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Besser spät als nie

Die Deutsche Bank hebt ihr strategisches Recruiting auf Toplevel: Bis Ende des Jahres entscheidet der Vorstand bei Neueinstellungen mit. Ist das kleinkariert? Wir finden nicht.

James von Moltke, Christian Sewing, Karl von Rohr
James von Moltke, Christian Sewing, Karl von Rohr (v. l.): Der Deutsche-Bank-Vorstand legt im Recruiting jetzt selbst Hand an. Foto: © Deutsche Bank

Die Deutsche Bank will im Zuge ihrer im Juli angekündigten Neuausrichtung weltweit 18 000 Arbeitsplätze streichen. Für die Freigesetzten und die Flüchtenden muss Ersatz her. Kommen dürfen allerdings nur solche, die zur Wachstumsstrategie passen. Um diesen Vorsatz vor aller Welt zu unterstreichen, legte die Bank im August fest, dass ab sofort alle Neueinstellungswünsche einen mehrstufigen Filter passieren müssen.

Stufe 1: HR überprüft bei allen ausgeschriebenen Positionen den aktuellen Status. Stufe 2: Gemeinsam mit den Mitgliedern des Group Management Committees gehen die COOs der Geschäftsbereiche die offenen Stellen durch, unterscheiden entbehrliche von unverzichtbaren Positionen und schlagen Letztere einer dreiköpfigen Taskforce zur Genehmigung vor. In Stufe 3 heben oder senken die Daumen: Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, Finanzvorstand James von Moltke und HR-Vorstand Karl von Rohr. Bis zum Jahresende wollen die Chefs persönlich ran. Dann will man weitersehen.

Zu diesem Recruiting-Upgrade kann man die (noch) wichtigste deutsche Bank prinzipiell nur beglückwünschen. Immerhin predigen wir doch gefühlt seit Jahrzehnten, dass die Schaffung und Besetzung eines jeden Arbeitsplatzes einer zukunftweisenden Personalplanung bedarf, die wiederum aufs Engste mit der strategischen Unternehmensplanung verknüpft und schon von daher eine Kopf- und Herzensangelegenheit des obersten Managements sein muss. Und die Deutsche Bank tut das jetzt!

Man male sich das aus: Vorstandssprecher, Oberfinanzer und Chefpersonaler an einem Tisch, vor ihnen eine nach Ländern und Geschäftsbereichen geordnete Wunschliste mit Empfehlungen der vorgelagerten Prüfinstanzen sowie je Jurymitglied ein grüner und ein roter Filzstift, und dann geht die Diskussion los. Welche Position bringt nicht nur ihren künftigen Inhaber, sondern zuallererst die Bank weiter? (Grün.) Welche Stelle führt ins abgestorbene Unterholz? (Rot.)

Nur: Zufälle gibt’s. Just einen Tag nach der Bekanntgabe der neuen Vorgaben zu Stellenbesetzungen verkündete die amerikanische Börsenaufsichtsbehörde SEC eine Geldstrafe in Höhe von rund 16 Millionen Dollar gegen das Frankfurter Geldhaus. Die Deutschbanker hatten den Verdacht nicht entkräften können, zwischen 2006 und 2015 die Kinder russischer Oligarchen und chinesischer Parteikader eingestellt zu haben, deren wichtigste Qualifikation darin bestand, familiär mit lukrativen Neukunden verbandelt zu sein. Das mag mancherorts gängige Praxis sein, läuft aber den Korruptionsvorschriften der US-Marktaufsicht und der momentanen Stimmung in God’s own Country zuwider.

Um den Fall rasch und ohne großes Aufsehen beizulegen, akzeptierte die Deutsche Bank die Strafe widerspruchslos. Im Vergleich zu den Zahlungen, die die SEC anderen Großbanken für ähnliche Delikte aufgebrummt hatte – 2017 musste die Credit Suisse Group 47 Millionen Dollar Strafe herausrücken, 2016 JP Morgan Chase 264 Millionen Dollar –, sind 16 Millionen geradezu Peanuts.

Der Verdacht drängt sich auf, dass die “Hier kocht der Chef selbst”-Aktion eher der Vermeidung einer weiteren Schlechtwetterfront dient; weniger scheint sie der spontanen Eingebung entsprungen, dass HR ein strategisches Thema ist und daher auf die oberste Etage gehört. Natürlich zeigt sie die Not, in der die Bank steckt, und legt offen, dass in besseren Zeiten offenbar bei Neubesetzungen nicht immer allzu genau hingesehen wurde. Doch ist eine späte Erkenntnis besser als gar keine. Wenn ein mehrmonatiges Vorstandskonklave, ein paar vorsortierte Listen und je zwei Filzschreiber dazu beitragen, war es die Nachhilfe durch die SEC wert.