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Precire machte den Anfang

Seit Jahren diskutiert HR,
ob der Einsatz von KI zur Eignungsanalyse von Bewerbern und Mitarbeitern sinnvoll
und vertretbar sei. Aber welche Anbieter und Produkte umfasst der Markt eigentlich
– und wie unterscheiden sie sich? Ein Kurzüberblick.

Menschliche Silhouetten vor Stadt.
Ist der Einsatz von KI zur Eignungsanalyse von Bewerbern und Mitarbeitern sinnvoll und vertretbar? Bild: metamorworks/AdobeStock

Man glaubt es kaum, aber die Anfänge der
Computer-gesteuerten Sprachanaylsetechnik liegen schon 70 Jahre zurück. Damals,
1950, entwickelte der Brite Alan Turin jenes Verfahren, das als Turing-Test
bekannt werden sollte: Mittels intensiver Befragung von zwei “Probanden”, einem
Menschen und einer Maschine, wollte er feststellen, ob Letztere ein dem
Menschen gleichwertiges Denkvermögen besitze. Könne der
Fragesteller nach dem Interview nicht sagen, welche Antworten von der Maschine stammten,
habe diese die Prüfung bestanden.

Obwohl Turing den Test nie selbst
praktizieren konnte – seinerzeit fehlte die dafür erforderliche Technik – wurde
dieser zur Bewährungsprobe für alle, die “intelligente” Systeme mit Sprachsteuerung
einsetzen. Das sind bisher nicht massenhaft viele Unternehmen: Zurzeit
gibt es international wohl eine gute Handvoll mehr oder weniger etablierter
Anbieter von KI-basierter Software, die anhand von Sprach-, Bewegtbild- oder
Textanalysen Persönlichkeitsprofile von Menschen zu erstellen versprechen. In
HR kommen diese Systeme etwa beim Recruiting oder im Talentmanagement zum
Einsatz – teils hitzige Debatten inbegriffen.

So erkennt Dr. Uwe Kanning, Professor für
Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück, zwar an, dass Software in der Theorie objektivere, weniger
fehleranfällige Entscheidungen ermögliche.

Dies heiße aber nicht, dass die momentan
eingesetzte Technik “richtige” Urteile über die reale Eignung eines Bewerbers
im Berufsalltag ermögliche.

Denn dafür kommt es auf Umfang und Qualität der
Daten ebenso an (benachteiligen die Ergebnisse bestimmte Personengruppen?, et
cetera) auf die für Kunden oft schwer
nachvollziehbare Wirkungsweise der Systeme.

Abgesehen
davon stellen sich rechtliche Fragen.
So geht der Anwältin Nina Diercks der Datenschutz in Sachen KI nicht weit
genug. Beispielsweise muss ein Bewerber laut Artikel 7 Absatz 4 der DSGVO freiwillig in die Verarbeitung der über ihn
generierten Daten zustimmen. Doch inwiefern ist der Wille “frei”, wenn jemand
einen Job unbedingt haben will?

Precire, der Pionier

In den vergangenen Jahren
hatte die Kritik an der Analyse von Menschen durch Maschinen meist das gleiche
Ziel: Precire. Der erste Anbieter im Markt kümmerte sich nach seiner Gründung
2012 zunächst um Sportpsychologie und die Analyse von Trainer-Ansprachen, bevor
man sich auf die Unterstützung von Bewerbungsprozessen in Unternehmen
konzentrierte. Die damit einhergehende Debatte kreiste manchmal derart um
ethische Aspekte, dass der Inhalt und der Nutzen des Angebots von Precire
unterzugehen drohte – und erst Recht das der Konkurrenz. Deshalb stellen wir im
Folgenden einige der wichtigsten Player und ihre Produkte vor.

