Mit den nahenden Gehaltsverhandlungen stehen deutsche Unternehmen erneut vor der Aufgabe, den Erwartungen der Mitarbeitenden gerecht zu werden – diesmal in einem unsicheren wirtschaftlichen Umfeld, das von strukturellen Veränderungen und wachsenden geopolitischen Unsicherheiten geprägt ist. Die Vergütungstrends deuten jedoch darauf hin, dass deutsche Arbeitnehmende optimistisch in die Verhandlungsrunden gehen können.
Die Grundgehälter stiegen 2024 durchschnittlich um 3,5 Prozent, und für 2025 wird sogar eine Erhöhung von 4,2 Prozent prognostiziert. Dies liegt weit über der erwarteten Inflationsrate von 2,2 Prozent und stellt Unternehmen vor die Frage, wie sie sowohl marktfähige Gehälter anbieten als auch langfristig profitabel bleiben können.
Gleichzeitig zeichnen die wirtschaftlichen Kennzahlen ein ambivalentes Bild für Deutschland: Auf der einen Seite führen Faktoren wie steigende Energiepreise, anhaltende geopolitische Spannungen und eine wachsende Zahl von Insolvenzen zu einer gewissen Unsicherheit. Auf der anderen Seite drohen eine Rezession sowie strukturelle Umwälzungen in Schlüsselindustrien wie der Automobil- und Energiebranche, und zudem wird ein schärferer Wettbewerb und zunehmender Kostendruck erwartet. Trotz dieser Unsicherheiten ist die Stimmung der Vorstände deutscher börsennotierter Unternehmen überraschend positiv. Laut der internationalen Ratingagentur S&P erreicht das Stimmungsbarometer mit einem Net Positivity Score (Nettopositivitätswert) von 0,90 beinahe ein Rekordhoch innerhalb der vergangenen sechs Jahre – ein Zeichen dafür, dass deutsche Unternehmen trotz der wirtschaftlichen Hindernisse optimistisch in die Zukunft blicken.
Dies wird durch die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) untermauert, das in den vergangenen fünf Jahren um 18,4 Prozent gewachsen ist. Ein weiterer positiver Effekt für die hier betrachteten deutschen Unternehmen ist, dass ein Großteil der Firmen mehr als 70 Prozent des Umsatzes außerhalb Deutschlands generiert. Diese Auslandserträge bieten nicht nur eine Absicherung gegen lokale Marktschwankungen, sondern unterstreichen auch die globalisierte und diversifizierte Struktur vieler deutscher Firmen. Natürlich sollte man nicht vergessen, dass die Unsicherheit aufgrund aktueller politischer Entwicklungen, wie Neuwahlen in Deutschland oder der amerikanischen Präsidentschaftswahl mit angekündigten Zöllen, groß ist.
Branchen, Regionen und Seniorität im Fokus

Die jüngsten Vergütungsstudien von Aon zeigen, dass 2024 die Gehälter in Deutschland im Durchschnitt um 3,5 Prozent gestiegen sind. Doch hinter dieser Zahl verbergen sich erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Sektoren und Positionen. Der Bereich Life Sciences & Manufacturing verzeichnete mit 4,2 Prozent die höchsten Gehaltssteigerungen. Diese Entwicklung spiegelt die anhaltend hohe Nachfrage nach qualifiziertem Personal in forschungsintensiven Bereichen wie Biotechnologie und Pharmazie wider, die weiterhin stark in Digitalisierung und Technologiewandel investieren.
Der Finanzsektor lag hingegen mit einem Plus von 2,9 Prozent unter dem bundesweiten Durchschnitt, was auf eine Reihe von strukturellen Veränderungen und Konsolidierungen zurückzuführen ist. Ein neuer Tarifvertrag im öffentlichen Bankensektor könnte jedoch in naher Zukunft für weitere Anpassungen sorgen: Dieser Vertrag sieht in den kommenden Jahren eine Gehaltserhöhung von insgesamt 11,5 Prozent in drei Stufen vor. Interessanterweise dürfte dieser Tarifvertrag nicht für tarifgebundene Mitarbeitende, sondern auch für die außertarifliche Vergütung Auswirkungen haben, indem er neue Standards setzt.
Ein Blick auf die Gehaltsstruktur nach einer positionsspezifischen Differenzierung zeigt eine interessante Dynamik: Während Junior- und Intermediate-Positionen stärker von den Anpassungen profitierten, fiel die Gehaltsentwicklung bei Senior-Positionen etwas moderater aus. Dies ist nur ein Indiz dafür, dass Unternehmen zunehmend auf variable Vergütungsmodelle setzen, um erfahrene Mitarbeitende zu incentivieren und zugleich Gehaltsbudgets effizienter einzusetzen.
Der Einfluss von Standort und Funktion
Regional folgen die Gehaltsentwicklungen ebenfalls einem differenzierten Muster, wie die Aon-Gehaltsdatenbank zeigt. Schleswig-Holstein verzeichnete mit 4,5 Prozent den größten Anstieg, was vor allem auf die starke Präsenz von Unternehmen aus dem Life-Sciences-Sektor zurückzuführen ist. In Berlin, das zunehmend als Technologie- und Start-up-Hub gilt, betrug der Gehaltsanstieg durchschnittlich 3,8 Prozent. Hier profitieren Beschäftigte insbesondere in den Bereichen Technologie, Medien und Gaming von der positiven Marktentwicklung und den hohen Gehältern, die durch die Nachfrage nach digitalem Know-how getrieben werden. Hessen, das durch die Finanzindustrie dominiert wird, verzeichnete eine durchschnittliche Anpassung von 3,0 Prozent. Diese regionale Diversität zeigt, dass Gehaltsanpassungen in Deutschland nicht nur branchen-, sondern auch standortspezifisch differenziert zu betrachten sind.
