Corona, Krieg, Energiekrise, Inflation – immer mehr Angestellte leiden unter dem wirtschaftlichen und geopolitischen Druck. Die Folge: Eine wachsende Zahl von Menschen in Deutschland fühlt sich nicht an ihren Arbeitgeber gebunden, hat der diesjährige Gallup Engagement Index ergeben. Nur 14 Prozent der Befragten gaben an, eine hohe Bindung zum eigenen Arbeitgeber zu haben. 19 Prozent erklärten dagegen, gar keine Bindung zu ihrem Arbeitgeber zu haben. Diese verschiedenen Ausprägungen der emotionalen Bindung hängen zudem meist nicht unbedingt mit dem Arbeitgeber zusammen, sondern verteilen sich in den meisten Unternehmen recht ähnlich. Das heißt, in allen Unternehmen gibt es eine ähnliche Verteilung von Menschen mit einer hohen, niedrigen und geringen Bindung. Der negative Trend der letzten Jahre setzt sich damit fort. Denn seit 2012 wurde kein höheres Ergebnis an Menschen, die keine Bindung zu ihrem Arbeitgeber haben, festgehalten.
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Diese in Summe über 7,3 Millionen Menschen haben laut Gallup durch die nicht vorhandene emotionale Bindung innerlich schon gekündigt. Dies führt nicht nur zu Problemen für die betroffenen Unternehmen, sondern auch für die gesamte Volkswirtschaft. So schätzt das Statistische Bundesamt die Kosten durch Produktivitätsverluste im Jahr 2023 auf 132,6 bis 167,2 Milliarden Euro. Für sechs der 7,3 Millionen Befragten ist es sogar schlimmer zu arbeiten als arbeitslos zu sein: Sie fühlen sich durch ihre Tätigkeit wütend, traurig, besorgt und gestresst.
Eine geringe emotionale Bindung zieht Schwierigkeiten für Unternehmen mit sich
Neben monetären Verlusten droht den Arbeitgebern durch mangelnde emotionale Bindung der Mitarbeitenden zudem der Verlust der Angestellten an sich. In Zeiten, in denen die Zahl der Fachkräfte aufgrund des demografischen Wandels ohnehin sinkt, kann dies fatale Folgen haben. Denn seit 2018 hat sich die Anzahl der Befragten, die beabsichtigen, in einem Jahr noch bei ihrer derzeitigen Firma tätig zu sein, von 78 Prozent auf 53 Prozent verringert. Und auch die Entwicklung der mittelfristigen Wechselbereitschaft ist für die Unternehmen kein Grund zur Freude. 2018 lag der Wert noch bei 65 Prozent. Im Jahr 2023 geben nur noch 40 Prozent an, auch in drei Jahren noch bei ihrem jetzigen Arbeitgeber arbeiten zu wollen.
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Diese steigende Wechselbereitschaft bringt Gallup außerdem mit der sinkenden emotionalen Bindung in Verbindung. Die Ergebnisse der Befragung kommen nämlich zu dem Ergebnis, dass je höher die emotionale Bindung, desto niedriger ist die Wechselbereitschaft. Von den “hoch Gebundenen” wollen 79 Prozent in einem Jahr noch bei ihrer derzeitigen Firma sein. Demgegenüber stehen 53 Prozent mit geringer Bindung und 30 Prozent bei Menschen mit keiner Bindung zum Unternehmen.
