Finanzbildung für Azubis: Was Ausbildungsbetriebe leisten können

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Mit Vorfreude erwartet und nun ist sie da: die erste Gehaltsabrechnung für die neuen Azubis. Ganz oben auf dem Zettel sieht es noch gut aus, das Brutto-Gehalt wirkt vielversprechend. Das, was auf dem eigenen Konto landet, ist aber wesentlich weniger. Für erfahrene Mitarbeitende ist es selbstverständlich, für neue Azubis unter Umständen ein Zahlenrätsel. Was wird hier abgezogen und warum zahlt man Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung, Pflegeversicherung und Lohnsteuer?

Das erste Gehalt oder die Ausbildungsvergütung ist nicht nur ein Zahlungseingang, sondern für viele der erste Kontakt mit dem deutschen Sozial- und Finanzsystem.

Welche Finanzbildungslücken Azubis laut Bankenverband in die Ausbildung mitbringen

Bevor Fragen rund um Aktien, Altersvorsorge und Vermögensaufbau auf den Tisch kommen, müssen Auszubildende erst einmal verstehen, wie sich ihr Einkommen zusammensetzt und wie sie im Alltag damit auskommen. 80 Prozent der 14- bis 24-Jährigen geben laut einer Studie des Bankenverbands an, in der Schule nur „wenig“ bis „so gut wie gar nichts“ über Wirtschaft und Finanzen zu lernen bzw. gelernt zu haben. Vier von 10 Befragten (37 Prozent) wissen nicht, was der Begriff „betriebliche Altersvorsorge“ bedeutet, mehr als ein Viertel (27 Prozent) wissen nicht, was eine Aktie ist.

Das bedeutet nicht, dass junge Menschen grundsätzlich schlecht mit Geld umgehen können. Aber sie müssen auf einmal Entscheidungen treffen, für die ihnen oft ein alltagsnahes Grundverständnis fehlt. Genau hier können Ausbildungsbetriebe unterstützen.

Wie Ausbildungsbetriebe Finanzbildung ohne Anlageberatung ermöglichen

Unternehmen müssen weder individuelle Anlageempfehlungen geben noch die private Lebensführung ihrer Auszubildenden verfolgen oder kontrollieren. Aber sie können Orientierung geben, Begriffe erklären und den Raum für wichtige Finanzfragen geben. Ein Betrieb, der den ersten Gehaltszettel gemeinsam mit den Auszubildenden durchgeht, leistet bereits Finanzbildung. Wer erklärt, wie sich Brutto und Netto unterscheiden, warum Sozialversicherungsbeiträge anfallen und welche Leistungen damit verbunden sind, macht das eigene Einkommen verständlich.

Wichtig ist dabei eine klare Grenze: Der Arbeitgeber ist nicht die Bank, die Versicherung oder der Anlageberater. Finanzbildung sollte junge Menschen befähigen, Angebote zu prüfen, Kosten zu vergleichen und bei Bedarf unabhängige Beratung aufzusuchen.

Wie Finanzbildung praktisch in den Ausbildungsplan passt – drei Lerneinheiten

Es braucht nicht unbedingt Sondertermine für das Thema Finanzen – an den Übergängen kann man kurze Lerneinheiten integrieren. Hier ein paar Beispiele:

Ausbildungsstart: Machen Sie die erste Gehaltsabrechnung zum gemeinsamen Lernmoment: Geben Sie den Auszubildenden eine anonymisierte Musterabrechnung und lassen Sie sie selbst entdecken, was hinter den einzelnen Zahlen steckt. Wo steht das Brutto-, wo das Nettogehalt? Welche Beiträge fließen in die Sozialversicherung? Und welche Angaben sollten sie sorgfältig prüfen? So lernen die Auszubildenden von Anfang an, ihre Abrechnung zu verstehen und ihr Einkommen sicher einzuschätzen.

Monatliche Planung: Eine einfache Budgetplanung macht sichtbar, wie aus vielen kleinen Beträgen schnell eine feste monatliche Belastung entsteht: Mobilfunkvertrag, Streamingdienste, Fahrtkosten, Versicherungen oder Ratenzahlungen summieren sich. Dabei geht es nicht darum, den Auszubildenden vorzuschreiben, wofür sie ihr Geld ausgeben sollen. Das Budget soll ihnen vielmehr helfen, selbst zu entscheiden: Welche Ausgaben sind mir wichtig? Was kann ich mir dauerhaft leisten? Und wo brauche ich noch finanziellen Spielraum für Rücklagen oder unerwartete Kosten?

