„Früher konnten die das noch“ – dieser Satz fällt inzwischen in vielen Betrieben, wenn es um neue Auszubildende geht. Es geht um Rechtschreibung, um Dreisatz, um die Fähigkeit, längere Texte zu verstehen – und um die Erfahrung, dass man in der Ausbildung heute Dinge auffangen muss, die früher als selbstverständlich galten. Und ja: Bildungsstudien wie Pisa oder IQB zeigen seit Jahren, dass Basiskompetenzen im Durchschnitt eher schwächer werden, während die Leistungsunterschiede gleichzeitig größer werden. Es gibt nach wie vor sehr leistungsstarke Jugendliche – aber eben auch mehr, die mit wackeligen Grundlagen starten.
Aber jetzt kommt der entscheidende Punkt: Wir haben keine Ersatzjugend in der Schublade. Und Betriebe haben keine Zeitmaschine, um das Schulsystem nachträglich zu reparieren. Wer ausbildet, muss mit den jungen Menschen arbeiten, die da sind.
Kompetenzen oder Skills?
Wenn in Unternehmen über „Skills“ gesprochen wird, klingt das oft wie eine Einkaufsliste: Excel, Englisch, CNC, SAP, Programmieren, Kundenkommunikation. Das ist verständlich – und auch nicht falsch. Aber aus wissenschaftlicher Perspektive ist der Kompetenzbegriff breiter. Kompetenzen sind nicht nur einzelne Fähigkeiten, sondern die Fähigkeit, Wissen und Fertigkeiten in konkreten Situationen sinnvoll anzuwenden – inklusive Haltung, Motivation, Reflexion und Selbststeuerung.
Skills sind also ein Teil von Kompetenzen. Kompetenzen sind das „Gesamtpaket“, das Menschen handlungsfähig macht. Und genau diese Handlungsfähigkeit ist es, die in einer Arbeitswelt mit Transformation, Digitalisierung, Fachkräftemangel und KI zunehmend zählt. Denn wenn sich Aufgaben, Tools und Prozesse ständig verändern, dann reicht es nicht, ein bestimmtes Wissen zu besitzen. Man muss es übertragen, kombinieren, weiterentwickeln – und manchmal auch komplett neu lernen.
Was junge Menschen mitbringen
Es stimmt: Viele Jugendliche sind mit digitalen Medien aufgewachsen. Sie navigieren durch Apps, Plattformen und soziale Netzwerke, als wäre es eine zweite Muttersprache. Das wird in Betrieben gerne als „die sind doch digital“ interpretiert – aber hier lohnt ein genauer Blick.
Digitale Alltagskompetenz ist nicht gleich digitale Arbeitskompetenz. Wer Tiktok bedienen kann, kann nicht automatisch Tabellen strukturieren, Daten interpretieren oder digitale Tools im Team produktiv nutzen. Gleichzeitig bringen viele junge Menschen Fähigkeiten mit, die früher weniger sichtbar waren: eine hohe Sensibilität für Diversität, oft eine stärkere Erwartung an Feedback und Sinn, ein ausgeprägtes Bewusstsein für psychische Belastungen und Grenzen. Das kann nerven – oder man erkennt darin eine Ressource.
Das eigentliche Problem ist häufig nicht, dass junge Menschen „nichts können“. Sondern dass sie heterogen sind wie selten zuvor: Einige starten extrem fit, andere mit deutlichen Lücken. Und das führt in der Ausbildung zu einer paradoxen Situation: Betriebe sollen gleichzeitig schneller, digitaler und flexibler werden – und müssen parallel Grundlagen stabilisieren.
Weniger Perfektion, mehr Potenzial
Viele Unternehmen sagen heute: „Wir suchen nicht den perfekten Azubi – wir suchen jemanden mit Potenzial.“ Das klingt sympathisch. In der Praxis ist es aber anspruchsvoll, weil Potenzial schwerer zu erkennen ist als ein Zeugnis.
