Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Fehlerkultur: Einsicht ist da, doch es fehlt an Mut und Maßnahmen

Ein Mann in Business-Kleidung steht allein am rechten Rand vor schlichtem Hintergrund und hält sich die Hand schamhaft/ängstlich vors Gesicht
Ob Sorge um die Karriere oder um Gesichtsverlust – zahlreiche Ängste behindern die Einführung einer positiven Fehlerkultur im Unternehmen.
Foto: © ra2 studio/Fotolia.de

Eine aktuelle Studie hat untersucht, wie es um die Fehlerkultur in deutschen Unternehmen bestellt ist. Danach sind Mitarbeiter und Führungskräfte unterschiedlicher Ansicht darüber, wie in ihrer Firma mit Fehlern umgegangen wird. Auch wird das Thema oft tabuisiert, obwohl man sich einig darüber ist, dass eine mangelhafte Fehlerkultur die Mitarbeiter demotiviert.

Mehr als drei Viertel (77 Prozent) der Führungskräfte hierzulande sagen, dass ihnen in den vergangenen beiden Jahren Fehler unterlaufen sind, die entweder den Betriebsablauf gestört, Projekte verzögert, finanziellen Schaden verursacht oder dem Ansehen ihrer Abteilung geschadet haben. 85 Prozent der Führungskräfte und 80 Prozent der Mitarbeiter denken, dass mit der Digitalisierung die Notwendigkeit für Unternehmen steigt, neue Wege zu gehen und damit auch die Gefahr, Fehler zu machen, zumindest teilweise noch steigt. Das sind Ergebnisse der Studie “Fehlerkultur in deutschen Unternehmen” von > EY. Dafür wurden im Juli und August 800 Mitarbeiter und 218 Führungskräfte aus Firmen der Branchen Maschinenbau, Transport und Logistik, Automobilhersteller und -zulieferer sowie Banken und Versicherungen befragt.

Keine Offenheit zwischen den Hierarchieebenen

Nach Ansicht von Laut Nelson Taapken, Partner bei EY, sind im heutigen Wirtschaftsumfeld, in dem es auch darum gehe, neue Ideen auszuprobieren und falsche Entscheidungen schnell zu erkennen und zu korrigieren, nur die Unternehmen zukunftsfähig, die richtig mit Fehlern umgehen. Dazu gehöre es, offen darüber zu sprechen, vor allem über Hierarchieebenen hinweg. Doch ist das der Fall? Von den befragten Führungskräften sehen zwei Drittel (66 Prozent) eine offene Diskussionskultur zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten, während dies lediglich 42 Prozent der Mitarbeiter bestätigen. Während sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiter recht einhellig angeben, offen über eigene Fehler zu reden und dies auch innerhalb ihrer Teams der Fall sei, sagen nur 45 Prozent der Angestellten, ihr Vorgesetzter lege seine Fehler offen. Und nur 40 Prozent von ihnen stellen fest, dass Vorstand und Geschäftsleitung über Fehler in ihrem Zuständigkeitsbereich sprechen.

Mangelnde Fehlerkultur demotiviert die Mitarbeiter

Gleichzeitig denkt fast jede zweite befragte Führungskraft (46 Prozent), dass eine mangelnde Fehlerkultur in ihrem Unternehmen die Gefahr von zu wenig Innovationstätigkeit und damit das Risiko eines Verlusts der Wettbewerbsfähigkeit mit sich bringen kann. 42 Prozent fürchten, dass sich vertuschte Fehler zu Skandalen ausweiten. Außerdem halten 41 Prozent die Demotivation der Mitarbeiter für eine der größten Bedrohungen und 40 Prozent befürchten das Scheitern von Großprojekten. Von den Mitarbeitern betrachten die meisten (57 Prozent) die Demotivation als wichtigste Folge eines unzureichenden Umgangs mit Fehlern. Doch lediglich rund jeder Dritte (35 Prozent) fühlt sich von seinem Vorgesetzten dazu angeregt, neue und gegebenenfalls risikoreiche Wege zu gehen. Dass die Geschäftsleitung dazu motiviert, erklären 15 Prozent.

