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Was Personaler von betrieblicher Sozialberatung lernen können

Eigentlich betreut die betriebliche Sozialberatung Mitarbeitende,
die in Krisen geraten. Aber auch HR kommt eine Fürsorgepflicht für Mitarbeiter
zu, die in psychische Krisen geraten oder physische Probleme haben. Aber wie
reagiert HR darauf richtig?

Portrait Martin Reinhardt.
Martin Reinhardt, Sozialpädagoge und Leiter Externe Sozialberatung bei stg – Die Mitarbeiterberater GmbH. Foto: stg – Die Mitarbeiterberater GmbH

Immer mehr Mitarbeitende fallen
länger wegen psychischen Erkrankungen aus. Ausschlaggebend sind aber nicht
immer Burnouts oder Depressionen. Auch Erkrankungen und Todesfälle im Umfeld
können Menschen aus der Bahn werfen. Personaler müssen deshalb immer wieder auf
solche menschliche Krisen reagieren können. Doch wie reagiert HR darauf
richtig? Martin Reinhardt, Sozialpädagoge und Leiter Externe Sozialberatung bei
stg (Eigenschreibweise: stg – Die Mitarbeiterberater GmbH) weiß, dass sich HR
oft mit einer angemessenen Reaktion schwertut. Das könne zum Beispiel daran
liegen, dass auch Personalerinnen und Personaler betroffen oder verunsichert sind.
Bestimmte Techniken, die in Solchen Fällen Sicherheit bieten und Mitarbeitende
unterstützen, können sich Personalerinnen und Personaler von der betrieblichen
Sozialberatung abgucken.

Rolle der Sozialberatung im
Unternehmen

Aber was ist eigentlich betriebliche
Sozialberatung? In der Fachliteratur variieren Definitionen leicht. Martin Reinhardt
fasst die Funktion von Sozialberatung so zusammen: Die Sozialberatung bietet
nach einem Schicksalsschlag einen geschützten Raum, in dem Mitarbeitende einen
Schicksalsschlag verarbeiten können. Sozialberater sind nicht mit den
Unternehmensbelangen verwoben, sie sind psychologisch geschult und außerdem an
die Schweigepflicht gebunden.

Eine qualitative Studie der
Technischen Universität Dresden aus dem Jahr 2020 identifiziert die
Hauptaufgaben von betrieblicher Sozialberatung ebenfalls in der psychosozialen
Beratung, Begleitung und Unterstützung von Mitarbeitenden und Führungskräften.
Dabei dominieren in den Beratungsgesprächen laut Studie Themen wie Konflikte im
Privat- oder Berufsleben, die berufliche Leistungsfähigkeit und die eigene
gesundheitliche Verfassung.

Situationsabhängig reagieren

Aber auch die Personalabteilung selbst
kann die Mitarbeitenden unterstützen. Möchte HR Hilfe anbieten, ist vor allem
eines wichtig: “Schon die Erstreaktion der Personalabteilung ist von der
Situation abhängig”, sagt Reinhardt. Ist ein Kollege über längere Zeit
krankgeschrieben, können Personalabteilungen ein Gespräch anbieten. Das Angebot
könne dabei über alle möglichen Kanäle erfolgen. “Im Idealfall findet das
eigentliche Gespräch dann aber unter vier Augen und an einem ruhigen Ort statt”,
erklärt der Sozialpädagoge. “Am Telefon sieht man körperliche Signale nicht,
das spontane Gespräch auf dem Gang schützt den Betroffenen zu wenig.”

Hat ein Mitarbeiter einen
Angehörigen verloren, spreche man ihn am besten auf behutsame Weise an. Will er
oder sie nicht sprechen, sei das natürlich okay, so Reinhardt. “Personaler
sollten dann anbieten, dass sie zur Verfügung stehen, wenn sie oder er sprechen
möchte.” Befindet sich die Person nicht im Büro, könne HR auch eine Karte
schreiben.

