Wenn man den Anbietern von Lernplattformen Glauben schenken darf, dann braucht es nur ihre jeweiligen Angebote und schon sind lernschwache und unmotivierte Azubis gut auf die Prüfung vorbereitet. Tatsächlich können diese Plattformen die Vermittlung von Theoriewissen sehr gut unterstützen. Trotzdem ist das Thema Lernen insgesamt doch deutlich komplexer, als es viele dieser Tools suggerieren.
Abschied von Mythen und Irrtümern
Wenn man sich mit dem Thema Lernen beschäftigt, stößt man schnell auf eine ganze Reihe von falschen Vorstellungen:
- Lernen macht Spaß
Dieser Satz klingt zwar gut – aber allgemeingültig ist er noch lange nicht. Für mich stimmt er sicherlich – ich bin grundsätzlich sehr lernwillig. Aber nicht 24/7 und eher phasenweise. Lernen kann nämlich fordernd sein und echte Lerneffekte entstehen nur dann, wenn man sich außerhalb seiner bisherigen „Wissenszone“ oder Komfortzone bewegt. Das ist nicht immer bequem und häufig mit Anstrengungen verbunden. Die Frage ist, ob man diese Anstrengung als ausbildende Person in den Vordergrund stellt oder durch Relevanz und ansprechend aufbereitete Inhalte sowie Methoden vor allem die Inhalte vermittelt.
- Jeder hat einen spezifischen Lerntyp
Es wird häufig angenommen, dass Menschen strikt einem bestimmten Lerntyp (visuell, auditiv, kinästhetisch, und so weiter) entsprechen. In Wirklichkeit profitieren die meisten Lernenden von einer Mischung verschiedener Lernmethoden und -techniken, abhängig vom Lerninhalt. Dabei benötigen insbesondere Auszubildende bei Themen, zu denen sie noch kein Vorwissen haben, eine professionelle Begleitung des Lernprozesses. Ausbildende suchen dafür je nach Lernstand, Vorerfahrung und Interesse der Lernenden geeignete Methoden der Vermittlung aus.
- Belohnungen oder Wettkampf führen immer zu besserem Lernen
Der Glaube, dass externe Belohnungen wie Noten oder Preise die besten Anreize zum Lernen sind, ist immer noch weit verbreitet. Solche extrinsischen Motivationsfaktoren führen jedoch meist nur zu einem kurzen Effekt. Dabei werden die Inhalte für einen Test schnell im Kurzzeitgedächtnis gespeichert, für den Test abgerufen und danach vergessen. Intrinsische Motivation – das innere Interesse und die Freude am Lernen – dagegen führt oft zu tieferem und nachhaltigerem Wissens- und Kompetenzerwerb.
- Intelligenz ist angeboren und unveränderlich
Ein weiterer verbreiteter Irrtum ist, dass Intelligenz eine feste Größe ist. Moderne Forschung zeigt jedoch, dass das Gehirn plastisch ist und sich durch Lernen und Erfahrungen verändern und entwickeln kann. Das Konzept des „Growth Mindset“ betont, dass Fähigkeiten und Intelligenz durch Anstrengung und gezielte Übung wachsen können. Eine Entwicklung der Intelligenz ist daher insbesondere bei der jungen Generation möglich.
- Digital ist ein Muss
Die digitale Lernwelt ist geprägt von Anglizismen: Es gibt Learning nuggets, Learning Management Systems (LMS), Blended Learning, Flipped Classroom, Virtual Reality und Augmented Reality (VR/AR), Gamification und vieles mehr. Durch neue Einsatzmöglichkeiten von Plattformen, Apps und Tools mit Ausbildungsbezug werden Ausbildungsmethoden möglich, die über die herkömmliche 4-Stufen-Methode und das Lehrgespräch hinaus gehen. Eine solche Fülle von Methoden lädt geradezu dazu ein, Auszubildende vor ein LMS zu setzen und von ihnen zu erwarten, dass sie sich die Inhalte selbstständig aneignen.
Solche digitalen Möglichkeiten sind wirklich ein Game Changer, sie benötigen aber auch eine starke Begleitung des Lernprozesses durch ausbildende Personen.
