„Mehr gute Tage entstehen gemeinsam“ – das ist das Motto des diesjährigen Mental Health Awareness Month im Mai. Und es stimmt: Eine gute mentale Gesundheit braucht Gemeinschaft. Das gilt auch für Unternehmen: Mitarbeitende, die sich dem Team und dem Unternehmen zugehörig fühlen, sind resilienter, motivierter und bleiben länger in der Organisation. Die zentrale Frage für HR-Teams und Führungskräfte lautet deshalb: Wie kann ich zu einem echten Zugehörigkeitsgefühl – neudeutsch auch als Belonging bekannt – im Team beitragen?
Zugehörigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis
Schon 1995 haben die Psychologen Roy Baumeister und Mark Leary in ihrer einflussreichen Arbeit „The Need to Belong“ gezeigt, dass Zugehörigkeit ein fundamentales menschliches Bedürfnis ist – vergleichbar mit dem Bedürfnis nach Nahrung oder Sicherheit.
Im Umkehrschluss ist das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, für unser Hirn eine existenzielle Bedrohung: Die Psychologen Naomi Eisenberger, Matthew Lieberman und Kipling Williams zeigten in einer Studie aus dem Jahr 2003, dass die soziale Ausgrenzung dieselben Hirnareale wie körperlicher Schmerz anregt. Ausgrenzung tut also im wahrsten Sinne des Wortes weh.
Im Arbeitskontext bedeutet das, dass die meisten von uns als Teil eines Teams akzeptiert werden wollen. Wir möchten gesehen und wertgeschätzt werden – mit allen Facetten der eigenen Identität. Doch in der Realität ist das oftmals nicht der Fall. Die Einsamkeit in der Gesellschaft in Deutschland steigt tendenziell.
Gegen die Einsamkeit: Wie Zugehörigkeit die mentale Gesundheit schützt
Die Weltgesundheitsorganisation hat die fortschreitende Einsamkeit 2025 als globales Gesundheitsrisiko eingestuft – rund eine von sechs Personen weltweit ist betroffen, mit gesundheitlichen Folgen, die in ihrer Tragweite mit Rauchen oder chronischem Stress vergleichbar sind.
Was auf den ersten Blick wie ein privates Problem klingt, ist aber tatsächlich ein Thema, das auch den Arbeitsplatz betrifft:
- Der TK-Einsamkeitsreport 2024 zeigt, dass sich 15 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland häufig oder manchmal einsam fühlen.
- Eine Indeed-Umfrage kommt für Angestellte sogar auf 36 Prozent, die sich während der Arbeit einsam fühlen.
Zugehörigkeit ist der wirksamste Gegenpol zu dieser Entwicklung. Wenn dieses Gefühl fehlt, entstehen eine ganze Reihe weiterer Risiken für die mentale Gesundheit: chronischer Stress, Ängste, depressive Symptome und Burnout.
Das Zugehörigkeitsgefühl im Team wirkt sich direkt auf den Unternehmenserfolg aus
Zugehörigkeit im Unternehmenskontext meint dabei zwei Dinge: das Gefühl, im Team dazuzugehören, und eine emotionale Bindung an die Organisation. Beides stiftet Sinn und entscheidet darüber, ob Mitarbeitende sich morgens auf den Tag freuen oder sich unmotiviert zur Arbeit schleppen.
Zugehörigkeit klingt für viele nach einem weichen Thema. Dabei stehen konkrete Business-Kennzahlen dahinter:
- Mehr Innovation und Leistung: Mitarbeitende, die sich zugehörig fühlen, bringen sich ein, teilen ihre Ideen und übernehmen Verantwortung. Teams mit starkem Belonging arbeiten kreativer und produktiver.
- Höhere Mitarbeiterbindung: Je mehr sich die Mitarbeitenden dem Unternehmen und dem Team verbunden fühlen, desto eher bleiben sie auch im Unternehmen.
- Weniger Fehltage: Laut Gallup Engagement Index 2024 fehlten emotional stark gebundene Beschäftigte im Schnitt 5,7 Tage pro Jahr – ohne Bindung waren es 9,7.
- Resilientere Teams: Das Gefühl von Zugehörigkeit und Zusammenhalt hilft dabei, mit Druck umzugehen und Veränderung und Rückschläge besser zu verkraften.
So können HR-Verantwortliche Zugehörigkeit gezielt aufbauen
Wie kann ein Gefühl von Belonging nun aber gefördert werden? Ein Zugehörigkeitsgefühl entsteht nicht durch einmalige Kampagnen, sondern durch Strukturen und Rituale, die fest im Arbeitsalltag integriert sind. HR-Verantwortliche können dafür an den folgenden sieben Hebeln ansetzen:
- Zugehörigkeit messbar machen: Zufriedenheitsumfragen und Pulse-Surveys sollten differenzierte Fragen rund um Belonging beinhalten, wie zum Beispiel „Kann ich hier ich selbst sein?“ oder „Fühle ich mich im Team gesehen?“. Es kann auch helfen, in Austrittsgesprächen konkret danach zu fragen.
