„Wir sehen keine Farben“. Oder: „Kein Platz für Rassismus.“ Mit diesen und anderen wohlklingenden Sätzen positionieren sich Unternehmen gern, wenn die Debatte um Integration aufflammt. Sie sollen Menschen mit Migrationshintergrund Sicherheit vermitteln und ein diverses Arbeitsumfeld signalisieren, in dem alle Menschen gleichbehandelt werden. Erst kürzlich änderte die Deutsche Industrie und Handelskammer als Zeichen gegen Diskriminierung ihr Logo, und wies darauf hin, dass 27 Prozent aller Erwerbstätigen einen Migrationshintergrund haben.
Zu dieser Gruppe von Menschen zählen im engeren Sinne alle Personen, welche die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzen, was auch auf die Autorin dieses Textes zutrifft. Und sicher, all das ist gut gemeint – Flagge zeigen, sich gegen Ausgrenzung positionieren. Doch gleichzeitig weisen solche und ähnliche Kampagnen auf eine Kluft hin, die sie eigentlich schließen wollen: Hier die einen, dort die anderen. „Othering“ nennt sich das. Der Begriff wird verwendet, wenn eine Gruppe oder Person sich von einer anderen abgrenzt.
Ein alltägliches Beispiel für „Othering“ ist die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ an Menschen mit Migrationshintergrund, ein vermeintlich harmloser Smalltalkeinstieg. Manchmal ist damit nur der Heimatort gemeint. Doch häufiger folgen Fragen wie „Und woher kommen deine Eltern?“ oder „Und woher kommst du wirklich?“ Das ist in den meisten Fällen nicht böse gemeint, erinnert aber Menschen mit Migrationshintergrund immer wieder daran, dass sie eben nicht so sind, wie alle anderen. Zudem ist die eigene Biografie nicht für jede oder jeden ein geeignetes Smalltalkthema.
Mir selbst ist diese Frage bereits so oft gestellt worden, dass es mir manchmal schwerfällt, sie als harmlose Neugier abzutun. Das liegt eher weniger am Gegenüber als an der Häufung dieser sogenannten „Mikroaggressionen“. Diese unbedachten Äußerungen sind einzeln genommen so harmlos wie ein einzelner Mückenstich – und dementsprechend schmerzhaft, wenn sie sich summieren. Was mir dabei hilft, ist das Wissen: In jedem Menschen stecken Vorurteile und verzerrte Wahrnehmungen, die zu eben solchen Fragen führen. Ich selbst habe diese und ähnliche Fragen auch schon gestellt, obwohl ich es doch eigentlich besser wissen müsste.
Vorurteile betreffen uns alle
Die oft schwer zu ertragende Wahrheit ist, dass niemand von uns „keine Farbe“ sieht und von Vorurteilen frei ist. Und dass auch guter Wille sie nicht einfach nach Belieben ausschalten kann – selbst KI nicht. Das Heilsversprechen, dass der unparteiische Algorithmus keine Vorurteile kennt, wurde sehr schnell von der Realität eingeholt. Denn auch der emotionsloseste Computer entscheidet vorurteilsbeladen, wenn die Datenbasis verzerrt ist, mit der er gefüttert wird. So kann es passieren, dass denjenigen eine höhere Chance vorausberechnet wird, die der bestehenden Belegschaft bereits ähneln. Die Metapher „Pinguine rekrutieren Pinguine“ gilt leider auch für die KI.
Der unschlagbare Vorteil ist hier allerdings: Einmal identifiziert, können Verzerrungen aus einem Algorithmus herausprogrammiert werden. Das ist beim menschlichen Gehirn nicht ganz so einfach. Doch schon das Bewusstsein für die eigene, höchst menschliche, Neigung zu Vorverurteilung hilft bereits, etwas zu ändern. Statt sich also ein buntes Banner vor die Firmentür zu hängen und einen Haken an das Thema zu machen, lohnt es sich einmal genau hinzuschauen und die eigenen Vorurteile und Motivationen zu erkennen und dagegen anzugehen. Das ist wesentlich schwieriger, als sich einfach davon freizusprechen. Doch nur so können wir unser Verhalten und unsere Denkweise langfristig ändern.
Angela Heider-Willms verantwortet die Berichterstattung zu den Themen Transformation, Change Management und Leadership. Zudem beschäftigt sie sich mit dem Thema Diversity.

