Ausbildung: Jugendliche zwischen Möglichkeiten und Überforderung 

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„Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll.“ Diesen Satz hören Ausbilderinnen und Ausbilder heute immer häufiger. Nicht selten nach mehreren Praktika, Berufsberatungen oder bereits abgeschickten Bewerbungen. Manche Jugendliche sagen kurzfristig ab, andere ghosten Unternehmen nach einer Zusage. Wieder andere beginnen eine Ausbildung – und merken wenige Wochen später, dass sie sich doch etwas anderes vorgestellt haben. 

Schnell entsteht der Eindruck: Die junge Generation will sich nicht festlegen, will nicht einfach „durchhalten“, sucht ständig nach Optimierung. Doch so einfach ist es nicht. Viele Jugendliche erleben heute etwas anderes: eine enorme Unsicherheit bei der Berufswahl und zu wenig Sicherheit über die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Und dies hat weniger mit fehlender Motivation als mit einer Welt voller Möglichkeiten zu tun. 

Zu viele Möglichkeiten, zu wenig Orientierung? 

Früher verlief Berufsorientierung oft geradliniger. Eltern, Schule oder das persönliche Umfeld vermittelten relativ klare Vorstellungen davon, welche Berufe „gut“, „sicher“ oder „vernünftig“ waren.

Heute sieht das anders aus. Jugendliche wachsen mit unzähligen Optionen auf: Ausbildung, duales Studium, Studium oder doch erst mal jobben, wie das etwa jeder Fünfte nach der Schule plant, wie die jüngste Jugendstudie der Bertelsmann Stiftung zeigt. Dann locken noch Gap Year, Selbstständigkeit, Influencer-Karrieren und die Aussicht, sich beruflich ohnehin mehrfach neu zu erfinden. Gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt rasant. Branchen, Berufe und die Anforderungen in der Arbeitswelt sind beständig im Wandel.

Für junge Menschen bedeutet das vor allem eines: Entscheidungsdruck. Denn wer theoretisch Vieles werden kann, hat oft umso größere Angst, die falsche Entscheidung zu treffen und sucht hilfreiche Informationen und Beratung. Allerdings findet es mehr als die Hälfte der jungen Menschen schwer, sich trotz genügend Informationen zur Berufswahl zurechtzufinden. Die Frage lautet daher nicht nur: „Was interessiert mich, was kann ich?“, sondern auch: „Hat der Beruf Zukunft?“, „Verdiene ich genug?“, „Stimmt das Betriebsklima?“, „Kann ich später noch wechseln?“, „Macht mich das glücklich?“ oder „Verpasse ich vielleicht etwas Besseres?“ 

Social Media verstärkt den Druck 

Diese Orientierungsprobleme werden zusätzlich durch soziale Medien verstärkt, die allgegenwärtig sind. Laut der aktuellen Bitkom Kinder- und Jugendstudie nutzen 94 Prozent der 14- bis 18-Jährigen täglich Social Media. Bei den 16- bis 18-Jährigen sind es 134 Minuten am Tag. Dort sehen Jugendliche scheinbar perfekte Lebensläufe, erfolgreiche Influencer oder Menschen, die mit Mitte zwanzig bereits Karriere machen, mit Leichtigkeit viel Geld verdienen, reisen und immer zufrieden wirken. Dabei wird nur selten sichtbar, dassUnsicherheit, Umwege, Anstrengung oder Zweifel zu fast jedem Berufsweg dazugehören. Der Druck, möglichst früh die „richtige“ Entscheidung treffen zu müssen, wächst dadurch weiter.  

Dieses Problemist inzwischen weit verbreitet: So geben 55 Prozent der jungen Menschen in der aktuellen Trendstudie Jugend in Deutschland an, dass die Nutzung von Sozialen Medien zum Anstieg psychischer Belastungen beiträgt. Viele Jugendliche vergleichen sich permanent – und verlieren dabei zunehmend das Vertrauen in die eigene Entscheidung und die Leichtigkeit, sich auszuprobieren und Fehler machen zu dürfen. 

Auch Eltern suchen Orientierung 

Hinzu kommt, dass viele Eltern selbst Orientierung suchen und meist selbst nur wenig Einblicke in die Breite der Bildungs- und Beschäftigungswege haben. Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen Jahren so stark verändert, dass manche Familien berufliche Entwicklungen kaum noch einschätzen können. Welche Berufe sind zukunftssicher? Welche Ausbildungsberufe bieten gute Karrierechancen? Welche Kompetenzen werden in zehn Jahren gefragt sein? 

Gerade die duale Ausbildung wird dabei oft unterschätzt. Noch immer gilt in vielen Köpfen das Studium als der vermeintlich bessere und lukrativere Weg. Dabei zeigt sich, dass auch akademische Abschlüsse längst keine Garantie mehr für einen problemlosen Berufseinstieg sind. Gleichzeitig fehlen in vielen Ausbildungsberufen etwa in Handwerk, Handel oder Gesundheitswesen dringend Fachkräfte – mit hervorragenden Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten. Viele Eltern und Jugendliche wissen das schlicht nicht. Oder sie hören zu selten davon. 

