Sein Ruhestand dauerte nicht einmal ein halbes Jahr: Der ehemalige Vorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Claus Weselsky, ist neuer Vorstand der Genossenschaft Fair Train eG, wie die Organisation mitteilte. Die Genossenschaft war 2023 aus den Reihen der GDL gegründet worden und hatte zwischenzeitlich für einiges an Aufsehen in Bahn- und Gewerkschaftskreisen gesorgt.
Neben Weselsky, der sein Amt zu Anfang Februar antrat, gehört dem Vorstand Marko Riebe an. Beide folgten auf Peter Bosse und Thomas Schütze.
Was die Ressortverteilung angeht, soll Riebe fortan „die strategischen Visionen des Unternehmens vorantreiben“. Demgegenüber zeichne Weselsky „auch für Marketing und Akquise“ verantwortlich.
Im Aufsichtsrat von Fair Train findet sich künftig ebenfalls ein bundesweit bekanntes Gesicht: Denn neuer Vorsitzender des Kontrollgremiums ist der frühere Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow. Zugleich will sich die eG eigenen Angaben zufolge nicht nur personell neu aufstellen, sondern strebt „eine komplette neue inhaltliche Ausrichtung“ an.
Genossenschaftsgründung sorgte für Aufsehen und juristischen Streit
Die Genossenschaft war aus der Taufe gehoben worden, als eine Tarifauseinandersetzung zwischen der Lokführergewerkschaft und der Deutschen Bahn AG (DB) in vollem Gange war. Anteile konnten – zunächst – nur Mitglieder der GDL zeichnen. Kurz darauf hatte die Genossenschaft verlautbart, sie werde Lokführerinnen und Lokführer zu attraktiven Konditionen beschäftigen und diese – quasi als Personaldienstleister – dann an Bahn-Unternehmen verleihen.
Die DB bemängelte daraufhin seinerzeit personelle Überschneidungen zwischen Gewerkschaftsführung und Aufsichtsrat der Genossenschaft und stellte die Tariffähigkeit der GDL in Frage, da diese „gleichzeitig als Arbeitgeber und als Gewerkschaft“ auftrete. Angesichts von „erheblichen Interessenkonflikten“ habe die Vereinigung damit auch ihr Streikrecht verwirkt.
Nach einer Tarifeinigung war eine ursprünglich vor dem Landesarbeitsgericht Frankfurt / Main eingereichte Feststellungsklage auf Prüfung der Tariffähigkeit dann aber von der Bahn zurückgezogen worden. Im Gegenzug wurden Überschneidungen beim Führungspersonal von GDL und Fair Train aufgegeben.
Weselsky selbst ist seit September 2024 nicht mehr Vorsitzender der GDL, und verletzt damit diese Vereinbarung nicht.
„Bedürfnis, aktiv an positiver Veränderung mitzuwirken“
In und mit der Genossenschaft will er künftig strukturell und strategisch neue Schwerpunkte setzen. Wie Weselsky auf Anfrage unserer Redaktion mitteilte, verleiht die Organisation „nun nicht mehr nur Lokomotivführer im Eisenbahnverkehrsmarkt, sondern sie bildet auch Lokomotivführer und weitere ehrenwerte Eisenbahnberufe aus“. Man schaffe damit „gute Voraussetzungen, um dem Personalmangel im gesamten System etwas Wirksames entgegenzusetzen“.
Dafür, dass er selbst nur Monate nach seinem Rückzug als Gewerkschaftschef wieder in Bahnzusammenhängen aktiv wird, hat der 66-Jährige eine einfache Erklärung: Aufgrund der aus seiner Sicht „strukturellen Unterdeckung und einer hohen Beanspruchung der Beschäftigten im direkten Bereich der Eisenbahnen“ sei es ihm ein persönliches „Bedürfnis und eine Verpflichtung, aktiv an einer positiven Veränderung mitzuwirken“.
Für Beobachter und Beobachterinnen kommt das Engagement von Weselsky indes nicht völlig überraschend, hatte er doch im Herbst in einem Interview mit dem Tagespiegel angekündigt, er wolle sich auch nach seiner Zeit als Gewerkschaftschef „in jedem Fall weiter zur Deutschen Bahn und dem Versagen des Vorstands äußern“.
Wandel zum Ausbildungsanbieter angestrebt
Wie der Wandel der Genossenschaft konkret vonstattengehen soll, skizziert Fair Train-Vorstand Marko Riebe: Die Organisation wolle „zukünftig Aus- und Weiterbildungen im Eisenbahnsektor anbieten“, unter anderem zum „Triebfahrzeugführer, Wagenmeister, Rangierbegleiter oder Zugführer für Baumaßnahmen“.
Dazu habe man Anfang des Jahres unter anderem eine Zulassung als Bildungsträger sowie eine ISO9001-Zertifizierung für Qualitätsmanagement erhalten. Zudem habe die Genossenschaft eine spezielle Anerkennung beim Eisenbahn-Bundesamt beantragt, um „eisenbahnspezifische Weiterbildungen anbieten zu können“, so Riebe. Hier stehe eine Entscheidung derzeit noch aus.
Nach erfolgter Bewilligung will Fair Train im Bereich Arbeitsförderung (SGB III) „sowie im B2B-Geschäft tätig sein“. Zudem habe man „einen Simulator angeschafft“, um für andere Unternehmen Trainings und „Überwachungsfahrten sowie Abnahmefahrten anzubieten“ und dafür „bereits Buchungen bis März“ bekommen. Überdies vermittle die eG bereits jetzt „Fachdozenten an andere Eisenbahnausbildungseinrichtungen“.
Gespräche über Ausbildungszentrum
Darüber hinaus gibt es offenbar Pläne, auch in nicht-technischen Bereichen aktiv zu werden. So hatte der Aufsichtsratsvorsitzende von Fair Train, Bodo Ramelow kürzlich der Deutschen Presse-Agentur gesagt, er setze sich für ein von Fair Train finanziertes Ausbildungszentrum ein. Gespräche dazu liefen bereits und die Region Ostthüringen habe aus seiner Sicht „eine gute Ansiedlungschance“. Im Fokus stünden dabei „alle Ausbildungsberufe, die mit der Bahn zusammenhängen, bis hin zum Servicebereich wie Köche“, zitiert die Agentur Ramelow.
Interessant in diesem Zusammenhang: Anfang 2024 hatte die DB, die sich vergangenen Sonntag auch mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) auf einen Tarifvertrag einigte, angekündigt, ebenfalls in Thüringen einen Weiterbildungscampus zu errichten. Erste Teile sollen demnach in diesem Jahr fertiggestellt werden.
Auf die künftige Gewichtung ihrer Aktivitäten angesprochen, teilte Fair Train gegenüber der Personalwirtschaft mit, derzeit liege „der Fokus auf der gewerblichen Arbeitnehmerüberlassung“, da die genannte Anerkennung seitens des Eisenbahn-Bundesamtes noch ausstehe. Perspektivisch solle die Ausbildung allerdings „ein gleichgroßes Geschäft darstellen“.
Frank Strankmann ist Redakteur und schreibt off- und online. Seine Schwerpunkte sind die Themen Arbeitsrecht, Mitbestimmung sowie Regulatorik. Er betreut zudem verantwortlich weitere Projekte von Medienmarken der F.A.Z. Business Media GmbH.