- Onboarding als ersten Moment der Zugehörigkeit gestalten: Die ersten Wochen entscheiden, ob sich neue Mitarbeitende zugehörig fühlen oder nicht. Mentoring- oder Buddy-Programme und die frühe Einbindung in teambezogene Projekte helfen dabei, schnell anzukommen, und reduzieren die Fluktuation.
- Rituale etablieren, die Verbindung schaffen: Regelmäßige Check-ins, bei denen es bewusst nicht um konkrete Aufgaben, sondern um das Befinden der einzelnen Mitarbeitenden geht, stärken das Gemeinschaftsgefühl und zeigen dem Team, dass es wertgeschätzt wird.
- Hybrid-Arbeit bewusst gestalten: Mitarbeitende, die vor allem remote arbeiten, fühlen sich eher einsam als Kolleginnen und Kollegen, die regelmäßig ins Büro kommen. Was dagegen helfen kann, sind klare Absprachen zu Präsenzzeiten im Team, gemeinsame Fixpunkte und digitale Räume für informellen Austausch.
- Mitarbeitergruppen und -netzwerke unterstützen: Mitarbeitergruppen, die sich zu gemeinsamen Themen zusammenschließen, stärken Zugehörigkeit spürbar. HR-Teams können diese Gruppen unterstützen, ihnen Ressourcen zur Verfügung stellen und sich zur übergeordneten Strategie abstimmen.
- Inklusive Strukturen und Prozesse sicherstellen: Inklusion ist die Grundlage dafür, dass sich auch tatsächlich alle Mitarbeitenden als Teil des Teams sehen können. HR-Verantwortliche sollten regelmäßig überprüfen, ob die Benefits, die Karrierepfade und Rahmenbedingungen für alle oder nur für bestimmte Gruppen funktionieren.
- Externe, vertrauliche Unterstützungsangebote bieten: Psychologische Beratung, Coaching und digitale Angebote zur mentalen Gesundheit schaffen einen geschützten Raum für Menschen, die sich eventuell ausgeschlossen fühlen und sich (noch) nicht trauen, interne Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner einzubinden.
Die besondere Rolle der direkten Führungskraft
Das Gefühl der Zugehörigkeit entsteht im Arbeitsalltag vor allem in der Beziehung zur direkten Führungskraft – vielleicht sogar noch mehr als durch Team-Events oder Unternehmenskampagnen. Führungskräfte haben damit einen doppelten Auftrag: Sie sind Vorbild und Gestalter zugleich.
Konkret heißt das für Führungskräfte:
- Aktiv sehen und ansprechen: Jedes Teammitglied regelmäßig einbeziehen – nicht nur die „Lautesten“. Dazu gehört auch, eigene blinde Flecken zu reflektieren: Wen frage ich zuerst? Wem traue ich welche Aufgaben zu?
- Redeanteile bewusst ausgleichen: In Meetings beobachten, wer spricht und wer nicht. In hybriden Settings remote Teilnehmende aktiv einbinden – nicht erst am Ende fragen „Noch was von online?“.
- Mikro-Ausgrenzungen sofort adressieren: Unterbrechungen, abwertende Witze oder Übergehen nicht stehen lassen, sondern direkt im Moment ansprechen und Spannungen nicht schwelen lassen.
- 1:1-Gespräche menschlich führen: Regelmäßige Gespräche nicht nur als Status-Update nutzen, sondern Raum für die Person lassen: „Wie geht es dir – menschlich, nicht nur fachlich?“
- Kleine Rituale etablieren: ein Check-in zum Wochenstart, gemeinsames Mittagessen, virtuelle Kaffeepausen, Retrospektiven mit menschlichem Anteil. Erfolge gemeinsam feiern – auch die kleinen. Für Remote-Mitarbeitende sind solche Rituale oft noch wichtiger, weil der informelle Austausch, der im Büro nebenbei entsteht, bewusst gestaltet werden muss.
- Vorbild für psychologische Sicherheit sein: eigene Unsicherheiten und Fehler zeigen und bewusst auch persönliche Beziehungen im Team aufbauen.
Fazit: Mehr gute Tage entstehen dort, wo Menschen dazugehören
Zugehörigkeit ist Grundvoraussetzung für mentale Gesundheit am Arbeitsplatz und Leistungsfähigkeit. Sie entsteht nicht durch Plakate oder Buzzwords, sondern durch gelebte Strukturen, Rituale und Beziehungen – jeden Tag. HR und Führungskräfte tragen diese Verantwortung gemeinsam.
Das Motto des Mental Health Awareness Month bringt es auf den Punkt: Mehr gute Tage entstehen gemeinsam. Am Arbeitsplatz heißt das: Wo Menschen sich wirklich zugehörig fühlen, wachsen nicht nur Wohlbefinden und Gesundheit, sondern auch das, was Unternehmen langfristig stark macht: Loyalität, eine gute Zusammenarbeit sowie die Motivation und Leistungsbereitschaft im Team.
