Junior, Trainee, Einsteiger: Wer als junger Bewerbender ins Berufsleben startet, hält oft nach diesen Schlagworten in Stellenanzeigen Ausschau. Doch während der Coronapandemie entsprechende Ausschreibungen kräftig zulegten und im Juli 2022 um bis zu 75 Prozent über dem Durchschnitt von 2019 lagen, ist ihre Zahl kräftig gefallen: Im Juli 2026 lag das Angebot 46 Prozent unter dem Niveau von 2019. Das hat die Jobbörse Indeed in einer aktuellen Analyse ihrer eigenen Stellenanzeigen ermittelt.
Wie stark ist das Angebot an Einstiegsjobs seit 2022 eingebrochen?
Auch wer über ein Praktikum oder einen Werkstudierendenjob in den Arbeitsmarkt gelangen möchte, hat es schwerer als früher. Entsprechende Ausschreibungen lagen zuletzt 24 Prozent unter dem Niveau von 2019. Weil ihr Höchststand im Jahr 2022 deutlich niedriger ausgefallen war als der von Ausschreibungen für Juniors, Trainees oder Einsteiger, verlief der Rückgang seither allerdings weniger steil.
Parallel dazu ist die Erwerbslosenquote der 15- bis 24-Jährigen gestiegen, laut dem statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) von 5,9 Prozent im Jahr 2023 auf 7,1 Prozent im Jahr 2025. Im europäischen Vergleich steht Deutschland damit allerdings noch gut da: Der EU-Durchschnitt lag 2025 bei 15,2 Prozent, in Frankreich waren es 19,8 und in Spanien 24,9 Prozent.
Welche Berufsgruppen verlieren am stärksten Einstiegsstellen?
Laut Indeed sank das Angebot an Einstiegsjobs in 26 von 28 Berufsgruppen. Wie stark Berufseinsteigerinnen und -einsteiger den Rückgang zu spüren bekommen, hängt allerdings erheblich vom Berufsfeld ab. Am härtesten trifft es die Wissensberufe: Im Marketing gingen die Einstiegsjobs um 75 Prozent zurück, bei IT-Anwendungen und -Lösungen um 77 Prozent und im Projektmanagement um 60 Prozent.
Zulegen konnten lediglich zwei Gruppen, nämlich Pflege, Medizin und Pharmazie mit einem Plus von 18 Prozent sowie Lebensmittel, Gastronomie und Hotellerie mit zehn Prozent. Gesucht wurden hier etwa Pflegefachkräfte, Physiotherapeutinnen und Köche, also Berufe, die oft eine abgeschlossene Berufsausbildung voraussetzen.
Hat KI den Rückgang bei Einstiegsjobs ausgelöst?
Dass ausgerechnet die Wissensberufe so deutlich an Einstiegsjobs verlieren, lenkt den Blick schnell auf künstliche Intelligenz. Schließlich übernimmt KI zunehmend Routinetätigkeiten wie strukturierte Analysen oder das Schreiben und Redigieren von Texten, die bislang oft Berufseinsteiger und -einsteigerinnen erledigt haben.
Auf den ersten Blick stützen die Indeed-Zahlen diese Vermutung. In Berufsgruppen, in denen KI mehr als 60 Prozent der Fähigkeiten und Aufgaben übernehmen oder unterstützen kann, waren im Juli 2026 nur noch rund halb so viele Einstiegsjobs sowie Praktika und Werkstudierendenjobs ausgeschrieben wie 2019. Gruppen mit einem KI-Transformationspotenzial unter 40 Prozent lagen dagegen auf oder über dem Niveau von 2019. Die Entwicklung lief jedoch bereits im Frühjahr 2022 auseinander, noch bevor ChatGPT im November 2022 überhaupt erschien.
Entsprechend uneinheitlich ist die Studienlage. Indeed verweist zwar auf US-Daten, nach denen die Beschäftigung junger Menschen in KI-exponierten Berufen zurückgegangen ist, die älterer Beschäftigter hingegen nicht. Für Deutschland sieht Virginia Sondergeld, Ökonomin und Arbeitsmarktexpertin bei Indeed, jedoch andere Ursachen im Vordergrund. „Anhand der aktuellen Datenlage lässt sich ein KI-Effekt bislang nicht belegen“, sagt sie. Sondergeld sieht einen anderen Grund für den Rückgang in Deutschland: „Berufseinsteiger sind vordergründig das erste Opfer der schwachen Konjunktur, weil Unternehmen in unsicheren Zeiten zuerst dort sparen, wo sie in Nachwuchs investieren müssten.“
Warum entwickelt sich die Ausbildung stabiler als Einstiegsjobs?
