Was tun, wenn die Kita schließt? 

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Die Zahlen sind alarmierend: Wer beruflich Kinder betreut oder erzieht, fiel im vergangenen Jahr durchschnittlich fast 30 Arbeitstage krankheitshalber aus, in Ostdeutschland waren es sogar 34 Tage. Atemwegsinfektionen und immer häufiger auch psychische Erkrankungen machen den Beschäftigten in Kitas und anderen Betreuungseinrichtungen zunehmend zu schaffen. Das hat eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung ergeben. Der Krankheitsstand war in dieser Berufsgruppe keinesfalls immer so hoch: Zwischen 2021 und 2023 sei die Zahl der Tage, an denen die Kita-Beschäftigten krankgeschrieben waren, um mehr als ein Viertel gestiegen, so die Studie. 

Die gesundheitlichen Probleme der Kita-Beschäftigten sind schon dramatisch genug für die Betroffenen – die daraus resultierenden Auszeiten wirken sich aber auch auf die Kinder selbst und auf ihre Eltern aus: Sind Erzieherinnen und Erzieher krank, werden häufig zwangsläufig Kindergruppen zusammengelegt oder Betreuungszeiten gekürzt. Im schlimmsten Fall müssen Gruppen oder komplette Kitas schließen. In Nordrhein-Westfalen etwa waren die Kindertageseinrichtungen des Landes im Durchschnitt des Betreuungsjahres 2022/2023 an 20,5 Tagen geschlossen, gut einen Tag mehr als noch ein Jahr zuvor, wie das Statistische Landesamt mitteilte. Als Schließtage werden in der Statistik alle Tage gezählt, an denen eine Einrichtung zum Beispiel wegen Ferien, Teamfortbildungen oder eben Krankheiten geschlossen war, obwohl sie eigentlich regulär geöffnet gehabt hätte.  

Den Ausbau der Kinderbetreuung fordert Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (Foto: BiB)

Doch was tun berufstätige Mütter und Väter, wenn die Kita wieder einmal geschlossen bleibt und der Nachwuchs anderweitig betreut werden muss? Ein wahrer Glücksfall sind Großeltern, die in der Nachbarschaft leben und dann auch noch Zeit, Lust und gesundheitlich die Möglichkeit haben, die Enkelkinder zu bespaßen. „Großeltern sind diejenigen, die als erste einspringen, wenn Kinder zusätzlich betreut werden müssen“, sagt Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) und Professorin für Bevölkerungsökonomie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Gibt es solche familiären Helfer in der Not nicht, bleibt Eltern oftmals nichts anderes übrig, als daheim zu bleiben. 

Care-Arbeit ist immer noch Sache der Mütter

 Müssen Kinder zuhause betreut werden, sind es in aller Regel die Mütter, die dabei in die Bresche springen. „Die Care-Arbeit wird noch immer überwiegend von Frauen geleistet“, sagt Katharina Spieß. „Frauen mit jüngeren Kindern üben weitaus häufiger als Männer eine Teilzeittätigkeit aus.“ Müsse ein Kind zusätzlich betreut werden, sei die Konsequenz oftmals, dass Frauen ihre beruflichen Aufgaben erst am Abend erledigten. „Damit bleibt den Müttern dann kaum noch Zeit für ihre eigene Erholung“, warnt Katharina Spieß. 

Genaue Zahlen zu der Belastung von Müttern und Vätern gibt es im Hinblick auf die Kinderkrankentage. Auswertungen der Krankenkasse Barmer zeigen, dass sich seit Jahren rund dreimal so häufig Frauen um erkrankte Kinder kümmern wie Männer. 2023 wurden demnach rund 293.000 entsprechende Anträge von Frauen und rund 104.000 Anträge von Männern gestellt, die bei der Krankenkasse versichert waren. Dieser Trend sei seit Jahren ungebrochen, das zeigten auch frühere Zahlen der mit rund neun Millionen Versicherten zweitgrößten deutschen Krankenkasse. 

Rechtzeitig Vorbereitungen treffen

Man muss keine Glaskugel haben, um vorherzusagen, dass auch im neuen Kita-Jahr Eltern vor krankheits- oder streikbedingt geschlossenen Türen stehen werden. Für diesen Fall können sowohl die Beschäftigten wie auch die Unternehmen schon vorab Pläne machen. Katharina Spieß hat einige Ratschläge dazu: „Es ist sinnvoll, mit dem Arbeitgeber Modelle zu überlegen, wie Arbeitszeit im Bedarfsfall flexibel gestaltet werden kann.“ Um insbesondere Müttern keine Karriereoptionen zu verbauen, sollten größere Projekte so angelegt werden, dass Pufferzeiten eingeplant seien, die eben auch für Kinderbetreuung genutzt werden könnten.  

