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Von Schiedsrichtern lernen: 10 Tipps für Führungskräfte

Pfeife mit Pfeife oder respektierter Spielleiter? Für Schiedsrichter wie Führungskräfte eine Frage der Souveränität; Bild: 2touch/Fotolia.de
Pfeife mit Pfeife oder respektierter Spielleiter? Für Schiedsrichter wie Führungskräfte eine Frage der Souveränität; Bild: 2touch/Fotolia.de

Die Unparteiischen und ihre Entscheidungen auf dem Platz werden häufig nicht weniger diskutiert als die Spieler und ihre erzielten Tore. Sie, die Schiedsrichter, sind es, die stets aufs Neue mit einer einzelnen Entscheidung ganze Spiele entscheiden können und mitunter das halbe Stadion und die Fans an den Bildschirmen in aller Welt gegen sich aufbringen können. Der Druck, der auf ihnen lastet ist oft riesig, zumal viele ihrer Entscheidungen in Sekunden getroffen werden müssen. Spätestens hier, beim Arbeiten unter hohem Druck und der Notwendigkeit, schnell entscheiden zu müssen, zeichnen sich erste Parallelen zur Arbeit von Führungskräften ab.

Auch ihre Sonderrolle mitten im Auge des Orkans, als “Ungleicher unter Gleichen”, zeigt beachtliche Ähnlichkeiten zur Situation vieler Team- und Abteilungsleiter. Es lohnt sich also, einmal genauer zu schauen, ob es noch weitere Parallelen gibt und ob Führungskräfte gar etwas von erfolgreichen Schiedsrichtern lernen können. Folgende bewährte Grundhaltungen und Verhaltensweisen der Topschiedsrichter können durchaus hilfreich für den Führungsalltag sein:

Tipp 1: Die Rolle annehmen – ganz oder gar nicht

Die erste und vielleicht wichtigste Erkenntnis, die Führungskräfte von Unparteiischen übernehmen können, bezieht sich auf die Bedeutung der eigenen Rolle im (Spiel-)Geschehen. Das Motto lautet: Machen Sie es ganz oder gar nicht. Nehmen Sie die Sonderrolle auf dem Feld aus voller Überzeugung an oder lehnen Sie sie lieber vorher ab, wenn sie Ihnen nicht behagt. Einmal auf dem Platz, gibt es keine Möglichkeit mehr, sich zu verstecken. Jede Bewegung, jede Geste wird von nun an beobachtet, bewertet und oft auch drastisch kommentiert. Schiedsrichter werden auch keine Fan-Idole und selten geliebt. Diese “Einsamkeit auf dem Platz”, das “Nicht-Geliebtwerden” müssen Schiedsrichter wie Führungskräfte aushalten können, um ihrer Aufgabe (und sich selbst) auf Dauer gerecht zu werden.

Tipp 2: Auf Ballhöhe bleiben

Die Abläufe auf dem Fußballfeld sind bei den heutigen Profis von oft unglaublich hoher Geschwindigkeit geprägt. Binnen Sekunden verlagert sich das Zentrum des Spielgeschehens, und eine eben noch günstige Position des Unparteiischen ist im nächsten Moment weit ab vom Ball und den gerade beteiligten Akteuren. Wer hier den Anspruch hat, stets am Ort des Geschehens zu sein, hat schnell verloren – als Schiri wie als Führungskraft. Clevere Vertreter ihrer Art bleiben grundsätzlich auf Höhe des Geschehens, rennen jedoch nicht jedem Ball gleich hinterher. Es gilt, sich geschickt zu positionieren, das Spiel stets im Auge zu behalten und dennoch bereits die weitere Entwicklung des Spielverlaufs ein wenig zu ahnen. Erfolgreiche Führungskräfte erkennen, wann es wichtig ist, am Ort des Geschehens zu sein, also zeitnah über viele Details informiert zu sein, und wann man besser die aktuelle Position beibehält und die Dinge eine Weile eher aus der Ferne verfolgt.

Tipp 3: Frühe Zeichen setzen und von Beginn an durchgreifen

Für Schiedsrichter wie auch für die Spieler ist die Startphase eines Matches eine ganz besondere. Hier wird häufig “abgeklopft”, mit wem man es zu tun hat, und getestet, wie weit man gehen kann. Schiedsrichter wissen das genau und neh men sich konsequent “ihre Pappenheimer” zur Brust. Gleiches gilt vor allem bei neu zusammengesetzten Abteilungen und Projektteams. Projektleiter sollten besonders in dieser Phase klar zeigen, wie sie mit Regelverstößen umgehen, und bereits kleine Verstöße angemessen ahnden.

Tipp 4: Keine Angst vor Superstars

Gute Schiedsrichter lassen sich weder von großen Namen noch von übermäßigem Imponiergehabe beeindrucken. Auch Abteilungen haben oftmals ihre “Superstars” – nicht nur im Vertrieb. Mitarbeiter achten sehr genau darauf, ob ein Kollege Sonderrechte genießt und eine besondere Behandlung erfährt. Vermeintliche Ungleichheiten führen so schnell zu Unmut unter Kollegen. Chefs sollten das von Beginn an im Auge behalten. Einmal gewährte Privilegien für einzelne Mitarbeiter lassen sich nur schwer wieder entziehen.

