1997: Willkommen im Internet

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

1997 ist für viele Menschen ein Krisenjahr: Jeder Zehnte, so schreibt es die Tagesschau,ist ohne Arbeit. Demgegenüber stehen stetig steigende Börsenkurse, und Deutschland erlebt einen konjunkturellen Aufschwung. Die Ära von Kanzler Helmut Kohl neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu – er entscheidet sich 1997 trotzdem noch einmal für eine Kandidatur bei den Bundestagswahlen 1998. Und nicht nur in der Politik kündigen sich gewaltige Umbrüche an: Auch das Internet wird endgültig zum Gamechanger in der Wirtschaft – und auch in den Personalabteilungen. 

„Für die Personalwirtschaft hat das Internet gegenwärtig zwar noch eine geringe Bedeutung, doch das wird sich rasch ändern.“ So startet im Sonderheft Personaldienstleister des Jahres 1997 ein Beitrag von Jochen Kienbaum, Geschäftsführer der gleichnamigen Unternehmensberatung. Er bemerkt: „Auffällig ist, daß die Unternehmen dem Internet reserviert gegenüberstehen.“ Ein Grund: Die in der damaligen Zeit hohen Anforderungen an die Speicherkapazitäten: „Lernprogramme mit umfangreichen Graphik- und Animationselementen benötigen eine Speicherkapazität von fünf oder mehr Megabyte.“ 

Das Thema Internet ist der Personalwirtschaftsredaktion 1997 auch eine groß angelegte Umfrage wert: Im März 1997 versendet das Team Fragebögen an die 200 größten Unternehmen zum Thema „Personalmarketing im Internet“. Dabei stoßen die Redakteurinnen und Redakteure schnell auf Stolpersteine, die nach heutigem Verständnis seltsam anmuten: „An wen wollen wir die Briefe adressieren?“, fragt der damalige Chefredakteur Reiner Straub im Editorial der Juni-Ausgabe. Berechtigte Frage, denn das Thema wird in den Unternehmen ganz unterschiedlich angegangen: „In dem einen Unternehmen beschäftigt sich die Personalabteilung mit dem Thema Internet selbst, im anderen eine Projektgruppe neue Medien, im dritten war kein Ansprechpartner zu finden“, resümiert Straub. Trotzdem ist die Umfrage ein Erfolg und lässt „erstmals repräsentative Aussagen zu den Internetaktivitäten der Personalabteilungen deutscher Großunternehmen“ zu, wie es im Magazin heißt.  

Knapp die Hälfte der Personalabteilungen ist demnach 1997 mit eigenem Angebot im Internet vertreten, knapp ein Drittel davon ist in den sechs Monaten vor der Umfrage entstanden. Laut der Umfrage wird das Internet insbesondere für Rekrutierung und Weiterbildung genutzt. Aber auch in der internen Kommunikation wird es immer wichtiger: In einer Case Study schildern Markus Lüdi vom Schweizerischen Bankverein und Felix Wenger von HW Information & Training Solutions, wie ein interner Stellenmarkt im Intranet die Auswirkungen eines Stellenabbaus von 1000 Mitarbeitenden abfedern half.  

Alles zum Thema

Wir feiern 50 Jahre Personalwirtschaft!

Die Personalwirtschaft steht für kluge HR-Entscheidungen. Sie ist seit 50 Jahren das Fachmagazin für strategisch handelnde, zukunftsorientierte Personalprofis. Wir laden Sie ein, das heutige Personalwirtschaft-Team kennenzulernen, hinter die Kulissen der Redaktion zu blicken und in der allerersten Magazin-Ausgabe von 1974 zu stöbern.

Cover des Jahres

Etwas Bedrohliches hat er auf den ersten Blick schon, der Riesencomputer, der auf der März-Ausgabe der Personalwirtschaft 1997 im Zentrum steht. Um ihn herum Menschen im Miniaturformat, die jedoch kaum Notiz von dem Koloss in ihrer Mitte nehmen. Computer, so könnte man meinen, sind schon längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und zum Alltag geworden. Andererseits sind da die neuen Möglichkeiten, die sich durch die zunehmende Nutzung des Internets im beruflichen und privaten Alltag ergeben: „In diesem Kasten steckt eine Menge“ könnte man als Deutung in die Grafiken auf dem Bildschirm hineininterpretieren. Selbstredend weist die Personalwirtschaft auf einen eigens für diese Ausgabe produzierten CeBIT-Messeführer für Personalmanager hin. Die zwischen 1986 und 2018 in Hannover stattfindende Messe war viele Jahre und insbesondere in den 1990er Jahren die weltweite Leitmesse für Informationstechnologie. So stellt seinerzeit beispielsweise Bill Gates persönlich sein Betriebssystem Windows95 in Hannover vor.  

Extra des Jahres

Im Sonderheft der Oktober-Ausgabe, das sich mit dem Thema „Flexible Arbeitszeit und Zeitwirtschaft“ beschäftigt, liegt eine CD-Rom bei, auf der die Personalwirtschaft die „bislang umfangreichste Marktübersicht“ über Zeitwirtschaftssysteme und Terminals veröffentlicht. Wie im Vorjahr hat die Personalwirtschaftsredaktion an 400 Adressen von Anbietern solcher Systeme einen Fragebogen geschickt. Das Ergebnis: Der Markt ist 1997 im Umbruch. Rund 20 Prozent der angeschriebenen Firmen, schlussfolgert das Redaktionsteam, vertreiben keine Zeitwirtschaftssysteme oder Terminals mehr. Und: Die PC-gestützte Zeiterfassung sei auf dem Vormarsch. Die Industrie arbeite daran, dass die Software auf unterschiedlichen Plattformen laufe, so das Personalwirtschaftsteam. Weitere Informationen für die Nutzenden der CD-Rom: Besetzungszeiten der Service-Hotline, Dauer von Reparaturen und die Möglichkeit zur Fernwartung. 

Interview des Jahres

Damals wie heute stehen die Personalabteilungen im Fokus der Zeitschrift Personalwirtschaft. Aber in der Novemberausgabe blickt das Redaktionsteam mal auf die andere Seite der Sozialpartnerschaft. Im Gespräch mit Chefredakteur Reiner Straub spricht der Betriebsrat Karl Feuerstein über die Konkurrenz aus Japan, wie sich die Schwerpunkte der Betriebsratsarbeit von der Verbesserung der Sozialleistungen und Löhne zu Beschäftigungs- und Standortsicherung verlagern und den schwierigen Spagat zwischen Arbeitnehmervertretung und Co-Management. Darunter versteht Straub die Mitgestaltung der Unternehmensstrategie durch die Arbeitnehmervertreter, beispielsweise im Aufsichtsrat. Außerdem stellt er seine Lösungsvorschläge für einen Abbau der hohen Arbeitslosigkeit vor: Die Kosten der deutschen Einheit dürfen nicht mehr nur über die Lohnnebenkosten finanziert werden, der Euro muss eingeführt werden, um Währungsvorteile ausländischer Konkurrenten auszugleichen und die Mitarbeitenden müssen durch eine neue Arbeitsorganisation stärker eingebunden werden. Damals wie heute lesenswert! 

Catrin Behlau koordiniert die Magazinproduktion der Personalwirtschaft organisatorisch und thematisch. Sie leitet gemeinsam mit Rebecca Scheibel die Redaktionen der HR-Medien von F.A.Z. Business Media. Ihre thematischen Schwerpunkte liegen im Berufsbild HR.