Trotz hoher Wechselbereitschaft haben Unternehmen Probleme Stellen zu besetzen
Trotz der scheinbar hohen Wechselbereitschaft der deutschen Arbeitnehmenden berichtet ein Großteil der Befragten von Problemen des eigenen Unternehmens, den Bedarf an geeigneten Fachkräften zu decken. Und auch hier setzt sich der negative Trend fort. 2013 stimmten 18 Prozent der Befragten dieser Aussage vollständig zu. Im Jahr 2023 sind es 38 Prozent, die dieser Aussage voll und ganz zustimmen. Finden Unternehmen dann jedoch die entsprechenden Fachkräfte, scheinen sie Schwierigkeiten dabei zu haben. Den Ergebnissen der Studie zufolge scheinen 40 Prozent der Befragten wieder offen für etwas Neues zu sein. 15 Prozent suchen aktiv nach einer neuen Stelle und weitere 25 Prozent schauen sich um. Zudem will weniger als die Hälfte der neuen Mitarbeiter in einem Jahr noch für das Unternehmen tätig sein. Um diesen Zahlen entgegenzuwirken, könnte ein besseres Onboarding entscheidend sein. „Ein gutes Onboarding sorgt dafür, dass neue Mitarbeitende nicht nur möglichst schnell produktiv sind, sondern auch von Anfang an emotionale Bindung aufgebaut wird“, sagt Marco Nink, Director of Research & Analytics von Gallup EMEA. Ein gutes Onboarding scheint jedoch nur in wenigen Unternehmen zu existieren. Nur 22 Prozent der Befragten gaben an, dass der Einarbeitungsprozess in ihrem Unternehmen exzellent sei. Hier scheint es also Verbesserungspotenzial in den Unternehmen zu geben. Laut Nink könnte eine bessere Einbindung der Führungskräfte in das Onboarding helfen. Leider sei dies noch nicht der Fall.
Generell scheinen die direkten Vorgesetzten einen großen Einfluss auf die Mitarbeiterbindung zu haben. Laut Gallup sind 70 Prozent der Varianz der Mitarbeiterbindung in einer Organisation auf den direkten Vorgesetzten zurückzuführen. Trotz dieses großen Einflusses der Führungskräfte scheinen viele von ihnen ein schlechtes Selbstbild zu haben. Während 97 Prozent von ihnen glauben (Ergänzung am 18.12.2024: die Zahl stammt aus einer Gallup-Studie aus dem Jahr 2017), eine gute Führungskraft zu sein, ist nur knapp ein Viertel der befragten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihrem direkten Vorgesetzten zufrieden. Diese Ergebnisse geben Führungskräften und Unternehmen Anlass zur Selbstreflexion. Marco Nink betont: „Kein Unternehmen kann es sich leisten, gute Arbeitskräfte durch schlechte Führung zu verlieren.“
Mitarbeitende haben immer weniger Zuversicht in die Unternehmensführung
Neben der Unzufriedenheit in die direkte Führungskraft scheint auch das generelle Vertrauen in die Geschäftsführung zu sinken. Parallel zu dem Trend, weniger Vertrauen in die Rekrutierung der richtigen Mitarbeitenden zu haben, vertrauen immer weniger Mitarbeitende auf die finanzielle Zukunft ihres Arbeitgebers. Generell scheint nur noch rund ein Viertel der Befragten davon überzeugt zu sein, dass die Geschäftsleitung des Arbeitgebers das Zeug hat, künftige Herausforderungen erfolgreich zu meistern.
Es gibt auch positive Entwicklungen
Jenseits aller beunruhigenden Trends hat der diesjährige Gallup Engagement Index auch einige positive Ergebnisse hervorgebracht. So behandeln Führungskräfte ihre Mitarbeitenden immer weniger als Untergebene und immer mehr als Partner. Auch fühlen sich in den vergangenen Jahren immer mehr Befragte von ihren Führungskräften besser behandelt. Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass sich mehr Personen wertgeschätzt fühlen, das Gefühl haben, dass sich jemand im Unternehmen um sie kümmert oder dass ihre Meinung gehört wird. Auch die Offenheit gegenüber weiblichen Führungskräften scheint zuzunehmen. Während 2006 noch 43 Prozent der Befragten einen männlichen Vorgesetzten bevorzugten, sind es 2022 nur noch 28 Prozent.
Info
Über die Studie
Gallup untersucht seit 2001 anhand von zwölf Fragen zum Arbeitsplatz und -umfeld den Engagement Index für Deutschland. Die Studie soll Auskunft über den Grad der emotionalen Bindung und dem dahingehenden Engagement auf der Arbeit geben. Für die neueste Studie wurden zwischen dem 20. November 2023 und 22. Dezember 2023 insgesamt 1.500 zufällig ausgewählte Arbeitnehmende, die mindestens 18 Jahre alt sind, befragt.
Frederic Haupt war Volontär der Personalwirtschaft.