Tipp 5: Schnell entscheiden

Das Spieltempo im modernen Profifußball und die Change-Geschwindigkeit in Unternehmen haben sich in den letzten Jahren dramatisch gesteigert. Die Zeitspannen zum (Re-)Agieren haben sich drastisch verkürzt. Dies erfordert andere Kompetenzen bei den Akteuren. Schnelles Entscheiden und schnelles Handeln sind oft unverzichtbar – auf dem Platz wie in der Abteilung. Das wichtigste Hilfsmittel (neben der Erfahrung und guten analytischen Fähigkeiten) ist da übrigens oft der Bauch, oder nennen wir es etwas seriöser: die Intuition. Übrigens nicht die schlechteste Entscheidungshilfe, wie verschiedene Untersuchungen zeigen. Gute Schiedsrichter erkennen zudem jedoch, wann es gut ist, rasch zu handeln, und wann man sich besser noch einmal mit einem “Assistenten” berät.

Tipp 6: Neutralität wahren

Man kann es fast die wichtigste Haltung eines Schiris nennen: Neutralität. Er, der “Unparteiische”, darf sich nicht von Emotionen in die Irre leiten lassen, sondern muss kühlen Kopf bewahren. Führungskräfte sind häufig sehr ähnlichen Situationen ausgesetzt: Der Fall in der Abteilung scheint klar. Das “Publikum” tobt und pfeift und fordert Sanktionen. Gute Vorgesetzte orientieren sich hier am Verhalten der Profischiris. Man macht einen Schritt aus der Hitze des Geschehens, winkt die unmittelbar Beteiligten zu sich, spricht mit beiden Seiten – und trifft nach Abwägung der objektiven Lage eine Entscheidung.

Tipp 7: Die Regeln sind nicht alles

Moderner Fußball und moderne Unternehmen sind durch eine Flut von Regeln und Vorschriften organisiert und gemaßregelt. Sie zu kennen und anzuwenden, ist sicherlich eine wesentliche Grundlage für professionelles und effizientes Arbeiten. Aber Vorsicht! Wer sich dahinter versteckt und allzu oft darauf beruft, verkennt sein Amt und lässt die eigenen Möglichkeiten oft ungenutzt. Echte Autorität entsteht erst durch einen behut – samen Einsatz der Spielregeln und Sanktionsmöglichkeiten, durch Fingerspitzengefühl und Augenmerk. Auf dem Platz wie im Betrieb. Erfolgreiche Führungskräfte erkennen dies und lassen sich das Zepter nicht vorschnell aus der Hand nehmen, sondern wissen um ihre Spielräume und nutzen diese bewusst.

Tipp 8: Kommunikation ist (fast) alles

Ein Schiedsrichter lebt es Führungskräften in jedem Spiel beeindruckend vor: Ohne eine klare und verständliche Kommunikation funktioniert das Spiel nicht. Es reicht nicht aus, die Regeln zu kennen, persönlich engagiert zu sein und sich rasch ein Urteil zu kritischen Aktionen und dem Verhalten der Akteure zu bilden. Er muss kommunizieren. Und hierbei gilt: Sprechen vor Schreiben. Ein Schiri, der sein Amt versteht, nutzt dies von der ersten Minute an und richtet sich immer wieder persönlich an einzelne Spieler, bevor er zu schriftlichen Äußerungen, sprich “Karten”, schreitet. Chefs sollten sich hiervon dringend inspirieren lassen, gilt doch das persönliche Gespräch auch in digitalen Zeiten als das wichtigste Führungsinstrument.

Tipp 9: Kräfte einteilen

Profis wissen es genau: Nicht jedes Spiel ist nach der regulären Spielzeit auch wirklich beendet. Topleistung über die gesamte Spieldauer erfordert eine gute Kenntnis der eigenen Leistungsfähigkeit. Insbesondere jüngere Führungskräfte sind sich dieses Umstandes bewusst und achten deutlich mehr auf die eigene Fitness und eine ausgewogene Balance aus Arbeit und Freizeit. Die Kräfte nicht gleich in der ersten Halbzeit aufzubrauchen, ist letztlich im Sinne aller Beteiligten und verhindert so die vorzeitige Auswechslung.

Tipp 10: Lachen ist erlaubt

Schiedsrichter wie Führungskräfte haben es schwer. Schwerer als noch vor einigen Jahren. Die Erwartungen an ihr Amt sind gestiegen, der Druck durch das jeweilige Umfeld ebenso. Ihr Handeln wird genau beobachtet und hinterfragt, wobei Akteure wie auch das Publikum deutlich kritischer geworden sind. Hinzu kommt, dass ihr Tun oft über enorme Summen entscheidet und weitreichende Folgen hat. Der Nachwuchs spürt dies und lehnt oft entsprechende Angebote ab. Trotz der gestiegenen Anforderungen und vermeintlicher Widrigkeiten bei Ausübung des Jobs das Lachen nicht zu vergessen, ist ein weiterer guter Kniff, den Vorgesetzte sich auf dem Fußballfeld abgucken können. Wohlgemerkt das Lachen mit den Beteiligten, nicht über sie.

Autor:
Roland Hammer, Personalentwicklung – Coaching – Organisationsberatung, Bergheim, mail@hammer-beratung.de 

Hinweis: Dieser Beitrag ist in der “Personalwirtschaft” 9/2014 unter dem Titel “Alles tanzt nach meiner Pfeife” erschienen.

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