Zusätzlich zu den regionalen Unterschieden gibt es auch innerhalb klassischer Backoffice-Rollen bemerkenswerte Entwicklungen: So verzeichnete das Marketing mit einer durchschnittlichen Steigerung von 4,0 Prozent den größten Zuwachs innerhalb der Infrastrukturfunktionen. Diese Gehaltsentwicklung steht im Kontrast zu dem zunehmenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) und digitalen Tools, die das Marketing transformieren. Im Bereich Finanzen und Human Resources lagen die Gehaltsanpassungen im Durchschnitt bei 3,5 Prozent, während die Bereiche Legal und Audit mit 3,3 Prozent leicht darunterblieben.

Ausblick auf 2025
Mit einer prognostizierten Inflationsrate von 2,2 Prozent für Deutschland und einem erwarteten Gehaltserhöhungsbudget von 4,2 Prozent stehen Unternehmen vor einer klaren Herausforderung: Wie können sie die Gehaltserwartungen der Mitarbeitenden erfüllen und gleichzeitig wettbewerbsfähig bleiben? Eine zentrale Aufgabe wird die gezielte Budgetplanung sein. Um das kommende Gehaltserhöhungsbudget optimal einzusetzen, müssen Arbeitgeber die Marktgegebenheiten sorgfältig abwägen und klare Prioritäten für die Zukunft setzen.
Die folgende Checkliste gibt HR- und Compensation-Verantwortlichen eine Orientierung, entlang der sie die kommende Gehaltsrunde strategisch vorbereiten können:
- Wo möchte ich meine Abteilungen gegenüber dem Markt positionieren? Sind die aktuellen Gehälter wettbewerbsfähig?
- Talentstrategien anpassen: Kritische Positionen und zentrale Mitarbeitende müssen identifiziert und langfristig gebunden werden, um Know-how und Erfahrung im Unternehmen zu sichern.
- Definition eines Erhöhungsbudgets: Basierend auf der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens und den antizipierten Marktbedingungen für das kommende Jahr sollte ein Budget festgelegt werden, das auch die eigene Marktposition berücksichtigt.
- Lässt sich das zur Verfügung stehende Gehaltsbudget effektiv und effizient allokieren? Ist der Einsatz einer Merit Matrix sinnvoll?
- Besteht ein Pay Gap, und wie können wir diesem entgegensteuern?
Diese strategische Herangehensweise erlaubt es, nicht nur Gehälter fair zu gestalten, sondern auch sicherzustellen, dass die Vergütungspolitik an den langfristigen Zielen des Unternehmens ausgerichtet ist.
Ein weiterer kritischer Faktor: Transparente Vergütungsstrukturen sind notwendig, die jedoch durch die Digitalisierung und den Einsatz neuer Technologien unterstützt werden. Moderne HR-Tools und KI-gestützte Plattformen bieten Arbeitgebern die Möglichkeit, Gehaltsentscheidungen effizienter zu gestalten sowie Daten zu Performance, Talentakquise und Fluktuation systematisch zu verwalten. Die Investitionen in technologische Lösungen sind nicht nur ein Schritt in Richtung Effizienz, sondern können indirekt auch die Bindung und Motivation der Mitarbeitenden fördern.
Anpassungsfähige Vergütungsstrategie als Schlüssel zum Erfolg
Die bevorstehenden Gehaltsverhandlungen stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen, doch mit einer klaren Strategie und datenbasierten Analysen können HR- und Compensation-Verantwortliche diese Hürden überwinden. Die Kombination aus marktorientierten Gehaltsanpassungen, einer strategischen Verteilung der Gehaltsbudgets und der gezielten Nutzung von Benchmarkdaten ermöglicht es Unternehmen, nicht nur als attraktiver Arbeitgeber zu bestehen, sondern auch die eigene Marktposition nachhaltig zu stärken.
Ein Blick auf die Rolle und Funktion von HR und Comp & Ben: In einem bereits volatilen Arbeitsmarktumfeld hat sich das Aufgabenspektrum der Personalabteilungen allein in den vergangenen zehn Jahren erheblich erweitert und umfasst nun eine Vielzahl neuer Tätigkeiten. Daher dürften Unternehmen, die ihre Gehaltsstrategien sowohl auf Transparenz als auch auf moderne Technologien stützen, künftig eine effizientere und erfolgreichere Personalpolitik betreiben. Die Gehaltsrunde 2025 bietet damit nicht nur eine Gelegenheit, Erwartungen zu erfüllen, sondern auch eine Chance, die Vergütungsstrategie nachhaltig zu transformieren und damit die Wettbewerbsfähigkeit im Markt zu sichern.
Autor
Marcus Dammann,
Director, DACH Data Leader, Aon Talent Solutions
marcus.dammann@aon.com
www.aon.com/germany/personalstrategie
