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Bayer-Personalchefin Sarena Lin: Die Veränderungschefin

Sarena Lin, Bayer
Sarena Lin, Chief Talent and Transformation Officer bei Bayer, und unsere Personalie des Jahres. (Foto: Bayer AG)

Es gibt wohl momentan dankbarere Arbeitsplätze als im Vorstand von Bayer. Der Chemiekonzern hat durch die Klagen gegen die Tochter Monsanto nicht nur einen angeschlagenen Ruf. Die nötigen Rückstellungen belasten das Konzernergebnis, und auch die Pandemie dämpft das Geschäft. Mehrere Tausend Mitarbeitende sollen den Konzern verlassen.

Es ist, sagt Sarena Lin, die im Februar 2021 die Personalabteilung in Leverkusen übernahm, eine interessante Zeit. “Ich bin hergekommen mit der Erwartung, dem Unternehmen schnell helfen zu können”, sagt Lin. Es sei zwar noch zu früh, schon Bilanz zu ziehen. “Aber ich habe auf jeden Fall festgestellt, dass die Mitarbeitenden mitziehen wollen und bereit für Veränderungen sind.” Im auf Englisch geführten Interview nutzt Lin an dieser Stelle – und auch sonst häufig – das Wort “Transformation”. Ein Wort, das in ihrem offiziellen Jobtitel steht. Denn die 50-Jährige verantwortet als Chief Talent and Transformation Officer neben Personal- auch Transformations- und damit Strategiethemen.

Diese Kombination “der herausfordernden Bereiche HR und Transformation in einer Position”, wie es Lucas Bechtle, CEO von Digital Future, in seiner Begründung ausdrückt, wurde mehrfach genannt und dürfte einer der Hauptgründe dafür sein, dass Lins Wechsel nach Leverkusen in unserer Wahl der wichtigsten und interessantesten Personalien des Jahres deutlich auf Platz eins landete. Ein anderer häufig genannter Aspekt, der die Berufung so interessant macht: Diversity. “Ein Zeichen für Diversität in den deutschen Vorstandsetagen”, schreibt Silvia Eggenweiler, Partnerin bei Odgers Berndtson, in ihrer Begründung. Nicolas von Rosty, Deutschlandchef von Heidrick & Struggles, geht sogar noch weiter: “Mehr Diversität für den Vorstand geht nicht”, findet er. Immerhin ist Lin erst die zweite Frau in der mehr als 150-jährigen Unternehmensgeschichte, die einen Vorstandsposten besetzt, und zusätzlich die derzeit einzige Person of Color in der Unternehmensleitung.

Gegen den Bias

Kein Wunder, dass das Thema Diversity zu den Schwerpunkten ihrer Arbeit gehört. Schon kurz nach Lins Ankunft, Ende Februar dieses Jahres, verkündete Bayer etwa das Ziel, bis 2030 die Hälfte aller Führungspositionen mit Frauen zu besetzen. Die Pläne mögen zwar schon vor ihrer Zeit gemacht worden sein, doch nun liegt es auch an der neuen Personalchefin, sie umzusetzen. “Als Unternehmen sehe ich uns hier auf einem guten Weg”, sagt Lin. “Vor allem merkt man, dass die Unternehmensführung die Ziele ernst meint.”

Wobei sich das Thema Diversity für Lin nicht auf die Frauen(be)förderung beschränkt. “Letztlich geht es darum, einen möglichst inklusiven Arbeitsplatz zu bieten”, fasst Lin zusammen. “Einer, wo jeder das Gefühl hat, er selbst sein zu können.”

Bei allen Schwierigkeiten, die die Pandemie insbesondere beim Start in ihrer neuen Position brachte, sieht Lin hier auch Vorteile durch die zunehmend digitale Kommunikation in den vergangenen knapp zwei Jahren. “Natürlich sind digitale Townhall-Meetings nicht das gleiche wie Treffen vor Ort”, sagt sie. “Aber für manch einen Mitarbeiter ist es leichter, in einem solchen Setting eine Frage zu stellen oder etwas zu sagen als vor Hunderten Leuten und auf einer großen Bühne.” Für sie und andere Führungskräfte sei es umso wichtiger, diesen Input zu fördern und einzufordern. “Das ist etwas, das wir auf Dauer beibehalten sollten”, sagt Lin.

Nicht im Vakuum

Bevor sie zu Bayer kam, war die erfahrene Managerin bei McKinsey in ihrem Heimatland Taiwan und in den USA sowie beim US-Agrarkonzern Cargill und dem Tierpharmaunternehmen Elanco tätig (Lin hat die taiwanesische und die US-amerikanische Staatsangehörigkeit). Neu für sie war bei Bayer also nicht nur die Sprache und das Land, in das sie mit Mann und Tochter zog. Auch die nötige Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat, nicht nur aufgrund von Pandemie und Stellenabbau, war eine neue Erfahrung. Mitbestimmung wie in Deutschland ist schließlich in den meisten Ländern unüblich. Aber auch hier versucht Lin das Positive zu sehen: “Die Gespräche mit unserem Betriebsrat ermöglichen es mir, Probleme besser zu verstehen”, sagt sie. “Ich finde es gut, Entscheidungen nicht in einem Vakuum zu treffen.”

Das gelte umso mehr, weil ihr bisheriger beruflicher Schwerpunkt eben nicht im Bereich HR lag. Was sie als größeren Trend sieht – und begrüßt: “Ich finde es gut, dass immer mehr Unternehmen verstehen, dass HR mehr ist als nur reines Personalmanagement”, sagt Lin.

Behält sie recht, taugt zumindest diese Verbindung dann bald nicht mehr als Begründung für die Wahl zur interessantesten HR-Personalie des Jahres.

Ist Chef vom Dienst der Personalwirtschaft Online und kümmert sich unter anderem um die Themenplanung der Webseite. Texte schreibt er vor allem über Themen aus den Bereichen Arbeitsrecht, Digitalisierung und dem Mittelstand.