Es ist wichtig, den Betroffenen immer
die Möglichkeit zu geben, auszuweichen oder das Angebot abzulehnen, sagt der
Sozialberater. “‚Behutsam’ heißt, auch empathisch vorzugehen.” Oftmals sei es
mehr die Tonalität als das gesprochene Wort, die für Betroffene einen Unterschied
macht. Auf Ratschläge, und seien sie gut gemeint, könnten Personalerinnen und
Personaler hingegen verzichten, fährt Reinhardt fort. Besser ist es, zu fragen,
ob Betroffene einen Tipp möchten, was sie tun können. Und manchmal bräuchten
Betroffene erstmal nur Zeit. Erst dann seien sie bereit, über eine Lösung oder
nächste Schritte zu sprechen, sagt Reinhardt.

Wie sollte HR weiter vorgehen?

“Es ist hilfreich, eine
Vereinbarung zu treffen, wie es weitergeht. Also zum Beispiel zu sagen: ‚Ich spreche
Sie nächste Woche nochmal an. Ist das in Ordnung für Sie?‘”, so der
Sozialberater. Wenn die Person ein Angebot klar ablehnt, seien Personalerinnen
und Personaler gut beraten, die Entscheidung zu akzeptieren. Eine Ausnahme gebe
es aber auch hier: “Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand dauerhaft in einer
Krise ist, dann darf ich mich damit nicht abspeisen lassen.”

Betroffene sind oft hin- und hergerissen. Sie wollen allein sein
und fühlen sich zugleich einsam. Deshalb ist es wichtig, ein Gesprächsangebot
zu wiederholen.

Ist der Mitarbeitende in einer
schlechten Verfassung und kommt ins Büro, obwohl er offensichtlich nicht
arbeitsfähig ist, kann HR ihn oder sie am zweiten oder dritten Tag darauf
ansprechen. “Betroffene sind oft hin- und hergerissen. Sie wollen allein sein
und fühlen sich zugleich einsam. Deshalb ist es wichtig, ein Gesprächsangebot
zu wiederholen”, erklärt Reinhardt. Außerdem könne man nicht wissen, ob die betroffene
Person das Angebot nicht doch annimmt.

Steht die Frage im Raum, ob
Mitarbeitende eine Tätigkeit weiter ausführen können, sollte HR auch hier empathisch
reagieren und dem Menschen Zeit geben. “Wichtig ist, jeden formalen oder
vielleicht juristisch notwendigen Schritt anzukündigen. Ich habe schon erlebt,
dass der Mitarbeiter einen Termin für den Amtsarzt im Briefkasten vorfand und
davon vorher nichts wusste”, so Martin Reinhardt von der Beratung stg.

Sozialberatung wird durch Corona
wichtiger

Martin Reinhardt erlebt in seinem
Alltag deutlich, dass die Corona-Pandemie psychische
Krisen fördert
und die Disposition verstärkt. “Bei jungen Menschen wirkt
sich der Mangel an sozialen Kontakten sehr stark aus”, sagt er. Sozialer
Kontakt sei wichtig, um nicht in Ängste zu verfallen, die auch gesunde Menschen
entwickeln, wenn sie dauernd um sich selbst kreisen. “Ich habe in den vergangen
20 Jahren noch nie so oft gehört, dass Menschen unter Panikattacken leiden”,
erklärt er weiter. Dabei sei es auch wichtig, dass die Sozialberatung Tag und
Nacht zu erreichen ist. Betroffene müssen jederzeit anrufen können, wenn sie in
Panik oder in ein seelisches Tief geraten.

Jeder einzelne Mitarbeiter wird
immer wichtiger, denn es herrscht Fachkräftemangel.
“Gleichzeitig werden Mitarbeitende aber immer fragiler, weil das Leben immer
getakteter ist und die innere Anspannung steigt”, erklärt Reinhardt. Damit seien
Mitarbeitende anfälliger für Krisen, die diese schwerer bewältigen können.

Ist Redakteur der Personalwirtschaft und kümmert sich insbesondere um die crossmediale Verbreitung der Inhalte. Seine Themenschwerpunkte sind Employer Branding, HR-Software sowie Betriebliches Gesundheitsmanagement.