Übergänge: Vor dem Auszug, dem Ende der Ausbildung oder der Übernahme in ein Beschäftigungsverhältnis verändert sich meistens auch die finanzielle Situation. Dann geht es um die erste eigene Wohnung, Kaution, Nebenkosten, Versicherungen, Rücklagen und den Umgang mit einem höheren Einkommen. Gerade an diesen Punkten ist Finanzbildung besonders wirksam, weil sie an aktuelle Lebenssituationen anknüpft.

Dafür reichen jeweils 60 bis 90 Minuten. Vermitteln Sie die Inhalte anhand realistischer Fälle. Eine fiktive Auszubildende, die gleichzeitig ein neues Smartphone, ein Streamingpaket und die erste eigene Wohnung plant, ist anschaulicher als eine abstrakte Definition von Verschuldungsrisiken. Geben Sie den Azubis außerdem die Möglichkeit, Fragen anonym einzureichen. Gerade bei Geldthemen ist die Hemmschwelle hoch. Wer nicht weiß, was auf der eigenen Abrechnung steht, möchte das nicht unbedingt vor einer Gruppe offenlegen.

Welche Rolle eine lokale Bank als neutrale Bildungspartnerin spielen kann

Eine ortsansässige Bank kann Finanzfragen anhand konkreter Beispiele aus der Region erklären – etwa mit Blick auf Mietkosten, Fahrtwege oder die Finanzierung der ersten eigenen Wohnung: Was kostet ein überzogenes Girokonto? Wie funktioniert eine Lastschrift? Welche Rücklagen sind sinnvoll, wenn das Auto kaputtgeht oder die erste eigene Wohnung bezahlt werden muss? Was sind typische Schuldenfallen wie Dispokredite, Ratenkäufe und „Buy now, pay later“- Optionen?

Die Bank sollte im Ausbildungsbetrieb als Bildungspartnerin und nicht als Vertriebskanal auftreten. Produktneutralität und Datenschutz sollten deshalb vorab verbindlich vereinbart werden.

Wie Schuldenprävention schon in der Ausbildung wirkt

Ein zentraler Bestandteil der Finanzbildung ist der Umgang mit Schulden und deren Prävention. Nicht, weil Auszubildende grundsätzlich als besonders konsumorientiert gelten, sondern weil digitale Zahlungsangebote finanzielle Entscheidungen immer schneller ermöglichen und die Ausgaben undurchsichtiger machen.

Die Überschuldungsstatistik des Statistischen Bundesamts (zeigt für 2024: 40 Prozent der beratenen 20- bis 24-Jährigen hatten Schulden bei Online- und Versandhändlern. Diese Zahl beschreibt nicht alle jungen Erwachsenen, sondern Personen, die bereits eine Schuldnerberatung aufsuchten.

Deshalb ist es wichtig, schon in der Ausbildung zu sensibilisieren: Wann wird aus einer einzelnen Rate eine dauerhafte Belastung? Was passiert, wenn eine Rechnung nicht bezahlt wird? An wen wendet man sich, bevor ein Problem größer wird?

Und: Wer früh Hilfe sucht, kann eine weitere Zuspitzung der Verschuldung abwenden und übernimmt Verantwortung für das eigene Handeln. Unternehmen können deshalb vertrauliche Anlaufstellen nennen – etwa Verbraucherzentralen, Schuldnerberatungen oder soziale Beratungsangebote.

Warum Finanzbildung zur modernen Ausbildungskultur gehört

Unternehmen, die Finanzbildung anbieten, lösen damit nicht alle privaten Probleme ihrer Auszubildenden. Das müssen sie auch nicht. Aber sie schaffen einen Ort, an dem Fragen erlaubt sind und Entscheidungen vorbereitet werden können.

Das passt zum Bildungsauftrag beruflicher Ausbildung: Junge Menschen sollen nicht nur berufliche Fertigkeiten erwerben, sondern zunehmend selbstständig handeln können. Dazu gehört auch, das eigene Einkommen zu verstehen, Risiken einzuschätzen und langfristige Entscheidungen nicht unmittelbar nach dem ersten Kaufimpuls zu treffen. Und nebenbei stärkt die Unterstützung in Finanzfragen die Bindung und das Vertrauen der Azubis in den Arbeitgeber.

Finanzbildung beginnt nicht beim perfekten Sparplan, sondern mit der Frage: Was bedeuten die Zahlen auf der Gehaltsabrechnung und wie kommt man monatlich mit seinem Geld klar.

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