 38f). Anders in den zertifizierten Unternehmen. Hier sind über 85 Prozent der befragten Auszubildenden zufrieden mit ihrer Ausbildung – auch in den Berufen, die vom DGB als “Problemberufe” identifiziert wurden, wie zum Beispiel dem/der Hotelfachmann/-frau. Das zeigt: Auch in vermeintlich unattraktiven Ausbildungsberufen lässt sich gut und zufriedenstellend ausbilden, wenn Ausbildungskonzept und Rahmenbedingungen stimmen. Welches sind die Erfolgsfaktoren der zertifizierten Ausbildungsbetriebe?

Erfolgsfaktor 1: Recruiting von Auszubildenden

Die zertifizierten Betriebe profitieren beim Recruiting maßgeblich vom guten Image ihrer Ausbildung. Rund 78 Prozent der befragten Azubis bestätigen, dass sie sich wegen des guten Rufs der Ausbildung bei ihrem Unternehmen beworben haben. Auch gelingt es den “Best Places” gut, das Besondere der eigenen Ausbildung herauszustellen und zu kommunizieren (79 Prozent). Diese Faktoren zusammen führen dazu, dass die zertifizierten Unternehmen offensichtlich deutlich geringere Problem bei der Besetzung ihrer Lehrstellen haben als nichtzertifizierte. Laut einer aktuellen Befragung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags haben aktuell 32 Prozent der Unternehmen Probleme bei der Besetzung ihrer Ausbildungsstellen (vgl. DIHK-Online-Unternehmensbefragung Ausbildung 2019). Bei den Zertifizierten liegt dieser Wert bei lediglich 7,1 Prozent. Weitere 7,7 Prozent signalisieren jedoch zunehmende Schwierigkeiten, passende Azubis zu finden.

Erfolgsfaktor 2: Onboarding der Auszubildenden

Ein professioneller Onboarding-Prozess macht aus erwartungsfrohen Bewerbern schnell begeisterte und lernwillige Auszubildende. So die Theorie. Doch wie sieht die Praxis des Onboardings der neuen Azubis in den zertifizierten Unternehmen aus? In beinahe allen Ausbildungsbetrieben, so das Ergebnis, funktioniert die Integration reibungslos. Das Klima ist überwiegend geprägt von einer herzlichen Willkommenskultur (91,9 Prozent). Die Neulinge finden sich schnell zurecht, weil zum Beispiel Einführungstage oder eine Einführungswoche die Integration erleichtern (89, 6 Prozent). Auch schaffen es die Betriebe recht schnell, den neuen Azubis die Werte und Erwartungen des Unternehmens nahezubringen (89,7 Prozent). In allen befragten Unternehmen stehen den Azubis zudem feste Ansprechpartner in der Probezeit zur Verfügung (90,1 Prozent).

Nachholbedarf gibt es in vielen Unternehmen allerdings beim Preboarding, also in der Phase zwischen Vertragsabschluss und Ausbildungsbeginn. Rund 21 Prozent der befragten Azubis gaben an, dass ihr Ausbildungsbetrieb hier nichts oder zu wenig macht. Ein weiteres großes Manko: Jeder vierte Azubi (25,8 Prozent) wünscht sich mehr Feedback in der Probezeit.

Erfolgsfaktor 3: Planung und Gestaltung der Ausbildung

Die hohe Ausbildungsqualität in den zertifizierten Unternehmen ist kein Zufall, sondern vielfach Ergebnis einer gezielten Qualitätssicherung (84 Prozent). Viele Betriebe binden ihre Azubis bei der Qualitätsentwicklung ein (73 Prozent), beispielsweise in Form von regelmäßigen Austausch- und Reflexionsrunden zum Verlauf der betrieblichen Praxis und deren Steuerung.
Im Mittelpunkt der Qualitätsentwicklung steht eine Ausbildungsplanung, die einen verlässlichen und transparenten Rahmen bietet, das Erfahrungslernen in den alltäglichen Geschäftsprozessen ermöglicht und den individuellen Stärken und Schwächen des einzelnen Auszubildenden weitgehend Rechnung trägt.

Doch gerade an der Ausbildungsplanung hapert es in manchen Betrieben: 20,7 Prozent der befragten Auszubildenden sind mit der Ausbildungsplanung unzufrieden, bemängelt Struktur, Transparenz und Verlässlichkeit. Insbesondere bei Unternehmen mit mehreren Standorten fehlt es häufig an einem einheitlichen Qualitätsstandard.

Erfolgsfaktor 4: Das berufliche Lernen

Berufliche Handlungskompetenz lässt sich nicht vermitteln, sondern kann sich nur in der Praxis, bei der Bewältigung realer Herausforderungen, entwickeln. In den meisten zertifizierten Unternehmen wird dieses Leitprinzip offenbar konsequent umgesetzt: So ist es für fast alle “Best Places” nahezu selbstverständlich, ihre Azubis mit Aufgaben zu betrauen, die nicht nur dem spezifischen Berufsbild entsprechen (84,8 Prozent), sondern “echte” Arbeitsaufträge sind (88,1 Prozent). Zudem bestätigen 91,2 Prozent der befragten Auszubildenden, dass sie Lern- und Arbeitsaufgaben weitgehend selbstständig bearbeiten.

Nachbesserungsbedarf gibt es allerdings in manchen Betrieben bei der Umsetzung des didaktischen Prinzips der vollständigen Arbeitshandlung – der möglichst frühzeitigen selbstständigen Planung, Durchführung und Kontrolle der Arbeitsaufträge durch die Azubis. Rund 20 Prozent der beteiligten Unternehmen gelingt es nicht zufriedenstellend, dieses didaktische Prinzip umzusetzen.

