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Arbeitsschutz: Psychische Belastungen zu wenig im Fokus

Psychische Belastung
Arbeitgeber haben die Pflicht zur Beurteilung psychischer Gefährdungen ihrer Mitarbeiter oft nicht im Blick. Foto: © Dan Race-stock.adobe.com

Zwar haben hierzulande etwa zwei Drittel der Beschäftigten den Eindruck, ihr Arbeitgeber kümmere sich um ihr Wohlbefinden. Doch häufig spiegelt sich das nicht in praktischen Maßnahmen zur Förderung der Gesundheit wider, zeigt eine aktuelle Befragung.

Im Oktober hat das Institut Forsa im Auftrag der Prüforganisation Dekra bundesweit 1.014 Arbeitnehmer repräsentativ befragt. Ein Schwerpunkt der Umfrage behandelte die psychische Situation bei der Arbeit sowie das Wohlbefinden der Mitarbeiter.

Gesundheitsförderung in weniger als jedem zweiten Betrieb

Die Befragungsergebnisse zeigen, dass knapp zwei Drittel der Angestellten (65 Prozent) ihren Arbeitgeber durchaus als jemanden wahrnehmen, der sich aktiv um Wohlbefinden und Gesundheit seiner Mitarbeiter kümmert. Immerhin gut ein Drittel (35 Prozent) kann diesen Eindruck jedoch eher nicht oder überhaupt nicht bestätigen. Auch sagt weniger als die Hälfte der Befragten (45 Prozent), dass es im Unternehmen regelmäßige Feedback-Gespräche gibt. Konkrete Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, etwa Entspannungskurse, Walking, Ernährungs- oder Rückenkurse, bieten lediglich vier von zehn Betrieben (40 Prozent) an.

Psychische Gefährdungsbeurteilung wird oft nicht beachtet

Vor allem halten sich viele Arbeitgeber nicht an die gesetzlich vorgeschriebene Beurteilung psychischer Gefährdungen und nehmen diese offenbar weniger ernst als körperliche Risiken: Nicht einmal jeder dritte Befragte (31 Prozent) kann bestätigen, dass in seinem Unternehmen eine psychische Gefährdungsbeurteilung existiert. Mehr als jeder Zweite (53 Prozent) sagt, dies sei nicht der Fall, und die restlichen 15 Prozent sind sich nicht sicher.

Dass psychische Gefährdungen bei den meisten Beschäftigten ignoriert werden, ist aus fachlicher Sicht ein Alarmsignal,

sagt Dr. Karin Müller, Leiterin des Dekra-Bereichs “Mensch und Gesundheit”. Dabei sei die Erfüllung dieser gesetzlichen Pflicht nur ein erster Schritt auf dem Weg dahin, sich als Arbeitgeber wirklich um die Belegschaft zu kümmern. Unternehmen, die das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter in den Mittelpunkt stellen – beispielsweise durch ein Betriebliches Gesundheitsmanagement – hätten nachweislich gesündere, zufriedenere, motiviertere und damit leistungsfähigere Beschäftigte, so Müller.

56 Prozent mehr Fehltage wegen psychischer Leiden als 2010

Dass hier Handlungsbedarf besteht, zeigen die letzten Studien der Krankenkassen. Die DAK-Gesundheit zum Beispiel stellte fest, dass die Anzahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen bereits seit Jahren auf einem hohen Niveau liegt und 2020 einen Höchststand erreichte – vermutlich zusätzlich bedingt durch den Corona-Stress. Im letzten Jahr registrierte die Kasse 265 psychisch verursachte Fehltage pro 100 Versicherte – das entspricht einer Erhöhung um 56 Prozent gegenüber dem Jahr 2010. Angesichts dieser Entwicklung appellieren die Experten der Dekra Arbeitgeber, die gesetzlich vorgeschriebene Beurteilung psychischer Gefährdungen ebenso ernst zu nehmen wie die körperlicher Gefahren.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.