Was Betriebe tatsächlich brauchen, ist eine Kombination aus drei Dingen:
- Basiskompetenzen (Lesen, Schreiben, Rechnen – und zunehmend auch digitale Grundkompetenz)
- überfachliche Kompetenzen (Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit, Kommunikation, Problemlösen)
- Lern- und Veränderungsbereitschaft (also die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln)
Und genau hier wird es spannend: Denn wenn wir über „Kompetenzen der Zukunft“ sprechen, dann geht es nicht nur um die neuesten digitalen Tools. Es geht um eine Kernfähigkeit, die in Studien immer wieder auftaucht: Selbstorganisiertes Lernen. Wer das kann, kann sich in neue Technologien einarbeiten, mit neuen Prozessen umgehen und auch in Krisen handlungsfähig bleiben.
Kompetenzen werden dynamischer
In der Wissenschaft ist ziemlich klar: Kompetenzen sind keine statischen Eigenschaften. Sie entstehen im Zusammenspiel aus Person, Lernumfeld und Anforderungen. Und weil sich Anforderungen schnell verändern, werden Kompetenzen zunehmend als etwas verstanden, das lebenslang weiterentwickelt werden muss.
In vielen Zukunftsmodellen tauchen immer wieder ähnliche Cluster auf:
- analytisches Denken und Problemlösen
- digitale Kompetenzen (Datenverständnis, Tool-Kompetenz, IT-Grundverständnis)
- Kreativität und Innovationsfähigkeit
- soziale Kompetenzen (Kommunikation, Kooperation, Konfliktlösung)
- Selbststeuerung (Lernfähigkeit, Resilienz, Reflexion)
Das Entscheidende: Diese Kompetenzen sind nicht „nice to have“. Sie werden in immer mehr Berufen zu einem Teil des beruflichen Kerns.
Welche Berufe brauchen besondere Kompetenzprofile?
Natürlich gilt nicht für alle Berufe das gleiche Profil. Aber die Richtung ist klar: Kompetenzanforderungen werden hybrider. In technischen Berufen wachsen digitale Anforderungen, etwa durch vernetzte Systeme, Sensorik, Daten und KI-Unterstützung. In kaufmännischen Berufen wird Datenkompetenz wichtiger: Wer Prozesse steuert, muss Kennzahlen verstehen und digitale Systeme bedienen. Im Bereich Pflege, Gesundheit, Erziehung und Dienstleistungen bleiben soziale Kompetenzen zentral – aber ergänzt um Dokumentation, digitale Anwendungen und komplexe Abstimmungen. Neue Berufe und neue Berufsbilder entstehen vor allem an Schnittstellen: Das sind beispielsweise Nachhaltigkeit, Energie, digitale Geschäftsmodelle, IT-Security und KI-gestützte Prozesse.
Für die duale Ausbildung heißt das: Die klassische Trennung „Fachkompetenz im Betrieb, Allgemeinbildung in der Schule“ funktioniert immer weniger. Die Anforderungen greifen ineinander.
Was können Betriebe tun?
„Die jungen Leute können ja gar nichts mehr“ – ein solcher Satz ist zwar verständlich, aber er führt in die falsche Richtung. Denn wenn Basiskompetenzen fehlen, ist das kein Problem, das man durch Kopfschütteln löst. Es ist ein Problem, das man managen muss – wie jedes andere betriebliche Risiko auch.
Und hier liegt der entscheidende Perspektivwechsel: Ausbildung ist heute nicht mehr nur Fachkräfteproduktion. Sie ist zunehmend auch Kompetenzaufbau im Elementaren.
Das klingt nach Mehrarbeit. Ist es auch. Aber es ist gleichzeitig ein Wettbewerbsvorteil. Denn wer es schafft, junge Menschen zu stabilisieren und zu entwickeln, gewinnt oft Mitarbeitende, die eine starke Bindung an den Betrieb haben. „Die haben mich nicht aufgegeben“ ist eine Form von Loyalität, die man nicht kaufen kann.
