Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

„Social Listening“: So nutzen Personaler „Clubhouse“

Clubhouse
Zu jedem Thema: Sogar einen “Ruheraum”, in dem sich alle stumm schalten, gibt es in “Clubhouse”. Foto: M. Schmidt-Stein

Thomas Gottschalk ist dabei, die Fußballer André Schürrle und Mats Hummels, zahllose Journalistinnen, Influencer – und Personalerinnen und Personaler: Die “Social-Listening-App” Clubhouse ist seit rund eineinhalb Wochen in aller Munde. Mithilfe des neuen sozialen Netzwerks können Nutzerinnen und Nutzer Diskussionsrunden per Smartphone-Anwendung veranstalten oder an ebensolchen teilnehmen – zuhörend oder diskutierend. Diese werden lediglich live übertragen, Aufnahmen werden nicht archiviert. Allerdings darf bislang nicht jeder mitmachen: Zum einen benötigt man eine Einladung durch einen bestehenden Nutzer, zum anderen gibt es die App bislang nur für Iphones.

Die, die es an diesen Hürden vorbeigeschafft haben, probieren momentan viel aus. Das zeigen unter anderem die zahlreichen Panels, in denen diskutiert wird, wofür man Clubhouse eigentlich nutzen kann. Ideen gibt es viele. “Warum nicht mal ein Smalltalk-Training mit angehenden Ingenieurinnen oder ein Gehaltsverhandlungstraining mit Jobstartern im lockeren Ambiente durchführen?”, fragt etwa Harald Sattelberg, Leiter Employer Branding DACH bei Schneider Electric. Auch für das interne Employer Branding kann er sich eine Nutzung vorstellen. In größeren Konzernen gebe es ja schon Gruppen in internen sozialen Netzwerken, sagt er. “Ich kann mir gut vorstellen, da nach Feierabend Gartentipps auszutauschen oder gemeinsam mein Mittagessen im Home Office zu kochen.” Zwar fehle in der reinen Audio-App das Gegenüber, was gleichzeitig aber für eine niedrige Einstiegshürde sorge. Insgesamt hält Sattelberg Clubhouse für ein spannendes Format. “Ich bin gespannt, ob sich der Hype hält.”

Anders als Tiktok und Snapchat

Bei Social-Media-Hypes denken viele an Apps wie Tiktok oder Snapchat, die von Millionen insbesondere jungen Leuten genutzt werden. Jan Hawliczek, Gründer von “Die Grüne 3” (ein “Sparringspartner im Recruiting”, wie er es bezeichnet), sieht aber einen entscheidenden Unterschied – gerade für die “HR-Bubble”, wie er den onlineaffinen Teil der HR-Szene bezeichnet. Vor allem Sessions und Diskussionen zu fachspezifischen sieht er als großen Mehrwert. “Zudem punktet die App noch durch eine extrem einfache Usability”, findet er. “Einer Session beitreten, zuhören oder mitsprechen. Oder eben eine eigene Session als Moderator planen und abhalten. That’s it.” Auch Hawliczek ist gespannt, wie es weiter geht. “Interessant wird sein, wie sich das Nutzungsverhalten entwickelt und an welcher Ecke Clubhouse anderen Kanälen User-Zeit wegnimmt”, sagt er. “Und wie wird die App in Zukunft monetarisiert? Wird es zusätzliche Funktionen geben wie einen Premium-Account, um zum Beispiel die Recordings von vergangenen Clubs nachzuhören?”

Auch Marcus Merheim, Director Marketing & Growth bei der Deutschen Employer Branding Akademie, verfolgt die Diskussion, ob und wie sich Clubhouse für Recruiting und Employer Branding eignet. Er hat diese Fragen auch in Form einer Paneldiskussion in die App geholt. Stand jetzt sei der Nutzen im Employer Branding vor allem noch wegen der Exklusivität eingeschränkt. “Das soziale Netzwerk kann sich aber mittelfristig, gerade für die Kommunikation von Unternehmen mit potenziellen Mitarbeitern, zu einer spannenden Möglichkeit für den direkten Austausch oder auch zur Live-Content-Erstellung entwickeln”, glaubt er. Für den persönlichen Mehrwert im Sinne der Inspiration biete die App aufgrund breitgefächerter Themen heute schon eine tolle Möglichkeit für gezielten Austausch und Wissensmehrung.

