Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt hat in der HR-Szene, bei Arbeitgebern und Wirtschaftsexpertinnen sowie -experten Sorge hervorgerufen. Die politischen Ziele der Partei würden nach Meinung vieler den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährden und den Fachkräftemangel weiter in die Höhe treiben. Vorhaben der AfD könnten auch die HR-Arbeit beeinflussen.
Bei der Landtagswahl am Sonntag hat die AfD, die vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft wird, nach aktueller Auszählung 43,8 Prozent der Stimmen erhalten. Damit liegt sie weit vor den anderen Parteien, von denen die CDU ihr mit 17,2 Prozent der Stimmen am nächsten kommt. Eine absolute Mehrheit hat die AfD damit zwar nicht erzielt, doch mit einer Koalition mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) könnte der Einzug in die Landesregierung klappen. Ob beide Parteien diese Koalition eingehen möchten, ist aktuell noch unklar.
Viele Arbeitgeber scheinen sich von der AfD nicht gut repräsentiert zu sehen. Das zumindest geht aus der Aussage von Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), hervor. „Wer den Euro und die Europäische Union infrage stellt und die Nähe zu Russland sucht, handelt gegen die Interessen von Unternehmen und Beschäftigten“, kommentiert Kampeter den Wahlsieg der AfD gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Ein Klima der Abschottung sei ihm zufolge Gift für einen Wirtschaftsstandort.
Einige Personalerinnen und Personaler sehen das ähnlich – wie sich an Meinungsäußerungen in den sozialen Medien zeigt. Sie bereiten sich auch auf kritischere Diskussionen innerhalb der Belegschaft vor – zum Wahlausgang aber ebenso zur politischen Situation in Deutschland generell.
AfD will „Zuwanderung kulturfremder Fachkräfte“ verhindern
Im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt wird der Fachkräftemangel zwar als Herausforderung thematisiert, doch auf eine Art begründet, die in der diesbezüglichen Debatte eher wenig verbreitet ist. Die Partei bezeichnet die „Anwerbung kulturfremder Fachkräfte“ als zentrale Ursache des Fachkräftemangels, die zu „unerwünschten Folgeproblemen“ führen würde. So formuliert es die Partei in Punkt 27 unter „Einwanderung und Remigration“.
Als Begründung werden fehlende Sprachkenntnisse sowie Ausbildungen angeführt, die „nicht den deutschen Standards“ entsprächen. Das wiederum sorge dafür, dass „deutsche Fachkräfte“ nicht als Arbeitskräfte eingesetzt werden könnten, sondern den Menschen aus dem Ausland dabei helfen müssten, sich in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren.
Gina Rolle, HR-Managerin beim Logistikdienstleister Dachser, sieht in der Haltung, dass Migrantinnen und Migranten ein Problem seien, nur eins: einen Verlust. „Fachkräftemangel und Integration sind keine Gegensätze. Sie gehören zusammen gedacht und sollten gefördert werden“, schreibt sie auf Linkedin.
Noch vor der Wahl schilderte sie dort den Fall eines Auszubildenden aus Algerien, der in der Ukraine studierte und aufgrund des Krieges nach Deutschland geflohen war: Er erhielt einen Ausbildungsvertrag bei Dachser, erzielte gute Noten und machte sichtbare Sprachfortschritte – bis ein Abschiebungsverfahren aufgrund eines formalen Problems eingeleitet wurde. Laut der Ausländerbehörde hätte er zurück nach Algerien reisen sollen, um dort ein neues Visum zu beantragen. Letztlich konnte sein Aufenthalt in Deutschland gesichert werden und er blieb dem Unternehmen erhalten.
IW prognostiziert erhöhten Fachkräftemangel
Menschen, wie der besagte Auszubildende, werden in Deutschland dringend gebraucht, um den demografischen Wandel auszugleichen. Hinzu kommt: Eine aktuelle Studie Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) prognostiziert sinkende Beschäftigungspotenziale: Bis 2029 könnte die Fachkräftelücke um 47 Prozent auf 723.000 fehlende Beschäftigte anwachsen, während der Beschäftigtenzuwachs im Vergleich zu 2024 mit 35 Millionen Personen bei lediglich fünf Prozent liegen wird.
„Je weniger Arbeitskräfte aus dem Ausland gewonnen werden können, desto schneller führt der Renteneintritt der Babyboomer zu einem Beschäftigungsrückgang“, heißt es im IW-Kurzbericht. Deutschland sei in vielen Bereichen strukturell auf Zuwanderung angewiesen.
