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Arbeitskultur im Silicon Valley

Der Umbau der Arbeitswelt erfolgt digital; Bild: © Gina Sanders/ Fotolia.com
Der Umbau der Arbeitswelt erfolgt digital; Bild: © Gina Sanders/ Fotolia.com

Wer zur amerikanischen Westküste reist, sollte unbedingt einen Abstecher in die Bay Area einplanen. Nicht nur Urlauber lassen sich vom Zauber der Golden Gate Bridge betören. Jeder zweite Sitz in den ausgebuchten Jets, die von Frankfurt oder München nach Kalifornien starten, ist mit Vorständen und Geschäftsführern besetzt. Ihr gemeinsames Ziel ist das Silicon Valley. Von Apple, Google, erfolgreichen Start-ups und ihren Financiers möchten sie lernen, wie die Digitalisierung auch in der deutschen Wirtschaft Fuß fassen kann.

Ein “soziales Biotop”

Einer, der die neue Arbeitswelt des Silicon Valley vor Ort besichtigt hat, ist Dr. Tobias Kämpf vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München (ISF). “Dutzende Delegationen”, erinnert er sich an eine vierzehntägige Forschungsreise ins Mekka der Digitalisierung, würden derzeit von der Deutschen Botschaft betreut. Persönlich erleben wollten sie die “disruptive Energie”, die zweifellos die Weltwirtschaft von Grund auf verändert. Während sich Wirtschaftsführer für die intelligente Vernetzung ihrer Produktionssysteme – Stichwort Industrie 4.0 – erwärmen, analysierte das ISF-Forschungsteam die Arbeitskultur. Für die Wissenschaftler ein “soziales Biotop”, das mit großer Technikgläubigkeit und viel Geld die Transformation forciert.

Niemand bezweifelt, dass die vom digitalen Powerhaus ausgehenden Impulse auch deutsche Betriebe in den Grundfesten erschüttern können. Auch nicht die IG Metall, die vergangene Woche nach Frankfurt eingeladen hatte, um im Rahmen des Projekts “Digit-DL” über die Gestaltung von guter Arbeit in der digitalen Ökonomie zu diskutieren. “Wir können dank unserer Errungenschaften eine Alternative zum Silicon Valley sein”, betonte Christiane Benner, zweite Vorsitzende der Gewerkschaft. Die junge Generation wolle zwar auch hierzulande jenseits klassischer Strukturen arbeiten, “aber nicht ohne Schutz und Sicherheit”. Vertrauen, Mitbestimmung sowie Qualifikation – letztlich trage dieser Mix ganz wesentlich zum Wohlstand bei.

Goodbye, Arbeitsrecht?

Doch worin genau liegt die Brisanz der Arbeitskultur, der sich so viele Nerds und Gründer verschreiben? Einen Hinweis liefert laut Kämpf die “Disruption der Arbeitsmärkte” durch Crowdworking und Crowdsourcing. Selbst für hochqualifizierte Tätigkeiten könnten Firmen im Netz bedarfsgerecht und flexibel Arbeitskräfte rekrutieren, die nach dem Prinzip der “Gamification” für einen Job gegeneinander antreten würden. Motto: Selbst wenn ich nicht zum Zuge komme – Hauptsache, es macht Spaß. “Wenn dies zur Regel wird und darüber das Arbeitsrecht zur Disposition gestellt wird, verschieben sich die Kräfteverhältnisse in der Arbeitswelt grundlegend”, warnte der Soziologe.

Christiane Benner, zweite Vorsitzende der IG Metall, mit Dr. Stefan Hartung, Geschäftsführer von Bosch
Christiane Benner, zweite Vorsitzende der IG Metall, mit Dr. Stefan Hartung, Geschäftsführer von Bosch

Ein weiteres Erkennungszeichen digitaler Arbeitskultur ist ihre zunehmende Transparenz: Tagesaktuell und sichtbar für alle dokumentieren Beschäftigte den Stand ihrer Arbeit. Wie sie sich in den sozialen Medien austauschen, wird gescannt. Dies diene nicht nur der Optimierung von Prozessen, schlussfolgern die Soziologen, sondern auch der gezielten Kontrolle und Steuerung von Menschen. Klar ist auch: Unter diesen Vorzeichen entstehen völlig neue Geschäftsprozesse und Wertschöpfungsketten, beispielsweise in der Automobilindustrie. Wie können Daten, die ein Auto liefert, gewinnbringend für das autonome Fahren oder die Entwicklung gänzlich neuer Mobilitätskonzepte genutzt werden?

Faszination Zukunft

Was die digitale Transformation für die deutsche Wirtschaft und ihre Arbeitskultur bedeutet, erläuterte Dr. Stefan Hartung, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH. Weltweit 375.000 Mitarbeiter erwirtschaften rund 70 Milliarden Euro Umsatz. Die Begeisterung, mit der junge IT-Experten im Silicon Valley an der Zukunft arbeiten, sei kein Deut größer als unter den gleichaltrigen Beschäftigten bei Bosch. “Viele sind so fasziniert von der Zukunft, dass sie sich für tolle Projekte voll reinhängen.”

Digitalisierung sei nicht gut oder schlecht. Man müsse nur lernen, richtig damit umzugehen, so Hartung. Offenkundig hat das bei Bosch funktioniert: Der Konzern wurde gerade mit dem “New Work Award 2016” ausgezeichnet. Der von Xing vergebene Preis prämiert Unternehmen, die ihre Arbeitskultur auf zukunftsweisende Art definieren (> mehr zu den Gewinnern).

Programmieren als Basiskompetenz

Mit seiner Ingenieurskunst und dem Bildungssystem sei Deutschland gut gerüstet, so Hartung. Doch ohne maßgeschneiderte Qualifikation und lebenslanges Lernen nicht zuletzt der älteren Fachkräfte drohe man die gute Position einzubüßen. Eindringlich appellierte Hartung an Politiker, die Digitalisierung in das schulische Curriculum zu integrieren: “Jedes Kind sollte lernen, wie Programmierung im Grundsatz funktioniert.” Im Alter von 30 sei das zu spät.

Autor

Winfried Gertz, freier Journalist, München

Mehr zum Projekt “Digit-DL” erfahren Sie > hier.