Nora Dietrich ist Psychotherapeutin, Expertin für mentale Gesundheit sowie Gründerin und Co-CEO von Between People. Bei Linkedin hat sie mehr als 55.000 Followerinnen und Follower – und darf sich nun „HR Top Voice 2024“ nennen.
Im Interview erzählt sie, wie sie zu einer der wichtigsten Stimmen für mentale Gesundheit in der Arbeitswelt wurde und wie sie damit umgeht, wenn ihre Posts einmal nicht zünden.
Personalwirtschaft: Frau Dietrich, wann und wieso haben Sie angefangen, aktiv auf Linkedin zu posten?
Nora Dietrich: So richtig bewusst als Kanal genutzt habe ich Linkedin erstmals vor ungefähr drei Jahren. Ganz genau kann ich das gar nicht sagen, weil das intuitiv entstanden ist. Ich bin jemand, die sich als pathologisch neugierig bezeichnen würde. Das heißt, ich lese und lerne jeden Tag. Und für mich war Linkedin eine Art inneres Lerncommitment.
Wie meinen Sie das?
Ich dachte: Wenn ich etwas lese und lerne, dann kann ich das doch für andere zusammenfassen und teilen. Und vielleicht interessiert es noch irgendjemanden da draußen.
Offensichtlich ja.
Genau. Am Anfang war es ein sehr langsames Wachstum, und völlig ohne Strategie. Ich wollte über mentale Gesundheit aufklären, weil ich das Gefühl hatte, dass es tabuisiert wird. Ich wollte eine der Stimmen für das Thema werden, weil ich glaube, dass es solche Stimmen braucht. Und ich glaube, dass es nahbare, verletzliche, aber auch wissenschaftlich fundierte Geschichten braucht, damit mentale Gesundheit auf jede Organisationsagenda kommt. Nach und nach habe ich mir so eine Community aufgebaut.
Gab es einen Punkt, an dem es so richtig losging?
Einen Peak gab es in der Zeit, in der ich schwanger war und Mutter geworden bin. Da habe ich noch einmal eine ganz andere Perspektive von mir und auf mich reingebacht und damit konnten sich viele identifizieren.
Eine sehr persönliche, authentische Perspektive.
Genau. Das ist einfach meine Art. So bin ich auch in der Therapie und auf der Bühne. Ich erzähle gerne Geschichten von mir. Auch weil ich glaube, dass Verletzlichkeit die Tür für mehr Verletzlichkeit ist.
Sie haben gerade gesagt, dass Sie am Anfang ohne Strategie angefangen haben. Ist das heute anders? Gibt es zum Beispiel einen Redaktionsplan?
Schön wär’s. Klar: Bei Kollaborationen gibt es einen solchen Plan. Aber der Rest läuft komplett intuitiv. Wobei ich mir viel Arbeit mache, auch, weil ich zum Beispiel keinen Content wiederbenutze. Ich habe meistens so drei bis vier Posts gleichzeitig in Arbeit, die ich dann nach und nach poste – je nachdem, was sich gut anfühlt. Und natürlich gibt es auch eine Menge Posts, die es nie ans Tageslicht geschafft haben. Grundsätzlich habe ich aber gemerkt, dass Kontinuität total wichtig ist – weshalb ich mittlerweile auch wirklich zweimal die Woche poste.
Wie viel Zeit wenden Sie für Linkedin auf?
Bestimmt sechs Stunden in der Woche. Also nicht am Stück, sondern immer mal zwischendurch. Zeit, in der ich Gedanken aufschreibe, recherchiere und vor allem Community Management betreibe. Also auf Kommentare und Nachrichten reagiere.
Wie nehmen Sie die Kommentare und die Diskussion wahr?
Ich glaube, dass ich sehr viel Glück habe. Meine Themen polarisieren nicht so, dass ich Angst vor Shitstorms haben muss. Klar: Es gibt Themen, wo die Gesellschaft unterschiedliche Standpunkte hat, und da kommt dann auch Gegenwind.