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin, bringt es auf den Punkt: „Die wirtschaftliche und soziale Lage in Sachsen-Anhalt dürfte nicht besser, sondern schlechter werden.“ Eine schwache oder polarisierte Landesregierung könne die Abwanderung von Menschen und Unternehmen aus dem Bundesland weiter beschleunigen.
Statt auf die Gewinnung ausländischer Fachkräfte setzt die AfD im Wahlprogramm laut Punkt 28 auf eine „Technisierungs-, Digitalisierungs- und KI-Strategie für Sachsen-Anhalt“. Diese soll „zur Auflösung von Engpässen auf dem hiesigen Arbeitsmarkt beitragen“ und „die Zuwanderung kulturfremder Fachkräfte“ vermeiden.
Welche Risiken entstehen durch politische Debatten am Arbeitsplatz?
Der Wahlerfolg der AfD könnte sich jedoch nicht nur negativ auf den Fachkräftemangel auswirken, sondern auch auf die Stimmung innerhalb der Belegschaft. Till Heimann, Rechtsanwalt bei der auf Arbeitsrecht spezialisierten Kanzlei Kliemt, warnt auf Linkedin: Die gesellschaftliche Spaltung werde auch in Unternehmen zum Ausdruck kommen.
Dass politische Debatten am Arbeitsplatz längst präsent sind, belegt eine IW-Studie aus März dieses Jahres: In ostdeutschen Unternehmen wird das Thema Migrationspolitik mit 61,9 Prozent der Nennungen deutlich häufiger diskutiert als in westdeutschen Betrieben (40,7 Prozent) – und ist damit das meistdiskutierte gesellschaftspolitische Thema in der Belegschaft.
Diese Diskussionen verlaufen laut Heimann „nicht immer leise und nicht immer sachlich“. Er weist darauf hin, dass wiederholte, gezielte Einflussnahme auf Kolleginnen und Kollegen während der Arbeitszeit, die den Betriebsfrieden stört, rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen kann – von der Ermahnung über die Abmahnung bis hin zur Kündigung im Wiederholungsfall.
Die „Entfernung betriebsstörender Arbeitnehmer“ könne nach § 104 BetrVG zudem durch den Betriebsrat verlangt werden. „Die Grenze ist schließlich überschritten bei rassistischen oder volksverhetzenden Äußerungen“, schreibt Heimann mit Verweis auf § 130 StGB.
Was sollten Arbeitgeber jetzt tun?
Doch bevor es so weit kommt, sind Unternehmen gefordert, proaktiv zu handeln. Cawa Younosi, Geschäftsführer der Charta Vielfalt, appelliert auf Linkedin, was er Mitarbeitenden, die durch die politischen Ziele der AfD diskriminiert werden – etwa Menschen mit Migrationshintergrund und Behinderung – als Unternehmer in Sachsen-Anhalt sagen würde: „Ihr seid hier richtig. Ihr gehört hierher.“ Schmerz, Wut und Sorgen der Mitarbeitenden seien berechtigt. „Wir sehen euch, wir stehen an eurer Seite, und wir lassen nicht zu, dass Angst die Oberhand gewinnt.“
Auch Susann Klebig-Noesch, Strategy Lead Recruiting bei der Krankenkasse Die Techniker, sieht Unternehmen und die Gesellschaft in der Verantwortung, sich für alle Menschen einzusetzen. Auf Linkedin fordert sie couragiertes Verhalten im Alltag – auch im Betrieb: „Widersprechen, wenn Menschen abgewertet werden, Betroffene schützen, demokratisches Engagement unterstützen und Vielfalt in allen Dimensionen auch dann verteidigen, wenn es unbequem wird.“
„Arbeit ist einer der wenigen Orte, an denen Gesellschaft jeden Tag wirklich zusammenkommt“, schreibt Ute Neher auf Linkedin. Sie ist Talent Strategy Director bei Indeed. Gerade jetzt müssten Arbeitgeber zeigen, dass sie ihre Werte ernst meinen – in der Unternehmenskultur, in der Führung und im Miteinander. Ihr Fazit: „Die Stimmen sind gezählt, unsere Verantwortung füreinander nicht.“
Paula Heidemann ist Volontärin bei der Personalwirtschaft.