Ausbildung bietet praktische Erfahrungen und Zusammenhalt 

Dabei bietet die duale Ausbildung gerade in unsicheren Zeiten etwas, wonach sich viele junge Menschen sehnen: Struktur, Orientierung und echte Praxiserfahrung mit Aktivitäten, die Nutzen stiften und sichtbare Ergebnisse erzielen. Auszubildende erleben unmittelbar, wie Prozesse und Abläufe im Unternehmen funktionieren, welchen Sinn ihre Arbeit hat, wo ihre Stärken liegen und was ihnen Freude macht. Sie haben Erfolgserlebnisse, verdienen eigenes Geld, übernehmen Verantwortung und entwickeln sich Schritt für Schritt weiter.

Trotzdem fällt die Entscheidung oft schwer. Selbst mehrere Praktika führen nicht automatisch zu mehr Klarheit. Viele Unternehmen erleben inzwischen Jugendliche, die bereits in verschiedene Bereiche reingeschnuppert haben und trotzdem sagen: „Ich weiß immer noch nicht, was wirklich zu mir passt.“

Das klingt zunächst paradox. Tatsächlich zeigt es aber ein Grundproblem unserer Zeit: Informationen und flüchtige Einblicke allein schaffen noch keine Orientierung. Es braucht Erfahrungen, Emotionen und Entscheidungsfreude. Wer immer weiter vergleicht, bewertet und nach der perfekten Option sucht, wird eher noch unsicherer. 

Wie Unternehmen zur Orientierung beitragen können 

Für Unternehmen bedeutet das ihr Recruiting noch konsequenter auf spezifische Zielgruppen, persönliche Ansprache und das Angebot von Praxiserfahrungen auszurichten – ihr Ausbildungsmarketing als Candidate Journey zu gestalten. Junge Menschen brauchen zur Orientierung echte Erfahrungen: Wie sieht der Alltag wirklich aus? Wie gehen Kolleginnen und Kollegen miteinander um? Wer unterstützt mich, wenn ich unsicher bin oder Fehler passieren? Wie wird meine Entwicklung gefördert und wie kann ich mich einbringen? 

Praktika und Betriebsbesichtigungen stehen nach wie vor ganz oben auf der Wunschliste von jungen Menschen – und auch die meisten Unternehmen bieten diese an, wie eine aktuelle IW-Befragung von Personalern zeigt. Gespräche auf Augenhöhe, authentische Azubi-Berichte etwa von Ausbildungsbotschaftern im Unterricht, Praktika mit echter Einbindung oder unkomplizierte Kontaktmöglichkeiten mit niedrigschwelligen Bewerbungsverfahren bewirken deutlich mehr als aufwendig produzierte Werbekampagnen. 

Orientierung entsteht durch Menschen 

Auch Schulen und Eltern bleiben wichtige Partner. Berufsorientierung darf nicht erst wenige Monate vor dem Schulabschluss beginnen. Jugendliche brauchen frühzeitig Möglichkeiten, Berufe kennenzulernen – und vor allem Menschen, die ihnen helfen, ihre Eindrücke einzuordnen. Denn Orientierung entsteht nicht durch Broschüren, sondern durch Gespräche, Erfahrungen und Vertrauen.

Unternehmen sollten dabei nicht unterschätzen, welche Rolle sie inzwischen übernehmen. Ausbildung bedeutet heute mehr als Fachkräftegewinnung. Viele Betriebe werden für junge Menschen zu echten Orientierungspunkten in einer komplexen Arbeitswelt

So profitieren Unternehmen und Jugendliche 

Zeitgemäßes Ausbildungsmarketing erfordert ausreichende Ressourcen und neue Strategien. Denn für Unternehmen ist die Begleitung junger Menschen angesichts der deutlich gestiegenen Heterogenität von Bewerbenden und sinkenden Schulleistungen deutlich aufwendiger geworden. Daher hilft auch Verständnis für die Situation und unterschiedlichen Lebenslagen von Jugendlichen und deren Unsicherheiten. Die junge Generation ist nicht weniger engagiert oder weniger leistungsbereit. Sie wächst jedoch unter anderen Bedingungen und geprägt durch vielfältige Krisen auf: mit mehr Möglichkeiten, mehr Vergleichen und gleichzeitig weniger klaren Leitplanken.

Vielleicht liegt genau darin auch eine Chance für Unternehmen. Wer Jugendlichen nicht nur einen Ausbildungsplatz, sondern zugleich Sicherheit, Entwicklung und persönliche Begleitung bietet, wird langfristig attraktiver sein. Denn viele junge Menschen suchen gar nicht den perfekten Beruf. Sie suchen vor allem das Gefühl, irgendwo richtig zu sein und sich aufgehoben zu fühlen.

(Mehr über die jungen Menschen und wie Unternehmen sie für eine Ausbildung begeistern können, lesen Sie hier: Generation Z aktiv und zielgruppengenau ansprechen – KOFA und hier Als Ausbilder junge Talente für Ausbildung gewinnen: Netzwerk Q) 

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