Angst vor Karrierenachteilen und Gesichtsverlust

Wenn Führungskräfte nicht gern Fehler zugeben, liegt es vor allem daran, dass sie dann Karrierenachteile befürchten; 43 Prozent geben dies an. An zweiter Stelle steht die Angst vor Jobverlust (36 Prozent), gefolgt von der Sorge vor Gehaltseinbußen (29 Prozent). Die Mitarbeiter hingegen sprechen vor allem deshalb nicht gern über Fehler, weil sie Angst haben, ihr Gesicht zu verlieren (36 Prozent). Erst danach folgt die Furcht vor Jobverlust (29 Prozent) und Karrierenachteilen (26 Prozent). Gleichzeitig finden 61 Prozent, ihr Vorgesetzter reagiere sachlich und zielführend auf Fehler, doch die Angst bleibt trotzdem. Auch werden Fehler häufig vertuscht und unethisches Verhalten oder auch der Verstoß gegen gesetzliche Vorgaben werden oft kollektiv gebilligt, weil sowohl Vorgesetzte als auch andere Angestellte fürchten, als Überbringer schlechter Nachrichten zum Bauernopfer zu werden: Von den Mitarbeitern nennen dies 57 Prozent als Grund, von den Führungskräften 44 Prozent.

Alte Gewohnheiten und fehlende Vorbilder als Hemmnisse

Gefragt nach den größten Hindernissen auf dem Weg zu einer positiven Fehlerkultur nannten 54 Prozent der Führungskräfte die Furcht vor Gesichtsverlust. 51 Prozent der Mitarbeiter sagten, alte Gewohnheiten ließen sich nur schwer ändern und sowohl 40 Prozent der Führungskräfte als auch der Angestellten geben das mangelnde vorbildliche Verhalten der Vorgesetzten als Ursache an.

In Unternehmen, die eine positive Fehlerkultur aufbauen wollen, muss der Einzelne sich sicher fühlen. Bereits ein einzelnes negatives Beispiel kann ein gewaltiger Rückschlag sein,

kommentiert Taapken die Studienergebnisse. Zudem gelte es, aktiv auf die persönliche Einstellung von Mitarbeitern und Führungskräften einzuwirken.

Maßnahmen zur Förderung der Fehlerkultur: unterschiedliche Angaben von Vorgesetzten und Mitarbeitern

Trotz ihrer Erkenntnisse und Einschätzungen unternehmen die Firmen offenbar zu wenig, um eine positive Fehlerkultur zu fördern. Fast jeder zweite Angestellte (49 Prozent) erkennt in seinem Unternehmen keine konkreten Ansätze, den Umgang mit Fehlschlägen zu verbessern. Von den befragten Führungskräften sehen das jedoch nur 17 Prozent so. Jeweils 27 Prozent der Mitarbeiter berichten von Trainings für Mitarbeiter und Führungskräfte; während dies 49 und 48 Prozent der Führungskräfte bestätigen. Elf Prozent der Mitarbeiter geben an, ihr Unternehmen biete die Möglichkeit, anonym über Fehler zu berichten. Auch hier machen die Führungskräfte andere Angaben: 36 Prozent sagen, diese Möglichkeit sei in ihrer Firma etabliert. Agile Methoden wie Scrum und Design Thinking, die einen produktiven Umgang mit Fehlern fördern, kennen lediglich neun Prozent der Mitarbeiter gegenüber 17 Prozent der Führungskräfte aus dem eigenen Unternehmen. Von firmeninternen Innovationsprogrammen, die ausdrücklich zum Ausprobieren und Experimentieren ermutigen, wissen nur sechs Prozent der Angestellten im Vergleich zu 14 Prozent der Führungskräfte.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.