•   Der Pionier ist der bekannteste Anbieter auf dem
Markt: Precire hat seine Technik wie seine Kommunikation
weiterentwickelt. Geschäftsführer Thomas Belker – der durchaus die Diskussion
mit den Kritikern sucht, nicht zuletzt als Mitglied im Ethikbeirat HR-Tech –
sagt, man wolle “Sprachwirkung nutzbar machen”. Darin liege ein Schlüssel für
zielorientierte und erfolgreiche Kommunikation, etwa von Führungskräften oder
im Kundenkontakt. Wichtigste Produkte für Marketing und
HR sind Precire impact, ein in Microsoft Word und Outlook integrierbarer
“digitaler Kommunikationsmanager”, der “unmittelbares Feedback” auf die
Sprachwirkung geschriebener Texte verspricht, und Precire für SAP
Successfactors. Letzteres Tool soll Stärken und Entwicklungsfelder von
Mitarbeitern und Bewerbern analysieren. Zielgruppen für beide Produkte sind
neben Manager(innen) und Führungskräfte auch Recruiting-Spezialistinnen oder
Vertriebsexperten.

   Der Anfang 2017 gegründete Heilbronner Anbieter 100
Worte
bietet seine Lösung 100W für die Bereiche CRM, Marketing und Talent
Management an – konkret zum Beispiel, um das Teambuilding und die Generierung
von Stellenanzeigen zu erleichtern, die das Recruiting wie das Employer
Branding unterstützen. Dabei zieht die Software ausschließlich geschriebene
Texte zur Identifikation von Persönlichkeitsmerkmalen heran. Produktversprechen
auch hier: Hilfestellung, um Menschen zu verstehen und ihnen den Umgang
miteinander zu erleichtern.

•   Audeering in Gilching bei München
entstand 2012 als Spin-Off der TU München. Das Unternehmen bietet KI-gestützte
Werkzeuge an, die per Audio-Analyse eine “automatische Emotions- und
Sprecherzustandserkennung” gewährleisten soll, so CTO und Mitgründer Dr.
Florian Eyben. Ausgangspunkt der Untersuchung: Wie sagt eine Person was? Einer
der Haupteinsatzbereiche der Lösung sind Callcenter. Deren Mitarbeiter bekommen
die Stimmung des Anrufers angezeigt, um besser auf ihn eingehen zu können.
“Nebeneffekt” laut Anbieter: Die Motivation der Callcenter Agents und das
Handling von Anrufen werde jeweils um circa 80 Prozent verbessert. Das Tool
soll auch Burnout, Stress und Depressionszustände bei Mitarbeitern zuverlässig
erkennen können.

•   Der ungarische Anbieter Xdroid arbeitet ähnlich wie Audeering in der Sprach-, aber auch der
Datenanalyse. Ein Produkt namens Voiceanalytics soll Emotionen erkennen und
seinerseits vornehmlich Callcenter-Mitarbeiter unterstützen. Dafür fokussiert
das Tool auf Schlüsselwörter und Ausdrücke (wie Höflichkeit,
Produktbezeichnungen, kritische Worte bis hin zu Beschimpfungen) sowie auf Kommunikationsmerkmale
wie Artikulation, Intonation, Tonhöhe und auch Tempo. Ziel ist vor allem eine
höhere Kundenbindung: Laut Xdroid lässt sie sich um mehr als 30 Prozent
verbessern.

   Bekannter US-Spieler auf
dem Markt der KI-gestützten Kommunikationsanalyse ist Hirevue. Das
Unternehmen bietet eine an verschiedene Branchen angepasste Lösung für das
Video-Interviewing im Bewerbungsprozess an – Kernzielgruppe Recruiting-Teams.
Die Software soll aus Körperhaltung, Gestik und Mimik auf den Arbeitsstil der
Jobsuchenden schließen können. Laut Hirevue verringert das nicht nur die
Time-to-Hire um bis zu 90 Prozent, sondern hebt auch die Diversität der
Neueinstellungen. Ganz abgesehen von einem ROI im ersten Jahr von laut
Hersteller  über 130 Prozent.

Ulli Pesch ist freier Journalist und schreibt regelmäßig über das Thema HR-Software in der Personalwirtschaft.

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