Viele Einsatzzwecke vorstellbar

Den Einsatz im Weiterbildungsbereich kann sich auch Robindro Ullah, Geschäftsführer des Trendence Instituts, vorstellen. Er hat sich für zwei der in Deutschland bislang kaum verbreiteten “Clubs”, in denen regelmäßige Sessions abgehalten werden, beworben. Dort könne man ergänzend zu schon bestehenden Angeboten diskutieren. Im Employer Branding seien die Möglichkeiten hingegen begrenzt. “Gerade im ersten Funnel-Schritt, wo es auf Reichweite und Viralität ankommt, eignen sich andere Angebote besser”, sagt er. “Die App hat zwar einen Nerv getroffen und das Format ist sinnvoll. Die Exklusivität ist aktuell aber eher hinderlich.” In späteren Phasen einer Bewerbung bzw. Einstellung hingegen kann er sich die Nutzung gut vorstellen. “Und natürlich wird ein Arbeitgeber, der so etwas ausprobiert, ganz anders wahrgenommen”, sagt er. Für entscheidend hält Ullah, wie sich die Konkurrenz entwickeln wird. Twitter etwa habe mit “Spaces” ein ähnliches Angebot gestartet – das auch auf Android-Telefonen funktioniert.

Marcel Rütten, Global Director Talent Acquisition & Employer Branding beim Verpackungshersteller Paccor (Eigenschreibweise: PACCOR), kann sich viele Einsatzzwecke vorstellen. “Für HR ergeben sich neue Möglichkeiten, um sich professionell auszutauschen, Active Sourcer haben eine neue Quelle für potenzielle Kandidatinnen und Corporate Influencer eine neue Plattform, um sich zu präsentieren”, sagt er. Generell treffe die App den Nerv der Zeit und kreiere einen Hype, “der so vermutlich nur wegen und während einer globalen Pandemie möglich gewesen ist.” Ob sich die Plattform etablieren werde, hänge von zahlreichen Faktoren ab – “sollte Clubhouse diese meistern, hat es aus meiner Sicht echtes Potenzial.” Zu den entscheidenden Faktoren zählt Rütten, neben dem konkreten Mehrwert der Diskussionen, die Dauer des Lockdowns und die Schnelligkeit der Wettbewerber im Social-Media-Bereich. Aber auch die Veröffentlichung einer Version für Android-Handys (an der laut Anbieter gearbeitet wird) sowie die Klärung datenschutzrechtlicher Bedenken. So verlangt die App Zugriff auf das gesamte Telefonbuch, wenn man seine Kontakte einladen möchte.

Dass Clubhouse streng genommen jegliche geschäftliche Nutzung in seinen AGB verbietet, darauf weist der “Persoblogger” Stefan Scheller in seinem Überblick über die App hin.

Fazit: Ob sich die App auf Dauer im HR-Bereich durchsetzen wird und welche Nutzungsszenarien realistisch und sinnvoll sind, lässt sich noch nicht einschätzen. So könnte sich gerade der Live-Aspekt der App, der für viele “Early Adopter” den Reiz ausmacht, schnell verbrauchen. Schließlich müssen Termine erst einmal in den persönlichen Kalender eingebaut werden. Denn aufgezeichnet wird ja nicht.

 

Ist Chef vom Dienst der Personalwirtschaft Online und kümmert sich unter anderem um die Themenplanung der Webseite. Texte schreibt er vor allem über Themen aus den Bereichen Arbeitsrecht, Digitalisierung und dem Mittelstand.