Erfolgsfaktor 5: Qualifiziertes Ausbildungspersonal

Es ist kein Geheimnis, dass eine Top-Ausbildung entscheidend von den Ausbilderinnen und Ausbildern abhängt. Aber: Wie werden die ausbildenden Fachkräfte auf ihre Aufgaben vorbereitet und in ihrer Arbeit unterstützt? Die Studienergebnisse zeigen: In diesem Qualitätsbereich gibt es noch einen hohen Optimierungsbedarf – und der beginnt bereits bei der Auswahl des Ausbildungspersonals. Mehr als 30 Prozent der befragten ausbildenden Fachkräfte sind unsicher, was von ihnen erwartet wird. Manche Betriebe benennen ihre Ausbilder nicht einmal namentlich, sondern verlassen sich auf eine Ausbildung “auf Zuruf‘‘.

Lediglich 59,2 Prozent der befragten ausbildenden Fachkräfte gibt an, dass ihre Kompetenzen durch Schulungen gefördert werden. Häufig verhindert der Faktor Zeit eine regelmäßige und bedarfsorientierte Qualifizierung des Ausbildungspersonals. Hier könnte die Etablierung arbeitsplatznaher Formen des Lernens wie E-Learning, Onlinekurse, Webinare oder eine Kombination von Präsenztrainings mit E-Learning zukunftsweisend sein.

Erfolgsfaktor 6: Bindung von Azubis

Eine spannende Frage zum Abschluss: Trägt eine attraktive Ausbildung in besonderem Maße zur Bindung der Auszubildenden bei? Die Antwort: Ein eindeutiges Jein. Ein eindeutiger Übernahmewunsch wird nur von 66,1 Prozent der Auszubildenden geäußert. Nicht übernommen werden möchten 12,3 Prozent. 8,5 Prozent sind noch unentschlossen und 13,1 Prozent konnten oder wollten sich nicht äußern. Dieses ambivalente Ergebnis bestätigt einmal mehr, dass junge Menschen trotz einer hervorragenden Ausbildung beruflich noch nicht festgelegt sind. 

Besser werden müssen manche Unternehmen unbedingt bei der konkreten Übernahmeplanung. Viele Azubis hängen zu lange in der Luft und wissen nicht, ob sie übernommen und wo sie eingesetzt werden. Dass Ungewissheit dann zu einem Wechselwunsch führt, kann da nicht weiter überraschen.

Welche Punkte machen den Unterschied?

  • Recruiting: Was außen wirken soll, muss innen leben. Nicht eine super-hippe Werbung ist das entscheidende, sondern eine glaubhafte Bewerberkommunikation, in deren Mittelpunkt eine hochwertige und attraktive Ausbildung steht.
  • Onboarding: Veredelt wird ein erfolgreicher Onboardingprozess erst durch geeignete Maßnahmen des Preboardings sowie durch ein regelmäßiges und konstruktives Feedback in der Probezeit.
  • Ausbildungsplanung: Im Ausbildungsplan muss Platz bleiben für individuelle Schwerpunktsetzungen. Manche Betriebe gehen mittlerweile dazu über, die Ausbildungsplanung zum Teil in die Hände der Azubis zu legen.
  • Berufliches Lernen: Wer Azubis konsequent mit handlungsorientierten Arbeitsaufgaben betraut, die nach dem didaktischen Prinzip der vollständigen Handlung bearbeitet werden, erhält früh kompetente Fachkräfte.
  • Feedbackkultur: Ausbilder, sprecht mehr mit Euren Azubis. Wer es mit der modernen Lernprozessbegleitung ernst meint, muss den Azubis konsequent Rückmeldungen geben.
  • Ausbilderqualifizierung: Die regelmäßige Schulung des Ausbildungspersonals ist ein Muss. Hier gilt es, geeignete, arbeitsplatznahe Formen des Lernens im Betrieb zu etablieren.
  • Bindung von Azubis: Kluge Ausbildungsbetriebe besprechen frühzeitig die beruflichen Perspektiven nach der Ausbildung mit ihren Azubis. Innerbetriebliche Karrierepfade sind transparent und eingebettet in ein Personalentwicklungs- oder Talent-Management-Konzept.
Qualitätsbereiche des Qualitätsmodells von “Best Place to Learn”
Modell Qualitätsreport
Bei den mit dem Ausbildungsgütesiegel “Best Place to Learn” ausgezeichneten Unternehmen werden bestimmte Kriterien, anhand dieses Qualitätsmodells untersucht. (Foto: Aubi-plus)
Die Studie
Qualitätsreport Cover

Die Untersuchung stützt sich auf Bewertungen von rund 5600 Azubis und 4100 Ausbildenden aus 91 Unternehmen, die im Zeitraum von Mitte 2016 bis Herbst 2019 am Zertifizierungsverfahren für das Ausbildungsgütesiegel “Best Place to Learn” teilgenommen haben. Insgesamt standen sieben Qualitätsbereiche mit insgesamt 71 Qualitätskriterien im Rahmen der Ausbildungsevaluation auf dem Prüfstand.

Dieter Sicking

Dieter Sicking, Geschäftsführung,
Geschäftsbereich Zertifizierung und Qualifizierung,
AUBI-plus GmbH, Bremen,
dieter.sicking@aubi-plus.de

Dorothea Piening

Dorothea Piening, Wissenschaftliche Leitung,
Geschäftsbereich Zertifizierung und Qualifizierung,
AUBI-plus GmbH, Bremen,
dorothea.piening@aubi-plus.de


Dieser Beitrag ist Teil des Online-Specials „Ausbildung“. Mehr interessante Beiträge zu diesem Thema finden Sie auf der entsprechenden › Übersichtsseite