Wie Betriebe Potenzial erkennen
Wenn Unternehmen wirklich Potenzial rekrutieren wollen, brauchen sie Auswahlverfahren, die mehr können als Noten lesen. Hilfreich sind zum Beispiel kurze Praxisaufgaben, die berufsnah und realistisch sind. Auch situative Fragen im Interview geben Auskunft, sie können etwa mit der Frage „was würdest du tun, wenn…?“ starten.
Teamaufgaben ermöglichen es, Kooperation und Kommunikation zu beobachten. Mini-Tests zu Basiskompetenzen sind ebenfalls eine Option – nicht als Ausschlusskriterium, sondern als Diagnosetool.
Der Sinn ist nicht, junge Menschen zu prüfen, sondern früh zu wissen: Wo brauchen wir Unterstützung? Denn das größte Problem ist nicht, dass etwas fehlt. Das größte Problem ist, dass es erst nach einem halben Jahr auffällt – wenn Frust auf beiden Seiten schon groß ist.
Lernkultur statt Durchschleusen
Wenn Kompetenzen dynamischer werden, muss Ausbildung es auch werden. Zukunftskompetenzen entstehen nicht durch einen Workshop am Freitagnachmittag, sondern durch Alltag.
Was wirkt, ist oft erstaunlich bodenständig:
- regelmäßige Feedbackgespräche
- klare Lernziele und Zwischenetappen
- echte Projektarbeit statt „Zuarbeiten“
- Reflexion („Was lief gut? Was war schwierig? Was würdest du anders machen?“)
- Raum für Fehler, ohne dass sofort die Ausbildung infrage gestellt wird
- Unterstützung bei Grundlagen, ohne Stigmatisierung
Gerade Basistrainings funktionieren am besten, wenn sie nicht als Nachhilfe für „die Schwachen“ laufen, sondern als Standard, nach dem Motto: „In den ersten drei Monaten machen wir alle gemeinsam ein Grundlagen-Programm.“ Das entlastet, normalisiert und verhindert, dass diejenigen abspringen, die sich ohnehin schämen.
Betriebe müssen ihre Ausbildungsfähigkeit mitentwickeln
In einer Welt, in der Lernstände heterogener werden, brauchen nicht nur Azubis Kompetenzen – sondern auch Ausbilderinnen und Ausbilder. Viele Ausbildende sind fachlich hervorragend. Aber sie sind nicht automatisch didaktisch geschult, wenn es darum geht, Lernlücken zu stabilisieren, Motivation zu fördern oder junge Menschen bei Selbstorganisation zu unterstützen. Zukunftskompetenzen betreffen also auch die Betriebe selbst: Lernbegleitung, Coaching, Kommunikation, Konfliktmanagement.
Man könnte zugespitzt sagen: Wir sprechen ständig über Ausbildungsreife. Vielleicht sollten wir auch häufiger über Betriebsreife sprechen.
Fazit: Ausbildung wird zum Zukunftslabor
Die duale Ausbildung bleibt ein international bewundertes Modell. Aber sie steht unter Druck: Fachkräftemangel, Digitalisierung, neue Berufe, Nachhaltigkeit, KI. Gleichzeitig kommen Jugendliche in die Betriebe, deren Voraussetzungen heterogener sind als früher. Das ist eine Herausforderung – aber auch eine Chance. Denn Kompetenzen der Zukunft entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie entstehen dort, wo gearbeitet, gelernt, ausprobiert und reflektiert wird. Und das ist genau der Ort, den die duale Ausbildung bietet.
Die Zukunft der Arbeit entscheidet sich nicht nur in Strategiepapieren, sondern in Ausbildungswerkstätten, Büros, Pflegeeinrichtungen und Lagerhallen – dort, wo junge Menschen lernen, handlungsfähig zu werden. Und wenn Betriebe das ernst nehmen, dann ist die Frage nicht mehr, ob „die Jugend“ genug kann. Sondern ob wir als Gesellschaft – und als Unternehmen – bereit sind, Kompetenzentwicklung wieder als das zu begreifen, was sie immer war: ein gemeinsames Projekt.
Info
Miriam Schöpp, die Autorin der Kolumne „Wie Ausbildung gelingt”, ist Senior Referentin für Berufliche Bildung am KOFA Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln e.V.
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