Welche Themen sind das?
Zum Beispiel, wenn ich über Elternschaft schreibe, über Gleichberechtigung und Vereinbarkeit. Dann gibt es immer wieder eher konservativ eingestellte Menschen, die sagen, ich hätte ja auch heiraten und mir eine Festanstellung suchen können. Aber ich finde es wichtig, dass auch die sich äußern – denn nur so entsteht die Diskussionsfläche, die wir brauchen, um als Gesellschaft wirklich besser zu werden.. Das gelingt uns nicht durch Kommentare wie „Toller Post, spannender Beitrag“.
Ist Linkedin für Sie denn auch ein geschäftliches Tool?
Ja. Ich verkaufe zwar nicht aktiv auf Linkedin, aber durch die Präsenz entsteht natürlich eine Bekanntheit. Es ist also schon indirektes Marketing. Das war zwar ursprünglich keine Strategie, aber mittlerweile ist das die Hauptquelle, woher mich Leute kennen.
Was würden Sie Linkedin-Neulingen raten, die noch ganz am Anfang stehen und sich als Experte oder Expertin positionieren wollen?
Das Wichtigste ist, das richtige Thema zu finden. Es muss etwas sein, über das man wirklich stundenlang reden könnte. Man sollte sich fragen: Was ist das, worüber ich aus dem Stegreif eine einstündige Präsentation halten könnte? Denn ein paar Posts zu schreiben, ist nicht das Problem. Aber um Themen langfristig zu besetzen, muss man eben auch selbst auf diesen Themen sitzen wollen. Und: Geduld ist wichtig. Die Follower kommen nicht von heute auf morgen. Und selbst bei vielen Followern gibt es Posts, die nicht performen. Das kratzt am Selbstwertgefühl.
Wie gehen Sie damit um?
Wenn ich zum Beispiel bei einem Post „nur“ eine zweistellige Anzahl an Reaktionen bekomme, denke ich mir, wie schön es ist, dass sich 30, 40, 50 Menschen mit meinen Gedanken auseinandergesetzt haben. Und dass die Zahl der Likes nicht gleichzusetzen ist mit der Qualität der Gedanken. Aber sich das klarzumachen, ist nicht leicht.
Wem – außer Ihnen – sollte man auf Linkedin noch folgen? Haben Sie Geheimtipps?
Außerhalb von Deutschland finde ich Chance Marshall toll. Das ist der Gründer von Selfspace, die machen sozusagen Therapie auf der Straße. Und in Deutschland würde ich Dr. Neşe Oktay-Gür empfehlen. Die hat mittlerweile zurecht eine größere Followerschaft und schreibt wie ich über mentale Gesundheit – aber aus Sicht einer Frau mit Migrationshintergrund und Hijab, was ich total wichtig finde. Weil das die Repräsentation erweitert und zeigt, dass Psychologie nicht immer blond und weiß ist. Sondern es auch andere Gesichter gibt, die für diese Themen einstehen.
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Info
Der HR-Softwareanbieter Personio hat auch in diesem Jahr unter den thematisch passenden Blogs, Podcasts und Linkedin-Accounts einige als „besonders inspirierende HR-Persönlichkeiten“ ausgezeichnet – die sogenannten „HR Top Voices“. Die Personalwirtschaft ist Medienpartner der Auszeichnung.
Ein wenig überschattet wurde die Auszeichnung durch die Ankündigung Personios, 115 Stellen abzubauen. (Wir berichten weiter.)
Matthias Schmidt-Stein koordiniert die Onlineaktivitäten der Personalwirtschaft und leitet gemeinsam mit Catrin Behlau die HR-Redaktionen bei F.A.Z. Business Media. Thematisch beschäftigt er sich insbesondere mit den Themen Recruiting und Employer Branding.