Das Familienportal NRW weist auf weitere Möglichkeiten hin, wie Unternehmen Eltern jüngerer Kinder unterstützen können. Neben regelmäßigen Betreuungsangeboten wie Betriebskindergärten oder der Zusammenarbeit mit Tagespflegepersonen weist das Familienportal auch auf Möglichkeiten zur punktuellen Betreuung hin. So könne eine Notfallbetreuung im Unternehmen eingerichtet werden, in der sich fachkundiges Personal je nach Bedarf für eine begrenzte Zeit um die Kinder kümmert. „Eigene Notfalleinrichtungen können meist nur von größeren Unternehmen unterhalten werden. Kleine und mittlere Unternehmen können stattdessen eine Kooperation untereinander oder die Zusammenarbeit mit entsprechenden Dienstleistern für eine Notfallbetreuung anstreben“, lautet der Ratschlag des Familienportals. Es könne berufstätigen Eltern auch helfen, wenn sie ihre Kinder zeitweise mit ins Unternehmen bringen könnten. „In solchen Fällen ist es hilfreich, wenn es vor Ort verfügbare Spielecken oder auch ein Still- und Wickelzimmer als Rückzugsort gibt.“ Viele Unternehmen hätten auch eigene Eltern-Kind-Büros eingerichtet. 

Professionelle Notfallbetreuung

Wie Notfallbetreuung konkret als Geschäftsmodell aussehen kann, zeigt das Start-up HeyNanny. Dort können Firmen ein Guthaben hinterlegen, auf das die Mitarbeitenden bei Bedarf zugreifen können, um sich eine Eins-zu-eins-Betreuung nach Hause zu holen. Kontakt zwischen den Betreuungspersonen und den Eltern gebe es in der Regel schon vorab, damit ein Betreuungsnetzwerk von ein bis zwei festen Betreuerinnen oder Betreuern aufgebaut werden könne, erklärt Julia Kahle, CEO und Co-Founderin von HeyNanny. Über eine App könnten im Notfall innerhalb von drei Stunden Betreuungspersonen vermittelt werden.  

Bei den Notfall-Profis sind es weniger die Krankentage als vielmehr Streiks, die ihnen die Aufträge bescheren. Daneben gebe es offenbar aber auch Betreuungslücken gerade in ländlichen Gebieten. Generell beobachte sie eine zunehmende Nachfrage nach zusätzlicher Betreuung – besonders am Nachmittag oder in den frühen Morgenstunden, in denen die öffentliche Betreuung offenbar nicht ausreiche, so Julia Kahle. 

Warum ist die Betreuungslücke so groß?

Die Nachfrage nach Kinderbetreuung ist in den vergangenen zehn Jahren rapide gestiegen, nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wuchs die Zahl der in Kitas betreuten Kinder um insgesamt 22 Prozent, die der betreuungsintensiven Kleinkinder unter drei Jahren sogar um 43 Prozent. Obwohl es in den Kitas 2023 rund 50 Prozent mehr Personal als noch zehn Jahre zuvor gab, finden längst nicht alle Mütter und Väter einen Kita-Platz für ihre Kinder und selbst diejenigen, die einen Platz ergattert haben, wünschen sich längere Betreuungszeiten für den Nachwuchs. Es gebe noch lange keine Bedarfsdeckung bei den Kita-Plätzen, stellt Katharina Spieß klar. 

Für die BiB-Direktorin ist die Betreuungsfrage ein hoch relevantes Zukunftsthema: „Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels braucht es Strategien, um das vorhandene Humankapital besser zu erschließen. Auch Mütter aus bildungsferneren Schichten oder Migrantinnen, die überdurchschnittlich oft keine Kita-Plätze für ihre Kinder bekommen, können dazu beitragen, die Arbeitskräftelücke kurz- und langfristig zu verringern.“ Eine bessere Personalausstattung der Kitas würde zudem dazu beitragen, die Qualität der Kinderbetreuung zu steigern, dabei hinke man in Deutschland international hinterher, mahnt die Wissenschaftlerin 

Eine Frage der Haltung von Führungskräften

Neben besseren Angeboten bei der Kita-Betreuung ist es auch das Mindset in einem Unternehmen, das Eltern – und insbesondere Frauen – das Leben erleichtern kann. Wie Führungskräfte sich positionieren, kann dabei Signalwirkung haben. So postete beispielsweise Guido Weissbrich, Mitglied der Geschäftsleitung bei Vodafone Germany, vor wenigen Tagen zum Schuljahresbeginn seine eigenen Erfahrungen mit der Betreuung von zwei Kindern auf LinkedIn. Verbunden mit einer klaren Ansage: „Für mich heißt das aber auf der Seite des Arbeitgebers auch: Flexible Arbeitszeiten und viel Verständnis für Eltern müssen gegeben sein. (…) Wie können wir die Rahmenbedingungen schaffen, dass Gleichberechtigung und Care-Arbeit die Priorität bekommen, die sie verdienen?“ 

Info

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.