Während Einstiegsjobs Federn lassen mussten, entwickelte sich die duale Ausbildung im Vergleichszeitraum deutlich stabiler. Bei den Ausschreibungen von August 2025 bis Juli 2026 waren im Schnitt 50 Prozent mehr Ausbildungsplätze ausgeschrieben als 2019, das Duale Studium mitgerechnet. Seit der Saison 2023/24 ist das Angebot leicht gesunken, liegt aber weiterhin über dem Gesamtmarkt.
Ein Grund dafür dürfte laut Indeed in der Zusammensetzung liegen: Unter den Ausbildungsberufen finden sich weniger Wissensberufe. So haben nur 15 Prozent der Ausbildungsstellen ein hohes KI-Transformationspotenzial von über 60 Prozent, bei den Einstiegsstellen sind es 42 Prozent. Umgekehrt weisen 37 Prozent der Ausbildungsplätze ein geringes Potenzial unter 40 Prozent auf, aber nur neun Prozent der Einstiegsjobs. Handwerk, Gesundheit und andere manuelle Berufe, die auch am Gesamtmarkt relativ stabil nachgefragt werden, haben in der Ausbildung ein größeres Gewicht.
Die Zusammensetzung allein erklärt den Unterschied jedoch nicht. Auch innerhalb der meisten Berufsgruppen schnitt die Ausbildung besser ab: In 20 von 23 Gruppen entwickelte sich das Ausbildungsangebot zwischen 2019 und der Saison 2025/26 besser als das Angebot an Einstiegsjobs. Besonders deutlich zeigt sich das in der Softwareentwicklung. Auf zehn Einstiegsstellen, die dort 2019 ausgeschrieben waren, kommen heute noch drei, während Ausbildungsplätze, vorwiegend für Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung, 27 Prozent über dem damaligen Niveau liegen.
„Eine Ausbildung findet im Betrieb statt, der seinen Nachwuchs für den eigenen Bedarf qualifizieren kann und häufig übernimmt“, erklärt Virginia Sondergeld. Dass Unternehmen auch in schwachen Jahren an der Ausbildung festhielten, trage dazu bei, dass Deutschland eine der niedrigsten Jugendarbeitslosenquoten in Europa habe.
Was kosten fehlende Einstiegspositionen Unternehmen langfristig?
Laut Analyse sei es möglich, dass hinter der stabilen Ausbildung auch ein Kalkül der Arbeitgeber steckt. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten sei es für Betriebe risikoärmer, junges Personal zu niedrigen Löhnen selbst zu qualifizieren, als Hochschulabsolventinnen und -absolventen zu höheren Gehältern einzustellen.
Aus Sicht von Hans Rusinek, Forscher zu Arbeit und Organisation an der Universität St. Gallen, geht diese Rechnung nicht auf. „Wenn ich an Einstiegspositionen spare und niemanden oder nur noch wenige junge Menschen einstelle, tappe ich in eine Falle“, sagt er. Der Kostenvorteil durch Automatisierung halte nicht lange, weil alle Unternehmen automatisierten. „Geldautomaten haben auch Bankkosten gesenkt, aber keiner Bank dauerhaft Vorsprünge gebracht.“
Ähnlich argumentiert Erik Strauß, Professor für Management Control an der ESCP Business School in Berlin. „Wenn Unternehmen Einstiegspositionen rein aus Effizienzgründen abbauen, zerstören sie ihr eigenes Fundament für die Zukunft“, warnt er. Die heute eingesparten Kosten tauchten später vermutlich deutlich höher auf, wenn Unternehmen teure Fachleute von außen „zukaufen“ müssten.
Wie lässt sich die Lernleiter für Berufseinsteiger neu gestalten?
Rusinek empfiehlt Personalabteilungen, ihre Routinen genau zu sortieren. Manche Aufgaben ließen sich verlustfrei automatisieren, etwa eine Flugbuchung für die Führungskraft. Andere bezeichnet er als „gute Plackerei“, weil Einsteiger und Einsteigerinnen über sie Erfahrungswissen aufbauten. Solche Aufgaben seien zwar technisch automatisierbar, leisteten aber mehr als ihr bloßes Ergebnis.
Sven Frost betreut das Thema HR-Tech, zu dem unter anderem die Bereiche Digitalisierung, HR-Software, Zeit und Zutritt, SAP und Outsourcing gehören. Zudem schreibt er über Recruiting und Employer Branding. Er verantwortet weiterhin die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.

