Studie: Warum Digitalisierung eine Motivationsbremse sein kann 

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Langeweile statt Leidenschaft: Eine aktuelle Linkedin-Studie zeigt, dass 60 Prozent der Angestellten hierzulande sich gelangweilt oder unterfordert fühlen, jeder Dritte macht nur das Nötigste. Mitschuld daran trägt ausgerechnet die Digitalisierung. 

Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind laut dem „Work Change Report“ jüngere Beschäftigte Arbeitnehmer aus der Generation Z (57 Prozent) und der Generation Y (63 Prozent). „Es kann langfristig problematisch sein, wenn Arbeitnehmerinnen und -nehmer in Jobs bleiben, in denen sie nicht motiviert sind und somit nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen“, warnt Barbara Wittmann, Country Managerin bei Linkedin DACH.  

Unterforderung mit gravierenden Folgen 

Die Ergebnisse der Studie werfen ein Schlaglicht auf ein tiefgreifendes Problem der modernen Arbeitswelt: Boreout. Dieser Zustand chronischer Unterforderung kann durch quantitative Unterforderung – zu wenig Arbeit – oder qualitative Unterforderung – ungenutzte Fähigkeiten – entstehen. Auch die Techniker Krankenkasse (TK) warnt vor den gesundheitlichen Folgen: „Betroffene fühlen sich wertlos; Loyalität und Leistung sinken, die gesundheitliche Belastung steigt an.“ Oft greifen Beschäftigte zu Vermeidungsstrategien, wie das Strecken von Aufgaben oder das Vortäuschen von Überstunden, um beschäftigt zu wirken. Doch diese Verhaltensweisen verstärken den Stress und belasten die Psyche zusätzlich, warnt die Krankenkasse. 

Ein Boreout kann den Angaben zufolge auch langfristige Konsequenzen für die Betroffenen haben. „Langeweile führt zu schlechter Leistung – und wieder zu Langeweile“, heißt es in einem TK-Bericht dazu. Im schlimmsten Fall komme es zur „inneren Kündigung“ oder sogar zu gesundheitlichen Beschwerden, die wiederum Fehltage und hohe Kosten für Unternehmen nach sich ziehen: Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) fielen im Jahr 2023 fast 900 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage an. Ausgehend davon schätzt die BAuA die volkswirtschaftlichen Produktionsausfälle auf insgesamt 128 Milliarden Euro. 

Digitalisierung verschärft das Problem 

Parallel dazu zeigt der „Work Change Report“, wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert. Bis 2030 werden nach dessen Einschätzung 70 Prozent der aktuell genutzten Fähigkeiten überholt sein. Während neue Berufe wie „Artificial Intelligence Engineer“ entstehen, verlieren repetitive Tätigkeiten durch Automatisierung an Bedeutung. Besonders anfällig sind Beschäftigte, deren Arbeit stark durch Routine geprägt ist. Sie laufen Gefahr, durch Automatisierung unterfordert zu werden. 

Dabei warnt auch der Psychologe Jens Nachtwei auf Linkedin vor den Risiken der KI-Nutzung für die Belegschaft: „Während KI die Produktivität steigert, führt sie auch zu sozialer Isolation und erschwert die Bewertung von Arbeitsqualität. Zudem hemmt die Automatisierung einfacher Aufgaben die Entwicklungsmöglichkeiten von Berufseinsteigern.“ Solche Herausforderungen würden verdeutlichen, wie wichtig eine durchdachte Integration von Technologien in den Arbeitsalltag sei, so Nachtwei. 

Hoffnung macht die Tatsache, dass laut Linkedin-Studie die Nachfrage nach „human skills“ wie Kommunikation, Kreativität und Empathie wächst. Diese Kompetenzen seien besonders wertvoll, da sie nicht von Maschinen ersetzt werden könnten. Dennoch fehlt es in vielen Unternehmen an gezielter Förderung dieser Fähigkeiten: Nur 48 Prozent der Befragten geben an, dass ihr Arbeitgeber sie ausreichend bei der Weiterentwicklung unterstützt.  

Wie Unternehmen gegensteuern können 

Unternehmen spielen eine Schlüsselrolle bei der Prävention von Boreout. Vor allem die HR-Funktion ist hier gefragt. Laut TK sollten Führungskräfte die Aufgabenverteilung in ihren Teams regelmäßig prüfen und an die Stärken ihrer Mitarbeitenden anpassen. Häufig sind Tätigkeiten ungleich verteilt: „Während einige Mitarbeitende überlastet sind, langweilen sich andere. Flexiblere Arbeitsstrukturen und die Abschaffung starrer Präsenzpflichten können hier helfen.“ 

Barbara Wittmann von Linkedin betont zudem die Bedeutung von Weiterbildung: „Neue Technologien und Aufgaben erhöhen das Arbeitstempo, während sich die benötigten Fähigkeiten verändern. Berufliche Weiterbildung und lebenslanges Lernen sind entscheidend, um motiviert zu bleiben.“ Besonders KI- und Soft-Skills wie Anpassungsfähigkeit oder Teamarbeit werden immer wichtiger, um den Herausforderungen der digitalen Arbeitswelt zu begegnen. 

Auch Beschäftigte können aktiv gegen Boreout vorgehen. Krankenkassen empfehlen etwa, frühzeitig das Gespräch mit Vorgesetzten zu suchen und konstruktive Vorschläge einzubringen. Denn oft helfen bereits kleine Veränderungen im Aufgabenbereich, um wieder mehr Sinn und Motivation im Job zu finden. Zudem kann die Teilnahme an Weiterbildungen helfen, das eigene Profil zu schärfen und neue Perspektiven zu entwickeln. 

Ein gemeinsamer Kraftakt 

Boreout ist zudem nicht nur ein individuelles Problem, sondern betrifft Organisationen und die gesamte Wirtschaft. Die Studien von LinkedIn und der Techniker Krankenkasse verdeutlichen, dass Unterforderung im Job erhebliche gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen hat. Arbeitgeber und Angestellte müssen gemeinsam daran arbeiten, Potenziale besser zu nutzen und die Arbeitswelt zukunftsfähig zu gestalten. Oder, wie die TK es auf den Punkt bringt: „Unternehmen sollten ihre Mitarbeitenden dabei unterstützen, das richtige Maß an interessanten Aufgaben zu finden. Denn Langeweile führt zu schlechter Leistung – und das schadet allen.“ 

Info

Sven Frost betreut das Thema HR-Tech, zu dem unter anderem die Bereiche Digitalisierung, HR-Software, Zeit und Zutritt, SAP und Outsourcing gehören. Zudem schreibt er über Recruiting und Employer Branding. Er verantwortet weiterhin die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.