Was braucht es zum effektiven Lernen?
- Emotion und Motivation
Auszubildende sollten Interesse und Motivation für die Inhalte mitbringen. Das bezieht sich sicherlich aber nicht auf alle Inhalte. Unerfahrenen Personen ist die Relevanz bestimmter Themen nicht immer bewusst. Ausbildende sollte daher Begeisterung für das Thema und auch den Nutzen von Inhalten aufzeigen, die auf den ersten Blick uninteressant oder nicht relevant wirken.
Beispiel: Auszubildende müssen auch Routinetätigkeiten übernehmen, die beim Arbeiten dazu gehören. Für den Verkauf von Autos eines Autohause über die Webseite müssen etwa die Daten von Autos eingepflegt sowie Fotos der Fahrzeuge hochgeladen werden. Das kann mitunter stupide und eintönig sein, ist aber eine essenzielle Aufgabe, die zum Geschäftserfolg des Unternehmens beiträgt.
- Vielfältige Lernmethoden
Eine Mischung aus verschiedenen bekannten Ausbildungsmethoden und neueren Ansätzen (siehe oben) mit dem Fokus auf Anwendung hilft dabei, unterschiedliche Zugänge zum Thema zu erhalten und die Lernenden so abzuholen. Dabei wird der Einsatz einer Methode nach Wissensarten ausgewählt. (Deklaratives Wissen, Prozedurales Wissen, Sensomotorisches Wissen, situatives Wissen und Weitere).
Beispiel: Die Begrifflichkeiten (deklaratives Wissen) zum Erstellen einer Rechnung werden durch einen Quiz vermittelt. Das Bedienen der Rechnungssoftware und die Abläufe (prozedurales Wissen) wird über ein Video erklärt. Das Erstellen einer Rechnung wird live unter den Augen einer ausbildenden Person in der Rechnungssoftware erstellt (situatives Wissen).
Auch das Peer Learning (Von Azubi zu Azubi) ist eine sinnvolle Methode.
- Feedback und Reflexion
Regelmäßiges Feedback und die Möglichkeit zur Selbstreflexion verbessern das Lernen. Agile Methoden sorgen dafür, dass Auszubildende mit Vorwissen noch besser eingebunden werden. So werden Motivation und Selbstverantwortung gefördert. Auch die regelmäßige Lernstandkontrolle und das Neuausrichten von Lerninhalten beziehungsweise -methoden ist dabei essenziell.
Beispiel: Durch einen Quiz im LMS wird der Lernstand der gesamten Ausbildungsgruppe erhoben. Anschließend erklärt die ausbildende Person an einem praktischen Beispiel die Inhalte an den Stellen, wo sich Lücken gezeigt haben.
- Lernort
Weniger beachtet werden oft die Räumlichkeiten und die Lernumgebung. Dabei hat der Lernort einen maßgeblichen Einfluss auf den Lernerfolg.
Beispiel: Während die Arbeit an einem Werkstück in der Ausbildungswerkstatt am effektivsten ist (da Ausbildende unterstützen können und auch Austausch mit den anderen Azubis entsteht) kann es sinnvoll sein, theoretische Inhalte in einem ruhigen Raum oder sogar zu Hause zu erlernen.
Fazit: Lernmethoden individuell anpassen
Auf die Frage, wie Lernen heute aussehen soll, gibt es keine einfache Antwort. Zu viele verschiedene Aspekte spielen dabei eine Rolle, die die Ausbilderinnen und Ausbilder berücksichtigen müssen. Klar ist jedoch ihre Verantwortung gerade gegenüber den Auszubildenden, die am Beginn ihrer Berufslaufbahn natürlich wenig Vorwissen mitbringen. Für sie müssen die Inhalte zielgerichtet aufbereitet und mit individuell passenden Methoden vermittelt werden.
Info
Claudia Schmitz ist Unternehmerin, Beraterin, Autorin und Speakerin. Außerdem ist sie ausgebildete Diplompädagogin. Für die Personalwirtschaft kommentiert sie jeden Monat Entwicklungen und Verbesserungsbedarfe bei der dualen Berufsausbildung.
